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dieses Erbe Anspruch erhoben. Ludwig XII. vertreibtdie Sforza aus Mailand; Franz I. mns ; aber die Stadtvon neuem erobern durch den glänzenden Sieg beiMarignano (1515). Diese Berührung mit Italien lenktden Strom der neuen klassischen Bildung nach Frankreich hinein, und die Zeit Franz' I. wird die Blüthczcit derfranzösischen Renaissance. Aber auch hier tritt uns, wiein Italien , gleichzeitig mit der Aufnahme der neuenBildung die neue, absolute Form des Staates entgegen.Der Absolutismus fand hier den günstigsten Boden: nochwirkte der Jammer der englischen Kriege nach und er-zeugte den allgemeinen Wunsch nach einer starken, sicherenCentralgcwalt, und schon hatte ja auch Ludwig XI. dieVasallen niedergeworfen, der neuen Staatsform den Bodenbereitend. Der Absolutismus fand hier ein großes, fürseine Aufnahme anf's beste vorbereitetes Reich. Deßhalbhat er in Frankreich auch alle ihm entgegenlaufendenStrömungen siegreich überwunden und sich immer wiederdurchgesetzt, und auch nirgends sonst so glänzende theo-retische Vertheidiger gefunden, wie wir sehen werden.
War also das absolutistische Regiernngssystem na-mentlich in Italien und Frankreich praktisch verwerthetworden, so hat ihm Macchiavclli theoretisch Ausdruck ver-liehen. Sein Buch hatte natürlich eine ganze Flnth vonGegenschriften zur Folge. Den Reihen eröffnet Am-bra sins Catharinus mit einer Verdammnngsschrift:^elo übrig a. estri8tia.no cletvLbanllig et ex estristia-nisino penitu3 reinovenäig," Rom 1532. Ihm folgenGentillet 1576, k. Possevin 1502, Nibandcira1603, k. Lncchestni 1607, Friedrich II. 1740 n. a?) Wir können diese ausschließlich polemischenSchriften füglich übergehen, da sie für den Gang derfocialpolitischen Bewegung und für die Bildung be-stimmter Rechts- und Staatstheoricu ohne positivenWerth waren.
Eine größere Bedeutung in der focialpolitischen Li-teratur dieser Periode hat dagegen der berühmte englische Lordkanzlcr unter Heinrich VIII., Thomas Moore (1480 — 1535), erhalten. In ihm hat die demokratischeRichtung die erste, wenn auch noch unklare und unbe-stimmte, Vertretung gefunden.
Thomas Morus nahm sich das platonische Staats-idcal zum Muster, indem er gleichwie Plato einen Ideal-staat construirte in seinem Buche: „<Io oxtimo roi-pustlioae ktatu ckeguo nova ingula Iltopia." ") Mankönnte dieses Buch einen socialphilosophischen Roman nennen.Wir werden auf eine fiugirte amerikanische Insel versetztund dort mit einer Art socialistischer Republik bekanntgemacht (Privateigenthnm ist aufgehoben und Güter-gemeinschaft eingeführt). Dieser, so construirte republi-kanische Mnsterstaat sollte im allmähligen Fortgange fürdie staatlichen Verhältnisse vorbildlich werden/') hat jedocheinen thatsächlichen Einfluß nicht gehabt; man hat alsbalddie Undurchführbarkcit dieser räthsclhaften Ideen erkannt.Uebrigcus hatte Morus selbst wohl nur den Zweck bissigerSatire auf viel Verderbtes in Staat und Kirche,'") ohneernsthaft auf die Einführung der in dem Buche geschildertenInstitutionell zu dringen.
Einen dauernden Erfolg hat aber das Buch desenglischen Staatsmanns doch gehabt: eine neue Idee,
°) et'. Mattes, cbd. S. 711.
") «rck. I,ov. 1516, deutsch von Oettiuger, Leipzig 1846.vt. Rudhardt, Nürub. 1820, 2. Anst. 1855.
") -ck. Stockt, ebd. S. 51.
ek. den diesbezüglichen Artikel im Kircheulexikon.
der demokratische Gedanke, war in das Gcsellschaftslebenhineingeworfen, und dieser Gedanke hat jetzt schon all-mählich Wurzel gefaßt, wenn er auch noch nicht reif undstark war für eine siegreiche Reaktion gegen den herrschen-den Absolutismus .
Wir müssen an dieser Stelle einen Mann erwähnen,der nach der politischen Richtung hin in die Fußstapfendes berühmten Thomas Morus trat, nämlich den cala-bresischcu Philosophen und Dominikaner Thomas Cam-panella (1568 — 1630).'") Dieser entwirft in seinem„Sonuenstaat" (civitas solis) das Bild eines Ideal-staates, in dem nicht bloß vollständiger Gütercommuuismnsherrscht, sondern auch die „freie Liebe " proclamirt ist.Campanella ist Demokrat vom reinsten Wasser und gehtin dieser Richtung etwa so weit, wie unsere extremenSocialdemokraten. Auch scheint er in dieser Richtungagitirt zu haben, namentlich unter der Form astrolog-ischer Prophezeiungen. Denn seine Verschwörung gegendie spanische Regierung in Neapel mußte er mit einer27jährigen Gcfängnißstrafe büßen, und später, als erauf Verwendung des Papstes Nrban VIII. wieder frei-gelassen war, mußte er wegen demagogischer Agitationennach Paris flüchten, wo er auch starb.
Nur hie und da bemerken wir ein Aufblitzen desdemokratischen Gedankens, wie ihn die beiden zuletzt an-geführten Männer theoretisch vertreten, in dieser Periode,und wenn er auftaucht, geschieht es nie in der Formeines vollendeten focialpolitischen Systems; daher ist dieWirkung immer nur eine symptomatische und vorüber-gehende. Dagegen beherrscht der absolutistische Gedankedie ganze politische Literatur der Renaissance, und nament-lich ist es die Literatur Frankreichs , in der er seine Aus-gestaltung erhielt. Das mag wohl mit dem absolutist-ischen Regime der französischen Monarchie zusammen-hängen. Schon unter Franz I. nahm der Absolutismus einen glänzenden Aufschwung, noch mehr in der Folge-zeit, seitdem durch die Vermählung Heinrich's II. mit derflorentinischcn Prinzessin Katharina von Medici die ab-scheulichen Grundsätze Macchiavclli's nach Frankreich kämen.
Wir nennen zunächst Bndo (1467 — 1540), der sichin seinem Buche „ckv l'iirstikutiou du prineo" ")erfüllt zeigt von der Verehrungswürdigkeit und Majestätdes Königs. Nach ihm hat das Volk seine Rechtein die Hand des Königs gegeben, damit er der künftigeVater der großen, unzählbaren Menge sei. Auch er ver-ficht, wie die Toulonser juristische Schule, den Satzdes römischen Rechts: „(ZuickciuicI priuoipi plaorüt Iaxr>8stastsr, viAorenr", der König ist durch nichts beschränkt:prinaep« logistuo solukno. Nur soll er seine Gewaltnicht mißbrauchen, ivagt Bndo zu mahnen. Ein DuMonlin vertheidigt mit Nachdruck die Unabhängigkeitdes französischen Königs vom Papstthum") und über-bietet alle absolutistischen Politiker in dem Satze: Im loiäs 8uccw88iou ckoit otro rcr^motoo yuauä mems olloclomro lo trono ü un tou, aaut'la, ckooioiou oontrairsäo8 otats Aonörornix.")
(Fortsetzung folgt.)
Kircheulexikon, X. S. 031 f.
Dieses Buch erschien in Paris 1517.
'") Ranke, frauzös. Gesch. I. 370. -
'°) Weilt, 1-S8 tbövrioL r-ur 1e ponvoir roz'al er»Vraiies. S. 26.