Nr. 19
Kilkge zm Aiigslimger Weitung.»
Aprll 1897.
Christliche Kmistinteressen.
Kirchenrestaurirungen in Bayern .
(Schluß.)
IV In der Architektur bewährte Essenwein hierwie immer sein hohes, besonders auf malerische Wirkungausgehendes Talent. In dieser Kunst war er der kon-sequente Meister von extremem Purismus und zugleichvon reicher schöpferischer Phantasie, wie auch sein letztesWerk, der stilvolle Aus- und Anbau des alten Rath-hauses, bezeugt. So ist auch die äußere wie innereArchitektur „Unserer lieben Frauen Saales", wie KaiserKarl IV. die Kirche benannte, von Essenwein sehr sauberund correct ausgebessert und ergänzt worden. Verweilenwir zunächst noch im Innern.
Die in der kirchlichen Kunstwerkstätte von Stärk undLengeufelder in Nürnberg nach Esscnweins Entwürfe sehrexakt ausgeführten Altäre sind von origineller Mannig-faltigkeit. Der Hochaltar zeigt die einfachste und glück-lichste Lösung eines gothischen Sakraments- und Flügel-altars. In ihm erscheint die Versöhnung der unumgäng-lichen liturgischen Rücksichten mit den zu wahrenden archi-tektonisch-künstlerischen Ansprüchen auf die möglichst be-friedigende Weise praktisch erreicht. Das vordem sach-widrig auf die Seite verlegte Sakramentshaus ist hierwieder als dominirender Mittel- und Hauptbau auf denAltarstipes übertragen. Es hat die Gestalt eines schlanken,aber verhältnißmäßig mächtigen Thurmes. Das untereGeschoß bildet der Ciborienschrein mit frühgothischemCrucifix im Hochrelief auf der Thüre, und darüber dieExposition das zweite mit einem zweiflügeligen, email-gezicrtcn Portal. Ueber diesem Tabernakel steigt, aufdas. feinste proportionirt, eine originelle Pyramide empor,die aus einem Viereck mit doppelten Wimbcrgen alsUnterbau in ein Achteck mit einer zu einem Vierund-zwanzigeck sich ausbildenden Bekrönung übergeht. Letztereträgt schließlich den achtscitigeu Helm, der ungemein be-lebt wird durch zwei übcreinandergestcllte Vierecke, welche,durch Streben mit einander verbunden, oben mit zweiKreuzblumen abschließen. Indem gegen diesen verhältniß-mäßig mächtig hervorragenden Mittelbau des „Sakra-mentshäuschens" die andern architektonischen undbildnerischen Details als geringere und nur dienendeGlieder zurücktreten, tritt die Bedeutung des Sakrainents-altares dem Blicke sofort klar und deutlich entgegen. DieSeitentheile bildet je ein zurücktretender, an das Taber-nakel sich anlehnender, von zwei Wimbergen geschützterSchrein mit den geschnitzten Hochrelief-Darstellungen derGeburt Jesu und der hl. 3 Könige. An die Schreineschließt dann noch je ein Flügel als Verschlußthüre der-selben, dessen Doppclgiebelfeld mit Bildern aus demLeben Mariens von der Hand des genannten KölnerMeisters versehen sind.
Die beiden Hochreliefs in den Nebenschrcinen — dersonst übliche mittlere Hauptschrein ist hier, auf demSakramentsaltarare, mit Recht durch den Ciborien-schrein, das Tabernakel, vollständig verdrängt — zeugenvon der Anstrengung der genannten Bildhauer, den In-tentionen des Architekten durch möglichst getreue Anlehnungan die Nürnberger frühgothische Plastik L In Portal-figuren der St. Loreuzkirche nachzukommen. Diese ihreHingabe ließ Essenwcin den Versuch, den er auf unserDrängen mit akademisch gebildeten Künstlern gemacht
hatte, nicht gereuen, sondern befriedigte ihn so sehr, daßer sich von nun an der Genannten bei allen Nestau-rationsarbeiten im Germanischen Museum bediente. (WieNeichensperger wollte auch Essenwein bis dahin vonakademisch gebildeten Künstlern nichts wissen l l)
Den Aufsatz des nördlichen Nebenaltares bildet einmittleres breites Bild mit zwei schmälern Flügelbildcrn,auf dessen breitem Nahmen sich zwischen einem doppeltenreichornamentirten Kranze drei leicht durchbrochene Pyra-miden mit drei alten Figuren und einem neuen schönenCrucifix in den Nischen erheben. Von den votn kgl.Couservator Pros. Häuser in München restaurirten Bildernsind besonders die Figuren der mittleren Kreuzignngs-gruppe und jene der Verkündigung voll Zartheit der Be-wegung und Innigkeit des Gefühls sowie von Feinheitder Drapirung. Diese Bilder, die ursprünglich alsStiftung der v., Tucher'schen Familie den Hochaltar derKarthäuserkirche, später den der Frauenkirche zierten,waren wohl schon im 16. Jahrhundert von einem Maler,der den alten Stil zu treffen suchte, übermalt. Unterder Ucbermalung fanden sich bei der Restaurirung diesenun sichtbaren, von Häuser erneuerten Gestalten, die ganzandere sind als die vorigen, aufgemalten.
Auf dem südlichen Nebenaltare steht unmittelbarüber der Mensa eine lebensgroße Madonna aus der Zeitvon 1480 von der Art des Veit Stoß. Sie ist nochvon streng gothischem, aber großartigem Stil, zeigt einenatürlich freiere, wenn auch immerhin etwas manirierteBehandlung der Draperie, sowie Anmuth und Würdeder Bewegung. Ueber ihr erhebt sich ein originellersäulengetragener Baldachin, auf dessen Zinnenkränze einehohe, auf das feinste entwickelte Thurmpyramide energischemporstrebt. Ohne Nebenglieder, schlank und leicht, bildetdieser Altaraufsatz einen originellen Gegensatz zu demandern mehr in die Breite wirkenden Altare. Die Mensäerhielten Mosaikbekleidungeu von farbigem Marmor mitMedaillonbildern.
Noch muß die Kreuzigungsgruppe am Triumphbogen,vom Bildhauer Ziegler in Nürnberg vortrefflich geschnitzt,erwähnt werden. Der Christus ist nach einem altgothischenMotiv im Germanischen Museum gebildet und wirkt schönin dem mehr ideal gehaltenen Körper, dagegen drastischin dem vom goldenen Bart- und Lockcnkranze einge-rahmten Haupte mit dem realistischer Weise weit geöffnetenMunde. Die Madonna ist eine Copie nach der bekannten„allerschönsten Madounensigur des Mittclaltcrs" im Ger-manischen Museum, die Figur des hl. Johannes eigeneErfindung.
Die meiste Arbeit und das meiste Geld kostete dieErneuerung der äußern Architektur.
Das Schiff ist ein im Grundriß fast quadratischer,mehr breiter als langer, höchst einfacher Giebelbau. DasInnere stellt sich als eine durch vier schlanke Mundfäulendreigetheilte Hallenkirche mit gleich hohen Kreuzgewölbendar. „Die ganze Anlage des Baues, sagt Esseuwein inseiner Festschrift zur Vollendung der Restauration, zeigt,daß der Kirche eine besondere Aufgabe zugetheilt war —(das Schiff ist ein Nachklang der alten Ccntralbauteu, undes sollte sicher ein kleiner Ban im Centrum derselben er-baut werden) — und es erscheint deßhalb wahrscheinlich,daß sie direkt als Aufbewahrungsort der Neichsheilig-thümer erbaut wurde, die in der Mitte ihre umfriedeteStelle finden und zu gewissen Zeiten vom Balköne dem