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jedem Gottesglaubcn, eine nenheidnische Wissenschaft undCultur , die von den Höhen der Gelehrsamkeit bis in dieArbeiterkreise hinabreichend selbst das letzte Gewisse, wases für den edleren Menschen gibt, die Unbcdingtheit desSittengesetzes, naturalistisch zu zersetzen geschäftig ist. Under fände auf der anderen Seite eine neue. furchtbareMachterhebung des Papstthums, das inzwischenden Gipfel der Selbstvergötterung und absoluten Gewissens-beherrschung erklommen, das unser Vaterland mit einemtödtlichen Netz von Aberglauben und Fanatisirung bereitshalb umgarnt hat und alle Geistesfrüchte unserer Re-formation auszurotten bemüht ist, während an den Orten,wo man sich einst im 16. Jahrhundert tapfer dafür ein-setzte, unserem Volke das reine Evangelium zu bewahren (?).heute zumeist nur muthlose Beugung unter Nom zu ge-wahren ist." (S. 81.)
Luther und Melauchthon unternahmen einen kühnenSturmlanf gegen das Papstthum, das sie vom Teufelgestiftet wähnten, das sie für den leibhaftigen Antichristin den schmalkaldischen Artikeln erklärten — aber wasgeschah? „Eine neue humanistische Bildung hat diealte Orthodoxie überflügelt, hat sich in ihrem Hauptstromvon Luther uud Melauchthon, oder wenigstens vomBesten, was sie vertreten haben, gleichmäßig abgewendet",gesteht Beyschlag selbst (S. 81). Wo sind demnach dieGeistesfrüchte der Reformation? Eine neuheidnischeWissenschaft hat Platz gegriffen, aber das Papstthum istnicht untergegangen, es lebt noch, ja es ist vielleichtgeistig kräftiger und stärker denn je. Sollten denkendeMenschen nicht daraus den Schluß ableiten: dasPapstthum müsse Gottes Werk sein, da es bisher alleStürme der Jahrhunderte glücilich überdauert hat?Als Melauchthon auf seinem Sterbebette lag, da wieder-holte er oft die Worte des hohenpriesterlichen Gebetes:„Auf daß sie eins seien wie wir" (S. 80). In diesemSinne, nach Wiedergewinnung kirchlicher Einheit unterder Führung Roms, theilen auch wir den Wunsch desTheologen von Halle:
„Ach ja, es thäte noth, daß endlich wieder ein Strommelanchthonischen Geistes sich in die deutsch- evangelischeChristenheit ergösse, der Glaube und Bildung, Wissen-schaft und Frömmigkeit als die unzertrennlichen Schutz-engel des deutschen Volksgeistes erkennte" (S. 82),
damit endlich einmal aller Hader und alle Ge-hässigkeit unter Stammesbrudern aufhöre und das Ech-theit des christlichen Glaubens gegen die Macht und Listdes Unglaubens gewahrt bleibe. Möchte Gott Gnadegeben, daß diese Grundzüge melanchthonischen Geistesunter uns Heller aufleuchten l
Znr Geschichte des Kreuzweges.
ll. ?. 8. Kein Pilger in Jerusalem versäumt es,den Weg zu besuchen, den der Herr mit dem Kreuze be-laden für unser Aller Heil gegangen ist. Dabei steht erohne Zweifel mehr auf Liebe und Andacht, als auf ge-naue Kenntniß. Dennoch wird der Besucher sich auch zujener um so mehr angeregt fühlen, wenn er überzeugt ist,daß er gerade da steht und wandelt, wo der .Herr ge-standen ist und gewandelt hat. Wo aber war dieses?
Schon der Jesuit Villalpaudi vor 300 Jahren(1596 — 1605) äußerte Zweifel an der Richtigkeit derStellen, die man gewöhnlich als Stationen des Kreuz-weges bezeichnet, und in neuerer Zeit sind der Zweifelimmer mehr geworden sowohl bei Katholiken als Pro-testanten. Es ist daher der Mühe werth, der Sache aufden Grund zu sehen.
Der Ausgangspunkt ist naturgemäß das Haus desPilatuS, in welchem Christus endgiltig gerichtet und vcr-urtheilt worden ist. Allein gerade dieses ist viel um-
stritten. Die hl. Schrift sagt es eben nicht, wo es ge-standen. Indessen bietet sie im Zusammenhalt mit derGeschichte doch feste Anhaltspunkte. Die römischen Statt-halter, wie Pilatus einer war, residirten durchgängig inden Palästen der vorausgehenden Herrscher, theils desAnsehens, theils der Zweckmäßigkeit halber. Herodes d.Gr. hinterließ in Jerusalem drei Paläste, welche Pilatuswählen konnte und die nur in Frage kommen. Derältere von diesen ist der Palast der Hasmouüer, welcheHerodes vom Throne verdrängt hatte. Er wohnte aucheine Zeit lang in demselben, doch fühlte er sich darinnicht heimisch, wohl in Erinnerung, wie er in dessenBesitz gelangt. Zudem bot er nicht Raum für eineTruppenmacht, welche zur Niederhaltung der fortwährendaufrührerischen Gelüste genügt hätte. Dieser Mangelmußte umsomehr bei dem Heiden Pilatus ins Gewichtfallen, dem die Juden noch feindseliger gegenüber standen,als dem Jdumäer. Es ist auch keine alte Nachricht vor-handen, daß Pilatus dort gewohnt hätte. Nur wollteman die Angabe des ältesten Pilgers von Bordeaux (333),daß das Richthaus „unten im Thäte" gewesen, auf diesenPalast deuten?) Allein er stand zwar unweit derNiederung, welche mau früher das Käsemacher-Thal,später zur arabischen Zeit erst das Wad nannte. Indeßim Thale stand er nicht, sondern an der Südwestseitedem Tempel gegenüber, so hoch wie der Tempelplatzselbst, so daß man von dort alle Vorgänge im Tempelbeobachten konnte. Um dieses zu verhindern, führten dieJuden sogar eine hohe Mauer dazwischen auf?) Nachdem Tode des Herodes d. Gr. gingen seine drei Paläste,nämlich der obeugcnannte, dann der im Nordwcsten unddie Burg Antonio, in das kaiserliche Eigenthum über.Herodes Antipas war nur Vierfürst von Galtläa undPcräa und hatte seine Residenzen in Tiberius undMachärus. Im Hasmonäcr-Palast hatte er nichts zusuchen. Wenn er um Ostern als Festpilger nach der hl.Stadt kam, mußte er wo anders absteigen. Die Tra-dition zeigte von jeher seine Wohnung am Bezctha inder Richtung des Herodcs-Thores, wo noch jetzt ein an-sehnlicher, wohl saracenischer Bau steht. Er ist unzu-gänglich und daher das Innere unbekannt. Haus vonZimber (1483) wurde nicht eingelassen, „weil darin desHauptmanns Dirnen sind". Der Bezctha war hoch,darum heißt es (Luk. 23, 7): Christus wurde hinauf-geführt.
Agrippa I. vereinigte wieder die ganze Herrschaftseines Großvaters und konnte also im Hasmanäcr-Palastwohnen, scheint es jedoch nicht gethan zu haben. SeinSohn Agrippa II. regierte wieder auswärts in Chalkis und später in Thileu von Galiläa uud Peräa; er wohnteaber dort, weil ihm die Obhut des Tempels und zudiesem Behufe die Wohnung eingeräumt war. Wie un-sicher jedoch diese war, geht klar daraus hervor, daß ersammt seiner schwesterlichen Gemahlin Bcrcnike darausvor seinen eigenen Landslenten flüchten mußte.
Schon Herodes d. Gr. hatte diesen Palast verlassenund sich eine neue Burg von verschwenderischer Prachtan der Nordwestseite der Oberstadt gebaut, da, wo ehe-mals die Burg Davids gewesen, und damit ihm dernöthige militärische Schutz nicht fehle, errichtete er nichtweit davon drei starke Thürme, welche er nach seinemBruder Phasael, seinem Sohne HippiknS und seiner
') Das neucstens auf dem russischen Platze aufgedeckteburgartige Gebäude kaun der Pilger nicht gemeint haben,weil es links, nicht rechts von seinem Wege war.