Ausgabe 
(27.3.1897) 17
 
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Die Inschrift von Hsi-Ail-Fn, ein altchristlichesDenkmal in China.

^ Manchen Lesern dieses Blattes kommt der NameHsi-An-Fn heute vielleicht zum ersten Btale unter dieÄugen. Den Sinologen ist er geläufig, denn an den-selben knüpft sich der Gelehrtenstreit über die Aechtheitdes ältesten, uns erhaltenen christlichen Denkmalsin China.

Soweit wir von heute an auf die Geschichte desChristenthums in China in sicherer ununterbrochener Zeit-folge zurückschanm können, verdankt es seine Anfänge denMissionären aus der Gesellschaft Jesu , welche alsbald nachihrer Gründung sich das große Land mit der eigenthüm-lichen, aber in seiner Art hochentwickelten Cultur alsMissionsgebiet erwählte. Dort haben die Jesuiten inder That Wunderbares geleistet: in Zeiten der Verfolgungmit erstaunlichem Heldeumuth ihr Blut als Märtyrer ver-gossen, in Zeiten des Friedens mit der Predigt des Evan-geliums die wissenschaftliche Forschung so erfolgreich ver-einigt, daß wir fast Alles, was wir aus älterer Zeit aufsiuologischem Gebiete besitzen, den Jesuiten verdanken.Bei dem Gedanken, daß unter dem zweiten Kaiser dergegenwärtig noch regierenden Tshiug-Dynastie, unter demenergischen K'ang-Hsi( 1662 1723) zwischen demSohndes Himmels" und den gelehrten Ordensmännern einfriedlicher Austausch wissenschaftlichen Strebens und eineglückliche Eintracht herrschte, die in der Folgezeit leichthätte dahin führen können, daß wir heute China einchristliches Reich nennen dürften, bei dem Gedankensagen wir kann man den Unmüth nicht verbergen überden servilen und kurzsichtigen Papst Clemens XlV., der1773 durch Aushebung des Jesuitenordens die kostbarsten,mit schweren Opfern errungenen Früchte, wie auch dieschönsten Hoffnungen selbstloser Missiousthätigkeit miteinem Schläge zerstörte und es mitverschuldcte, daß nachund nach allerlei christliche Sekten (meist aus Amerika )in China Eingang fanden, deren sich so vielfach wider-sprechende Lehren dem denkenden Chinesen die christlicheReligion nicht verlockend erscheinen lassen.

Die Jesuitcn-Missionäre waren aber nicht die ersten,Welche christliche Lehren iu dasReich der Mitte" (stoftunZ-Luv) gebracht haben. Als sie ihre Missionsthätigkeit be-gannen, fanden sie Spuren christlicher Ansiedelungen vor,die freilich schon Jahrhunderte vorher wieder vorn Schau-platz verschwunden waren.

Die Legende, welche die Welt nach dem Tode desHerrn kurzer Hand unter die zwölf Apostel vertheilte,machte den hl. Thomas zum ersten Glaübensboten -) derChinesen; er soll, nachdem er 'in Pcrsien und Indiengepredigt, auch nach China vorgedrungen sein. Ungefährum dieselbe Zeit, da der Buddhismus in China Eingangfand (um 65 n. Chr.) soll der Sage nach ein chinesischerFürst sich durch Gesandte, die er in die westlichen Länder

^ ) Unter K ang - Hst war bekanntlich P. Ferdinand

Verbrest ( 8 . ck.) Director der kaiserlichen Sternwarte nPei-Tshing (Peking ). Der großmüthige Gönner der Wissenschaft auf dem Throne war selbst Gelehrter; seinWörterbuch (Ws 2 s tien) hat klassisches Ansehen. Vgl. FriesGeschichte Chinas nach chinesischen Quellen (Wien 1884)S. 270.

st Vgl. Huc (langiahriger Missionär in China undTrbet)I,s okristianism« «n OIuns, en Wortart« «t onwbidöt« (4 voll. waris 1857) w. I, p. I.

schickte, christliche Lehrer erbeten haben, und im drittenJahrhundert zählt Arnobins dieSerer" ( Chinesen?)zu jenen Völkern, die den christlichen Glauben ange-nommen haben. Diese Nachrichtens entbehren indeß derBegründung, und von da an verstummen sie gänzlich.Den Anstoß zur geschichtlich beglaubigten BesiedelungChinas durch Christen gab der Nestorianismus. DieLehre des Patriarchen Nestorius von Konstantinopel, daßin Christo auch zwei Personen (nicht bloß zwei Naturen)seien, sowie daß Maria nicht 8 - 016 x 0 ;, sondern nurXo-.oioioxo; (also nur Meuschen-Gebärerin) sei, wurdevon der Kirche auf dem III. allgemeinen Concil zuEphesns 431 feierlich verworfen; vier Jahre später be-gann Theodosius die Anhänger der neuen Lehre mitgroßer Härte zu verfolgen, wodurch ihr Widerstand nichtgebrochen, sondern nur verstärkt und ihre Zahl vermehrtwurde.

Den widerspenstigen Nestorianern wurde der Auf-enthalt im ganzem Reiche unmöglich gemacht, und sogriffen sie zum Wanderstaü. . In Schaaren zogen sie, denSpuren des Apostels Thomas folgend (Thomas-Christen),nach Syrien, Arabien, Persien , Indien, und endlich, bisnach China. Dort blieben sie, wie es scheint, vielfachunbclästigt, nahmen aber auch, von der Einheit der ka-tholischen Kirche losgerissen, viele fremde, heidnische Be-standtheile (Feuer-Cultus) in ihr Christenthum auf. Solebten durch den harten Kampf um's Dasein einandergenähert im Reiche der Mitte, wo die verdrängten Nestorianerdas Ziel ihrer Wanderung fanden, die Bekenner Christi friedlich neben den Anhängern des Confncius (Knng-Tsze) und des Buddha (Fo) und erhielten sich dort auchsehr lange Zeit. Nachrichten von der Existenz der Thomas-Christen in China haben wir aus dem 8 . Jahrhundert;^)gegen Ende des 13. Jahrhunderts erwähnt Barhebräus einen christlichen Erzbischof in China (Osssmani, Libl.or. II, 255), De Sacy (Xoticws, XII, 277) beschreibteine in China gefundene syrische Bibelhandschrift, undnoch der große Venezianer Marco Polo fand in derMongolei wie in China eine Menge Nestorianer, die dasSyrische ") sogar zur Bedeutuug einer Art von Gelehrten-sprache in tartarischen Gegenden brachten.

Das merkwürdigste Zeugniß aber von den weitenWanderungen der Syrer und der Existenz christlicher Ge-meinden in China ist die berühmte syro-chinesische Inschrift,die im Jahre 1625 bei dem Städtchen Hsi-An-Fn H inder Provinz Shan-Hst gefunden wurde. Dieser interessanteFund hat die ganze gelehrte Welt in Aufregung versetzt;wir finden kaum eine fachwissenschaftliche Zeitschrift, diediesem Gedenkstein und seiner Inschrift nicht ihre Auf-merksamkeit geschenkt hätte. Bereits 11 Jahre nach der

°) Vgl. Rohrbacher, Historie äs I'vgllss (Worts1857) w. XXV, x. 69 u. ff.

8 Xövs, Mabllssomsnt st ckestruotion cks la Premiersollrätientä sn 6kin«. I-onvain 1846.

°) wen an, Histoirs gönörals st Systeme eomxaräckss langn«!? sLmitiguss. (Worts 1663.) pag. 288. Diemongolische Schrift hat (wie die chinesische) die Richtungvon oben nach unten, sonst ist sie der syr. Estranghelo-schrift so ähnlich, daß Klaproth und Römusat an eineEntlehnung von den Nestorianern denken.

y Vgl. Wla^kair, wir« eitles anck tovns ok Odin»(Hongkong 1879) M. 2620 ; 6160. Wir schreiben nachhochchinesischer Aussprache (Peking-Dialekt): Hsi-An-Fustatt des gewöhnlichen: Si-Ngan-Fu, wie oben Pei-Tshing(Peking), K'ang-Hsi (Kang-Hi) usw.