Ausgabe 
(19.3.1897) 16
 
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in die Ncchtfcrtignngslehre ein:Wir werden gerechtdurch den Glauben allein", obwohl in der Augnstanavon 1530 dieser Zusatz fehlte. Wie Beyschlag (S. 65)die sogen. Wiederholungeine erneute Darlegung desevangelischen Bekenntnisses" zu nennen vermag,die mit vorzüglicher Klarheit alles um die beidenGesichtspunkte des Ncchtferti'gungsgcdankens und desKirchcnbegriffes grnppirte, in welcher von Jnterims-Zu-geständnissen nichts zu spüren" war, ist uns unerfindlich.Denn dieWiederholung der Augsburger Confession" steht ja in den wesentlichsten Punkten im geraden Gegen-satze zur Bekenntnißschrift, welche 1530 dem KaiserKarl V. war übergeben worden. Selten, sagt Pastor(Die kirchlichen Nennionsbestrebungen während der Re-gierung Karl V., S. 433), ist wohl in einem officiellenGlaubensbekenntniß eine Uutvahrheit mit frecherer Stirnbehauptet worden, als in dieser sogen.Wiederholungder Augsburger Confession" . Das Verhalten Melan-chthons ist völlig unentschuldbar.

DieFalschheit" bei allen Ausgleichsverhandluugenauf religiösem Gebiete, sei es auf Neligionsgesprächen,sei es auf dem Concil zu Trient, lag nicht aufpapisttscherSeite", wie Beyschlag S. 45 behauptet, sondern geradebei Melanchthon, der schon 1530 sehr unehrlich vorging,als er im Artikel XX der Augnstana sich auf denhl. Angustin berief, obwohl er sich der gegentheiligenLehre des großen Bischofes von Hippo wohl bewußtwar. wie er in einem Briefe an Johannes Brenz selbergestand. (DLllinger, Die Reformation I, 358; Janssen,Geschichte des deutschen Volkes, 12. Aufl. III, 171.)Darüber schweigt natürlich Beyschlag, betitelt dafür denschlagfertigen Disputator Eck aus Jngolstadt alsaltenKlopffechter" (S. 45) und feiert dieGewissensfreiheit",für welche in der alten Reichsverfassung kein Platz sichgefunden habe. Ja er sieht sogar in dem Speyerer Protesteeinen Minderheitsprotest für Gewissensfreiheit"(S. 31), obwohl gerade die der alten Kirche anhängendeMehrheit der Rcichsstände gefordert hatte, daß in denTerritorien der neugläubigen Fürsten neben dem Fort-bestehen des Geänderten die alte Religionsübung derKatholiken bis zur Entscheidung eines allgemeinen Concilswenigstens noch geduldet werden sollte. Gegen dieseDuldung protestirte am 25. April 1529 die neugläubigcMindcrbeit der Fürsten und Reichsstädte. In der SpeyererProtestation von 1519, sagt mit Recht Pastor (I. o.pug. 15), ward zum erstenmale das Princip:Wessendas Land, dessen auch die Religion", das Principder Unduldsamkeit, in officieller Form verkündet.

Melanchthon, der selbst im Laufe der Jahre seineAnschauungen vielfach änderte, vorzüglich in der Lehrevon der Freiheit des menschlichen Willens und hinsichtlichder wirklichen Gegenwart Jesu Christi im allerheiligstenAltarssakramente, war gegen abweichende Meinungensehr unduldsam, am wenigsten konnte er die Katholikenertragen. Wofür haben denn Fürsten und Städte, äußerteer,unsere wahre Lehre in Schutz genommen, wenn sie nichtin ihren Gebieten den falschen Gottesdienst abschaffenund nach Luther's Auslegung des 82. Psalmes gegenKetzereien vorgehen wollen? (Paulus, Die StraßburgerReformatoren, Seite 5.) Schon in der Apologie derAugustana hatte Melanchthon den Heiligeudienst derKatholiken alseine öffentliche heidnische Abgötterei" er-klärt (Müller, Die symbolischen Bücher, S. 291). Ineinem Briefe an Schwenkfeld vom 16. Februar 1542bemerkt er abermals:Ich habe mit den groben iMs.tris, ^

den Papisten zu streiten genug" (Forschungen zur deutschenGeschichte XVI, 14). Ein besonderer Greuel war ihmdieBrodanbetung", d. h. der Glaube an das großeGeheimniß der wirklichen Gegenwart Jesu Christi imallerheiligsten Altarssakramente.

Der empfindlichste Punkt, an dem sich eine theo-logische Differenz zwischen Luther und Melanchthon her-ausbildete, sagt Beyschlag S. 51, war, der wundeste Lehr-punkt der Reformation überhaupt, die Abendmahlsfrage.Mährend Melanchthon im Anschlüsse an Luther 1530in der Augustana die wirkliche Gegenwart des Leibesund Blutes des Herrn im Abendmahle lehrte und dierationalistische Auffassung Zwingli's verwarf (Art. X),huldigte er nach dem Marburger Gespräche der LehreCalvin's, indem erLeib und Blut" offenbar in keinemmateriellen, sondern in einem geistigen Sinne nahm unddemgemäß auch den Artikel X in der neu durchgesehenenund verbesserten Ausgabe des Augsburger Bekenntnisses von 1640 umgestaltete. Beyschlag bemerkt: Melanchthon sei durch diese Schriftauslegungvon allen Reformatorendem biblischen Abendmahlsgedanken am nächsten" ge-kommen (S. 53).

An einer anderen Stelle (S. 40) hat Beyschlagdie Augustana von 1530 als dasclassische Hauptsymbolunserer Kirche" gefeiert, in dessenFcsthnltung wir denGlauben unserer Väter noch heute als den unsern be-kennen." sNun ist aber zwischen Artikel X der Bekenntniß-schrift von 1530 und jenem von 1540 fast ganz das-selbe Verhältniß wie zwischen katholischem Dogma undcalviuischem Nationalismus; aber gleichwohl findet Bey-schlag, der offenbar den Standpunkt Calvins theilt, inder Augustana von 1530 seinen Glauben identisch mitdem Glauben der Väter! Das ist doch die reinsteSophistin Zudem wurde die Schrifterkläruug Melan»chthon's, wenn auch ohne Nennung des Namens, in derConcordicnformel von Bergen (Art. VII, Müller, Seite538639) ausdrücklich verworfen, und diese Formelgehört auch zu den symbolischen Büchern der deutschenLutheraner, wie Beyschlag S. 80 selbst gesteht:

Damit war", so fährt Beyschlag in seiner Be-trachtung über die Concordienformel fort,die deutscheReformation endgiltig in zwei Parteikirchen zerrissen, dieeinander bald grimmiger haßten und befehdeten als dengemeinsamen Erbfeind und demselben dadurch zur Wieder-eroberung des verlorenen Gebietes die Thore öffneten.Getragen von habsburgischer Macht und jesuitischer Listüberzog die furchtbare Gegenreformation das evangelischeDeutschland, indem Lutheraner und Reformirte einanderim Stiche ließen, und wenn es auch nicht gelang, dieReformation ganz auszutilgen, so gelang es doch, ihr dashalbe Deutschland zu entreißen und das ganze in einenTrümmerhaufen zu verwandeln."

Demnach wäre der Widerstand gegen Gewalt uirdBedrückung eine Ungerechtigkeit, wäre die sittliche Er-neuerung katholischer Länder durch die verschiedenenOrdensgenossenschaften der Anlaß zur Verwüstung Deutsch-lands geworden. Haben nicht lutherische und reformirteFürsten in schamlosester Weise mit dem französischen Erb-feind sich verbunden, und Kaiser und Reich um Judas-löhne verrathen?

Doch hören wir Beyschlag's Schlußwort:

Wenn heilte Melanchthon's verklärter Geist her-niederstiege und die geistigen Lager in seinem geuebtenDeutschland durchwanderte, würde er weniger Ursachehaben, sich um dasselbe abzusorgen als damals? Erfände auf der einen Seite einen Zeitgeist, der mit allemgebrochen, was ihm, dem durchgebitdetsten Denker des16. Jahrhunderts, heilige und heilsame Wahrheit gewesen,nicht blos mit dem evangelischen Bekenntniß, sondern nnt