Ausgabe 
(27.3.1897) 17
 
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schmack mitgenommene Frauenkirche kn Nürnberg von demfrühern Director des Germanischen Museums, Dr. Aug.Essenwein, so gründlich restaurirt wurde, daß man mitdein aufgewendeten Gelde ganz gut eine geräumigere Kirchehätte neu aufführen können, da war es doch ein Glückfür das architektonische Schatzkästlein auf dem grünenMarkte, daß es nicht gar viel an der plastischen wiemalerischen Dekoration zu erneuern resp. zu ergänzen gab.

Die Innenwände mit neuen alten Mustern undTeppichen von oben bis unten, wie beabsichtigt, zu be-malen, verhinderten die alten von Pros. Eberlein inNürnberg entdeckten und dann auf Anordnung der Re-gierung aufgefrischten naiv aumuthigcn Wandbilder, diemeist aus der Zeit der Erbauung der Kirche (1355 bis1361) stammen. Diese wurden vom Director Essenweinin ihren Lücken ergänzt und vom Dekorationsmaler I.Looseu neu übermalt. Die großen Gruppen der scharfstilistisch bewegten Gestalten auf den zwei Streifcnbildernaus der Legende der hl. Ursula über dem Marienaltare,in den der Zeit eigenthümlichen feinen, gebrochenen Farben,machen vor andern einen feierlichen Eindruck. Die Scenenaus der Legende und dem Martyrium der Heiligen unterden Fenstern zeigen Gestalten von der Lieblichkeit undAnmuth derer aus der Kölner Schule. Auch Einzel-figuren, farbige Wcihckrenze nebst Todtenschilden sind überdie Wände vertheilt.

Den an der Nordwand des Chores befindlichen zweigrößer» hl. Franengestalten von strengem Stil und schönerZeichnung gegenüber macht der kolossale, von einer Mauer-lücke mitten entzwei geschnittene, neue St. Christoph mitseiner nicht gerade idealen Figur und seiner flachmaler-ifchen dekorativen Technik einen etwas kölnischen Eindruck.

Von all den Wandmalereien im Innern der Kirchesind aber glücklicherweise die zwei etwas spätern, pracht-voll componirten und vollendet gezeichneten Gruppen ander Wcstwand unterhalb der Orgelempore (nunmehrdurch je einen Leinwandüberzug und Beichtstuhl ver-deckt!) von der Hand des Dekorationsmalers oderNestaurators" verschont geblieben. Von ihnen ist be-sonders die nördliche, die Madonna mit dem Kinde vonHeiligen umgeben darstellend, noch gut und mit scharfenContouren erhalten. Diese Perlen spütgothischcr Malereivon imponirender Gesammthaltnng und feinster Linien-führung harren noch immer der verständnißvollen Reno-vation durch die sichere Hand eines durchgebildetenKünstlers.

Die Säulen wurden mit den neuen, von Essenweingezeichneten, spätgoihischcn Figuren der Apostel nnd dervier großen Kirchenvüter mit Spruchbändern durch Loosenbemalt. Den Fußboden ließ Ersterer in Mosaik mit den-selben romanisch gehaltenen Darstellungen der vier Ele-mente, der Lebensalter (im Chöre: des fruchtbaren nndunfruchtbaren Baumes und der Paradiesesströme) be-legen, die er an der Decke des von ihn: rcstaurirtenromanischen Domes zu Vrannschwcig hatte anbringenlassen.

Wie der Fußboden nach der Auffassung der Altenals ein Sinnbild der Erde, so sollte das Deckengemäldeals Sinnbild des Himmels erscheinen. Darum ließEssenwein den obern Rand der Pfeilerkapitäle mit 48neuen vergoldeten Engeln, mit Musikinstrumenten in denHänden, besetzen. Früher waren solche jedenfalls nichtvorhanden. Die neun Schlußsteine des dreithciligengleichhühcn Hallcnschiffes mit Darstellungen des Marien-cnltes nnd eines Christnskopfcs erhielten ihre alte Be-

malnng. Der neue, unter den Fenstern des Chores um-laufende Teppich ist mit den symbolischen Bildern derlauretanischen Litanei bedeckt. Wie die imponirenden,ächt statuarischen ältern Standbilder des Chores (KaiserKarl IV. nebst Gemahlin Maria und die heiligen dreiKönige), dann die über dem Gesimse mit ihren Leuchter»knieendcn lieblichen Engel, so wurden auch die wie jeneEngel meist der Spätzeit des XV. Jahrhunderts ange-hörenden Scnlptnren des Schiffes außer dem wunder-vollen Pergeusdörfer'schen Grabdenkmal von gedunkelteingrangelbem Stein an der Nordwand, das im starkenHochrelief unter einem reich durchbrochenen Spitzgiebeleine herrliche jungfräuliche Madonna mit einem kindlichlebhaften Jesuskinde zeigt, die von zwei Engeln gekröntwird, während zwei andere ihren Mantel über die Schutzsuchende Christenheit ausbreiten, ein Werk Adam Krafftsvom Jahre 1499 sowie auch der ungewöhnlich reicheBildschmuck des Innern der Vorhalle neu polychromst,sowie die Bilder der personificirten Tugenden Mariensund darüber der klugen und thörichten Jungfrauen an denSeltenwänden der Halle frisch aufgemalt.

Am kräftigsten und verhältnißmäßig am brillantestenerscheint gerade die Polychromirnng dieser Vorhalle, desParadieses, das bis dahin wie in schwarzer Nacht derVergangenheit begraben lag und nun, gleichsam aus dendunkeln Schatten des Todes erstanden, den Eintretendenwieder mit dem seinen erhabenen Raum erhellenden neuenGold- und Farbenglanze stimmungsvoll anmuthet. Dieseconcentrirte und erhebende malerische Wirkung, welche vonden polychromsten Statuetten nnd Reliefbildern im Tym-panon der innern Eingangsthüre und den neuen, voinSchlußstein ausgehenden und zu den Gewölbekappen sichhinziehenden, theils figürlich symbolischen, theils orna-mentalen Malereien ausgeht, wird vorherrschend erzieltdurch den kräftigen Zusammenklang der drei dominirendenFarbcutöne. Es sind die Grundfarben Roth, Gold(Gelb) und Blau, welche nach dem Gesetze der Farben-vertheilung zum Ganzen sich genau ausgleichen lind nurdurch wenig Grün in den Hohlkehlen, Fialenblenden,Sockclgründen und an den innern Flächen der Drapir-ungen abgelöst werden, unten jedoch in ein sattes Noth-braun der Wandsockel und oben am Gewölbe in eirnuancirtes Blau als Untergrund der symbolischenRing- nnd Strnhlenkreise, der Cherubim, Seraphim unkThrone, übergehen.

Für einen solchen spärlich beleuchteten Raum, wieunsere Vorhalle, ist eine so kräftige Polychromirnng inGlanzgold nnd den ungebrochenen Grundfarben, schonzur Erzielnug einer möglichst deutlichen Anschauung desBildschmnckes, gewiß berechtigt, ja geboten. Für einlichchellcs und zugleich so beschränktes Interieur würdedie konsequente Bemalnng in den vollsaftigcn, unge-mischten Farbentönen, wie sie mit dem Pinsel aus deinFarbcntopfe genommen werden, einem modernen Augedoch zu beleidigend erscheinen; außer wenn sie in nichtzu langer Zeit durch Staub und Rauch zu dunkeln (pa-tiniren") Aussicht böte.

Die drei Fenster des östlichen Chorabschlusses wurdenvon Essenwein in ihrem bildlichen Inhalte nach denwenigen noch vorhandenen Scheiben rcconstruirt (Pfingst- fest, Himmelfahrt Mariens, Hierarchie der Kirche rc.)und nebst den andern von Glasmaler Klans in Nürn-berg ausgeführt. Sie bilden ein einheitliches Ganze inZeichnung und Farbe nnd legen vor allem ein glänzendesZeugniß ab von der gründlich ausgebildeten archäolog»