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10. ApM 1897.
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Streifzüge dnrch die socialpolitische Literaturder Renaissance.
Von Frz. Jos. Stroh meuer, Bencfiziat in Obcrstdorf.
Unsere vorjährigen „Streifzüge durch die socialpolitischeLiteratur des Mittelaltcrs" ') haben zu dem Resultate ge-führt, daß die mittelalterliche Staats- und Gesellschafts-wissenschaft ihren Höhepunkt und vollendetsten Ausdruckin dem hl. Thomas von Aquin erlangt hat. DiesemGelehrten ist es gelungen, den lang ersehnten Ausgleichzwischen dem antiken und dem christlichen Element aufdem Gebiete der Politik zu Stande zu bringen. Wie erüberhaupt den inneren Zusammenhang zwischen der Theo-logie, der Königin der Wissenschaft, und allen wissen-schaftlichen Disziplinen und Systemen herzustellen wußte,so ist auch die specnlative Feinfühligkeit anzustaunen, mitder der hl. vootor an^oliaus Recht und Politik aufdas Fundament der christlichen Ethik basirte, d. i. denhöchsten Zwecken, der schließlichen Bestimmung des Menschenunterordnete.
Es ist selbstverständlich, daß diese Herrschaft derchristlichen Idee auf allen Gebieten des Lebens und derWissenschaft sich auch in der Gestaltung der socialen Ver-hältnisse verkörpern mußte. Den hieraus nothwendighervorgehenden Zustand hat eine spätere Zeit „Theokratiedes MittelaltcrS" genannt?) Man darf aber diesen Aus-druck nicht mißverstehen. Es wäre tendenziöse Ueber-treibung, darunter eine Theokratie im wahren und eigent-lichen Sinne zu verstehen; denn eine solche hat historischnur beim jüdischen Volke bestanden. Man will damitnur sagen, es sei die mittelalterliche Politik vielfach vonder kirchlichen Machtsphäre umschlungen gewesen, es habeder katholisch-conservative Faktor das damalige europäische Gesellschaftslcbcn beherrscht. Zum letzten Male kam diesertheokratische Gedanke der mittelalterlichen Politik zumAusdruck in der berühmten Bulle „(Iiuuu oanataiu«von Bonifacins VIII.^)
Die Katastrophe von Konstantinopel (1453) hatteeine neue Aera eingeleitet. Mit dem neueren heidnischenHumanismus wurde ein fortwuchcrnder Gährungs- undZcrsetzungsstoff in alle Gebiete des Lebens getragen. Dieunermeßlichen Reichthümer und Kunst- und literarischenSchätze, die in Italien aus Asien und Afrika zusammen-strömten, die neu entdeckte Straße nach den fabelhaftenGegenden Ostindiens, noch mehr die Entdeckung einerneuen Welt im Westen, endlich die Erfindung der Presse,die schon an sich eine ganze Umwälzung in sich schließt,gaben der neuen Bewegung einen mächtigen Aufschwung.
Statt daß nun die neuen Ideen für einen kon-sequenten Fortbau der vom christlichen Geiste getragenenCultur verwendet worden wären, stellte sich bald mitentsetzlicher Klarheit heraus, daß sie zu einer folgen-schweren Reaktion gegen den bisherigen Jdcengangführten. Die neue Strömung kehrte bald eine sehr ne-gative Tendenz, den Protest gegen die theokratische Ord-nung des Mittelalters, hervor. Man bezeichnet diesestürmische Uebergangsperiode mit dem Namen „Renais-
') Beilage zur Augsb. Postztg. Nr. 15—17. 1896.
°) Namentlich ist dies ein Lieblingsausdruck des Geh.Justizraths und Professors Stahl in seiner höchst inter-essanten „Geschichte der Rechtsphilosophie", aber auch inanderen Werken, z. B. „Protestantismus als politischesPrincip" n. a.
°) ok. Albertus, Socialpolitik der Kirche. S. 564.
sance". In dieser Zeit hat sich nicht bloß das geistigeLeben der abendländischen Völker von Grund aus um-gestaltet, sondern auch die äußeren socialen Daseins-formen haben sich geändert, und ein neues Staats- undGesellschaftsideal wurde aufgestellt.
Diese Periode ist die Zeit der Wiedergeburt desantik-heidnischen Absolutismus. Es ist das die ersteFrucht der humanistischen Studien einer- und des Aus-scheidens des religiös-moralischen Gedankens aus demGesellschaftsleben, aus der Politik anderseits. Noth-wendig lag aber hierin der Keim der Revolution. Dennaus diesem absolutistischen Princip mußte mit unerbitt-licher Logik das entgegengesetzte Princip der Anarchieund Revolution folgen. Der Gedankenproceß war hierum so länger, als die revolutionäre und reaktionäreIdee nothwendig die ganze Gesellschaft von den leitendenVolksspitzen bis in die untersten Volksschichten durchsäuernmußte. Auch diese letztere Idee der Reaktion gegen dasabsolutistische Princip, die Idee des demokratischen Li-beralismus, hat schon in der socialpolitischen Literatur derRenaissance Ausdruck gefunden. Wir können somit deutlichzwei Strömungen unterscheiden. Die eine wird vertretendurch jene Schriftsteller, die den dynastischen Absolutis-mus vertheidigen, die andere durch die Verfechter desdemokratischen Gedankens.
An die erstere Richtung knüpft sich der Name desFlorentiner Diplomaten Nicolo Macchiavellt (1469bis 1527). Dieser hatte, trotz seiner Schwärmerei fürrepublikanische Freiheit in seinen Abhandlungen über dieersten 10 Bücher des Livius (äiooorsi sopra i primiäisai liliri cki Ickvio) und in seinen florentinischen Ge-schichten (äsl? iotoris tiorontine) H, in seinem be-rüchtigten Buche „II krinoixo" zuerst die absoluteSouvcränetät der Politik theoretisch proclamirt und dasunsittliche, verderbliche Princip des Interesses auf diePolitik als die ausschließliche Norm und Richtschnur der-selben übertragen. Mit Recht sagt Stahls von ihm:„Macchiavellt ist der Spinoza der Politik. Es ist die-selbe Emancipation von dem lebendigen Gott, die in derPhilosophie zum Spiuozismus, in der Politik zumMacchiavcllismus mit Nothwendigkeit führt." Uebrigensist sein Buch nur die traurige Signatur des sittlichenZustandes seiner ZeitH und er somit nur der treueKopist seiner Zeit. Was an vielen Höfen traurigeWirklichkeit gewesen, hat er theoretisch in ein Systemgebracht.
Namentlich war der italienische Boden längst fürdieses neue, durch die Renaissance entstandene Staats-und Gcsellschaftsideal vorbereitet. Schon Kaiser Fried-rich II., „der erste moderne Mensch auf dem Thron",wie man ihn genannt hat, hat in seinem nntcritalienischenReiche den andern Staaten der Halbinsel das Vorbildeiner absoluten Herrschaft gegeben. Die Visconti inMailand haben sodann im 14. und 15. Jahrhundert dieneue Form am schärfsten ausgebildet. Und in der Folge-zeit haben die französischen Könige seit Philipp IV. auf
-) ok. Mattes im Kirchenlexikon, eilt. Anst. Band 6,S. 713.
°) Zuerst veröffentlicht zu Rom 1531 —1532. Jn'SDeutsche übersetzt von Zieglcr, Karlsruhe 1832—1641.
°) Gesch. der Rechtsphilosophie I. S. 339.
') Stöckl, Gesch. d. Philos. II. S. 54.