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ÜMK. lb Märr 1897.
8. Der 16. Februar 1897 hat eine ganze Fluthvon Schriften über Philipp Melanchthon gebracht, diemeistentheils jedoch sehr oberflächlich gehalten sind undüber die Widersprüche in den symbolischen Büchern, so-wie sie durch Melanchthon in dieselben hineingetragenworden sind, stillschweigend hinweggehen. Man lobt dieAugustana von 1530, vergißt jedoch die Variata von1540, und übersieht die „Wiederholung der AugsburgerKonfession " von 1551, welche in fast allen wesentlichenPunkten im geraden Gegensatze zu dem ersten officiellenGlaubensbekenntnisse steht. Das protestantische Volk solleben in fortwährender Täuschung über den wirklichenGang der Glaubcnsspaltung gehalten werden.
Zu den relativ besten Jubiläumsschriften gehört un-streitig die Arbeit des bekannten protestantischen Theo-logen Willibald Beyschlag von Halle, welcher mitden Altkatholiken so gerne sympathisirt, um gegen denPapst um so härter und bitterer loszufahren. DiesenStandpunkt verleugnet derselbe auch in seiner Festschrift:„Philipp Melanchthon und sein Antheil an der deutschenReformation" (82 S.) nicht.
Was wollte Melanchthon auf kirchlichem Gebiet^erreichen? Beyschlag entwickelt Seite 46 diese Frage:
„Als Gelehrter überhaupt dem Alterthum zugewandt, vonallen Reformatoren am meisten in der Kirchengeschichte, inden Kirchenvatern zu Hause, flüchtete Melanchthon je längerje mehr hieher um guten Rath in den ungeheuren Fragen derGegenwart. Der Rath, den er hier empfing, konnte nur einder alten Kirche annähernder, versöhnlicher sein. Wares doch kein Zweifel, daß die Ordnungen der katholischenKirche, wenn auch in gröblicher Entstellung und hundert-fältigem Mißbrauch, auf den Schöpfungen des christlichenAlterthums ruhten, und daß demnach, wie Luther es auchhinsichtlich des Gottesdienstes gehalten hatte, in derKirchenordnnng nicht ein völlig Neues zu schaffen, viel-mehr das Alte evangelisch zu reinigen und zu erneuernwar. So entstand im Geiste Melanchthon's unter denKampfesnöthen und Friedensversuchen der Zeit das Ge-dankenbild einer evangelisch-katholischen Kirche: auch seinerAugsburger Konfession* ) mit ihrem möglichst schonendenund erhaltsamcn Charakter liegt es zu Grunde: und nochdeutlicher hat er es gezeichnet in der „Wittenberger Re-formation" von 1542, einer für den Reichstag bestimmtenund von Luther nicht beanstandeten Denkschrift welchesich neben den Lehrfragen auch auf Gottesdienst undKirchenordnung einläßt, unter anderem sich auch für dieFirmelung oder Konfirmation als Anschluß des kirchlichenJngendunterrichtes aüsspricht und die Erhaltung derbischöflichen Verfassung wenn die Bischöfe „evangelischhandeln wollten", in Aussicht nimmt. Der nachfolgendeGeschichtsverlauf hat diese schonende, an den heutigenAltkatbolicismus gemahnende Reform als unausführbarerwiesen; die Selbstsucht des Papstthums (!) und derRückhalt, den dasselbe in den romanischen Völkern besaß,waren zu groß."
Ja Melanchthon wollte sogar laut Unterschrift derpapstfeindlichen schmalkaldischen Artikel das Papstthumals menschliche Einrichtung zur Beaufsichtigung derBischöfe bestehen lassen, wenn dasselbe in der abend-ländischen Christenheit das „Evangelium" (nach Luther's Auslegung) freigebe. Dazu bemerkt Beyschlag ( S. 48):
„Das war jedenfalls, wenn wir auch heute über das
*) Wenn Beyschlag S. 40 die Augsburger Confession„das große Pamer der deutsch-evangelischen Kirche"nennt, „für dasFanderthalb Jahrhunderte hindurch Tau-sende Haus und Habe, ja Leib und Leben gelassen haben",so beweist er mit dieser Phrase nur, daß er kein Historikervon Fach sei, wie er selbst gesteht.
unpraktische Phantasiebild eines evangelischen Papstthumslächeln mögen, ein in aller Weise hochherziger Gedanke."
Melanchthon suchte auch die bischöfliche Gewalt selbst-ständig gegenüber den neugläubigen Landesherren zu er-halten.
„In der That", sagt Beyschlag weiterhin, „evangelischeBischöfe konnte es geben auch ohne einen evangelischenPapst, wie das Beispiel Englands, Schwedens, anfangsauch Ostpreußens beweist, und die Erhaltung der bischöf-lichen Kirchengewalt innerhalb der deutschen Reformationhätte nicht nur den Sieg der letzteren in ganz Deutsch-land retten können, der hernach zu allermeist an den geist-lichen Reichsständen scheiterte; sie hätte vielleicht auch dieneue Kirche vor jener Beraubung und völligen Knechtungdurch den Staat zu bewahren vermocht, welche unsereevangelisch -kirchliche Weiterentwicklung so sehr verküm-mert hat.
Was hat die anglikanische durch das Gesetz etablirteKirche eines Heinrich VIII.> einer „jungfräulichen" (!?)Elisabeth durch Beibehaltung von Bischöfen gewonnen?Ist vielleicht die Hochkirche, weniger Staatsmaschine alsdie einzelnen lutherischen Landeskirchen Deutschlands? Ohne Papstthum ist eben die wahre von Christus ge-stiftete Kirche ein Unding, wie ein lebendiger, gesunder,menschlicher Organismus ohne Haupt nicht gedacht werdenkann. Jedes lebendige .Ganze, sagt Döllinger (Kircheund Kirchen S. 25), fordert einen Mittel- und Einigungs-punkt, ein Oberhaupt, welches die Theile zusammenhält:In der Natur und Architektonik der Kirche ist es be-gründet, daß dieser Mittelpunkt eine bestimmte Persön-lichkeit, der gewählte Träger eines der Sache oder demBedürfnisse der Kirche entsprechenden Amtes sein muß.Die Geschichte aller von Rom getrennten Kirchen hatdenn auch klar und offenkundig bewiesen, daß National-kirchen mit einem Patriarchen oder Primas an der Spitzevon Bischöfen über kurz oder lang eine Bente der Staats-gewalt werden, daß der unheilvollste Byzantinismus dienatürliche Folge der Verwerfung des päpstlichen Primatesist. Eine, alle Völker umspannende, im Dogma sichnicht widersprechende Kirche kann es ohne den Papstnicht geben. Beyschlag gesteht ja selbst zu, daß Luther's Tod die Reformation ihres Führers beraubte, daß Me-lanchthon „nach seiner ganzen Eigenart dieser Führerrolle"nicht genügen konnte, daß er vielmehr der „Märtyrerder Reformation" geworden sei. .
„ „Und nicht nur, daß der lange zurückgehaltene Stromäußerer, politischer Heimsuchung sich über ihn (Melan-chthon) ergießt — schlimmer ist, daß der innere Verfall derevangelischen Bewegung, ihre Entartung in Engherzigkeitund Derketzerungssucht an ihm in einem Maße von Un-dank offenbar wird. das auch nur betrachtend zu ermessen,allzu peinlich wäre, wenn nicht die Leidensgröße desMannes, der bis aus Ende sich selbst getreu bleibt (?),uns ein Gegengewicht böte" (S. 59). !
In Augsburg hatte Melanchthon an ein freies,christliches Concil ohne Vorbehalt appellirt, noch auf demSchmalkaldener Bundestage hatte er dessen Beschickungbefürwortet, aber als zuTrient wirklich 1545 die Kirchen-versammlung eröffnet werden konnte, da erklärte derselbeMann, daß die dort versammelten Väter „sich um dieKirche Christi nicht mehr bekümmerten als Homer'sCyklopen" (!) (S. 61). Ja in jener Schrift, welche aufkurfürstlich sächsischen Befehl abgefaßt wurde, um alsEinignngsformel in Trient vorgelegt zu werden, in dersogen. Wiederholung der Augsburger Confession, stellteMelanchthon die Päpste auf gleiche Stufe mit den Sad-dncäern und Pharisäern, schob das Märschen aols. (allein)