Ausgabe 
(27.3.1897) 17
 
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ischcn Kunst dcs Ersieren. Könnte sie doch selbst derKenner nach Stil und Technik bis anf die ja nichtganz zn erreichende Tiefe der Leuchtkraft fast fürechte" halten!

Weniger einheitlich wirken die sehr verdunkelndenFenster im Schiffe, in welchen die mit vielem Silberweißdurchsetzten weichfarbigcn alten Wappenbilder ergänztwurden durch nicht ganz passende, in der JnnsbruckcrGlasmalerei nach den Entwürfen des ch Pros. I. Kleinin Wien hergestellte Krcnzwegstattonen, die mit ihrenkribbeligen, schattenschmntzigen Bekrönungen, den schwerenTcppichanhängscln und den obern dnnkelgründigen rothenund blauen Scheiben es zu keiner rechten Harmonie kommenlassen. Sie machen auch die Kirche, die an sich schondurch die sie im Süden und Osten im geringen Abständeumgebenden Häuser verdunkelt wird, noch dunkler, so daßdas Innere im Winter wie in Nacht gehüllt wird. Schonin spätgothischer Zeit hat man bei der Liebe, durch reichsteFenstcrbemalimg ein möglichst abgeschlossenes, stimmungs-volles Interieur zu schaffen, dadurch wieder das Innerenehr zu erhellen und ein klarer beleuchtendes Licht zugewinnen gesucht, daß man die obere Hälfte der hohenFenster mehr mit lichtem, durchsichtigerm weiß- und gold-farbigem Maß- und Rankenwcrk ausfüllte und sonst auchmehr das hellende Silberweiß verwendete. Damit dieBeter in der Frauenkirche im Winter lesen können inihren Gebetbüchern, wird nichts anderes übrig bleiben,als etwa die unterste und dritte Reihe der verdunkelndenGlastafeln zu entfernen und die andern herunterzurücken.

Im Ganzen verfehlt aber die brillante Farben-harmonie der Glasgemälde des Chores im Verein mitder Leuchtkraft der alten Tafeln im Schiff, sowie diewarme, von dem gebrochenen Lichte der farbcnsattenFenstergläser mystisch gedämpfte Stimmung des ganzen,so reich dekorirtcn Interieurs nicht ihre unmittelbare,feierlich ansprechende Wirkung. Der durchgehende (durchUmbra und Ocker hergestellte) feine rehbraune Ton, deran der Decke um eine leichte Abstufung Heller erscheintund an den Säulen in ein zartes, ansprechendes Ocker-gelb übergeht, mag vielleicht Manchen im ersten Augen-blicke eigenartig berühren, wird jedoch bald, durch die ihnbelebenden Elemente, nämlich die dekorativen und bildlichenMalereien an den Wänden, Säulen und Profilen, har-monisch aufgelöst, immer angenehmer berühren und zujener feierlichen Wirkung nicht unwesentlich beitragen.

In die Detaklbetrachtung des Figürlichen, so dernicht stehen und gehen könnenden Apostel an den Säulen,darf man sich freilich nicht einlassen, um nicht sogleich andie Mache, die stets gcist- und seelenlose bloße Imitation,erinnert und verstimmt zu werden. Die von demKölner Maler Kleinertz gefertigten innern Flügelbilderdcs Hochaltars die auf der Rückseite sind ohne künstler-ischen Werth! zeigen dagegen, daß ein durchgebildeterMeister der Technik von naiv-gläubigem Gemüthe allen-falls im Stande ist, sich die Kunstsprache einer geschichtlichabgeschlossenen Periode anzueignen und in ihr annehmbareBilder in besserer alter Form zu schaffen. In bessereralter Form. sagen wir, d. h. in Anlehnung an die be-deutenden' Künstler der Vergangenheit, an die wirklichenAltmeister, nicht an ihre Gesellen und Knechte, die eben-falls nur in deren Hand Werks zeuge sich zu bewegenverstanden. Das allermeiste, was uns von der Kunstdes Mittelalters erhalten blieb, dürfte aber gerade vonder Hand der bloßen Gesellen der alten Kunstwerlstätterrherrühren.

Leider sind nun gerade auch unsere Architekten viel-fach schon zufrieden, wenn die für sie arbeitenden bilden-den Künstler nur das rein Aenßere, die den alten Stilrein äußerlich charakterisirende ungefähre Haltung, Be-wegung oder Linie in ihren Gebilden zu treffen wissen,wenn es diesen auch an der von innen heraus belebendenund bewegenden Kraft und damit an aller ergreifendenund überzeugenden Wirkung fehlt.

So wollte auch Essenwein die Herstellung des neuzu ersetzenden plastischen Schmuckes an Figuren undOrnamenten lieber in einer improvisirten eigenen Bau-hütte durch gewöhnliche Handwerker und Techniker anfdem Wege einer tastenden Imitation alter ruinöser Stücke,als durch die frei modelltrende Hand geschulter Bildhauerbesorgen lassen.

Die Folge davon konnte aber nur diese sein, daßnicht nur die Wasserspeier, Krabben, Kreuzblumen, Frieseund andere ornamentale Stücke der Architektur, sondernauch das noch mehr in die Augen springende felbst-ständtge Figurenwerk bezüglich der Zeichnung, resp. Em-pfindung weit hinter dem Alten zurücksteht. So siehtdie unten am Nordwesteck der an herrlichem plastischemBilderschmucke so reichen Hauptfa^ade stehende großeMadonna aus wie eine zu einer unmöglichengothischen"Stellung gezwungene Puppe, der man aus einer mo-dernen Garderobe einen altzugeschnittencn Ueberwnrf um-gethan hat. Der unter der Draperie befindliche Körperist kein von Leben und Schönheit putschender Organismus,sondern ein zu einerFigur" zugehauener Steinklotz, undaus dem todten Antlitze schaut kein empfindender Geist.

Nun hatte aber gerade in der Zeit des XIII. undXIV. Jahrhunderts die deutsche Bildnerei eine in diesemUmfange nicht mehr dagewesene Höhe sozusagen klassischerAusbildung erreicht. In Nürnberg nehmen neben andernauch die Bildwerke der Frauenkirche von Schonhöfer be-reits eine hohe Stufe der Knnstentwtcklnng ein und ver-binden bet der zeitgemäßen Weichheit der Formenbildnngim Allgemeinen zugleich mit einer gewissen Großheit einesehr liebenswürdige Anmuth der natürlichen Erscheinung;dabei behaupten jedoch gegen alle übrigen Erfahr-ung e n gerade hier die ganzen Figuren und ihre natur-gemäße Bewegung einen entschiedenen Vorrang vorder mehr in allgemeinen Zügen gehaltenen Ausbildungder Köpfe. Man kann sagen, daß in der deutschenBildnerei ein eigentlicher, zugleich volksthümlicher Bildner-stil, gleich weit entfernt von dem früher überwiegendenEinfluß der Baukunst, sowie dem spätern der Malerei,nie auf dieser reinen ungetrübten Höhe stand (couk. dieFiguren am Schönen Brunnen!) ,und unsre Bildhauerkönnten hier ebensogut in die Schule gehen, wie bei denuns immer fremd bleibenden Griechen und Römern".*)Der Unterschied zwischen der schwerfälligen Mache desneuen und dem mit elegantem und leichtem Meißel ge-arbeiteten alten Figurenwerk dürfte auch dem ganz un-geschulten Auge auffallen.

Recensionen nnd Notizen.

Koch-Breuberg Friedr.: Siegfried der Träumer.Roman aus den letzten Jahrzehnten. Innsbruck ,Waaner'sche Universitäts -Buchhandlung, 1897. gr.-8° (303 S.)

* Ueber diesen s. Z. bereits angezeigten Roman findetsich imOesterreich . Literaturblatt der Leo-Gesellschaftfolgende Recension:Der hohe sittliche und religiöse Ge-

*)Nürnbergs Kunstleben" .. R. v. Rettberg. S. 33.