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Hans Eschelbach's „Wildwnchs".
Von I. B. F.
(Fortsetzung.)
Als ein echtes Genie, das keine Ruhe hat, sondernrastlos strebt, ist Eichelbach ein überaus fruchtbares undvielseitiges Talent. Er braucht nicht erst eine süße Rastabzuwarten, um die Muse sich hold zu machen. DieWorte eines Rnckert, des Krösus der Poesie, lassen aufihn sich anwenden:
„Was mir nicht gesungen ist. ist mir nicht gelebt;
Und mehr als Blumen im Felde sprießen Lieder unter
meiner Feder."
Nicht rosten, nicht rasten mag Eschelbach's Feder;dafür hat er aber auch mit seinen dichterischen Werkenund literarischen Erzeugnissen so viel Glück und Erfolg.
Die Perle Eschelbach 'scher Muse aber ist „Wild-wuchs",") Gedichte, seiner lieben Frau gewidmet imMaien 1893. Dieser Wunderblume deutscher Poesie diegeziemenden „epitsiatn ornuntin" zu geben, dazu er-mangeln die Worte — Thatsachen sollen darum reden.Das vornehm ausgestattete Buch, das auf feiner Decken-pressnng finnig die Allegorie des Titels „Wildwuchs"gibt, fand bei seinem ersten Erscheinen reißenden Absatz.Zweihundertnndfüiifundzwanzig Exemplare wurden schonin der ersten Woche abgesetzt, und kaum noch war einJahr vorüber, als der Dichter zur zweiten Auflageschreiten mußte. In den Lehrervereinen zu Elberfeld ,Köln, Krefeld und an vielen andern Orten, in Bürger-gesellschaften und Unterrichtsanstalten wurden besondereVortrage über „Wildwuchs" gehalten. Die Stimmender Presse ohne Unterschied der Farbe sind im Lobe undin der Anerkennung für den Dichter einig, ja sie wett-eifern mit einander. Einzelne Gedichte wurden oft, sehr oftcomponirt, viele auch illnstrirt. Kann einem Dichter nochein glänzenderes Zeugnis; ausgestellt werden? Wir müssendiese allgemeine Begeisterung für den rheinländischenSänger nur so höher anschlagen, als wir in einer über-spannten, überfeinerten und gefühlsseligen Zeit leben, ineiner Zeit, wo die Goldschnittsänger, die ihr kleines „Achund Weht" zu zierlichen Reimen gepaart auf den Bücher-markt tragen, nach Hunderten zählen, in einer Zeit, woman in den gebildeten literarischen Kreisen in bodenloserVerkehrtheit, sei es nun aus mangelhafter Kenntniß oderästhetischer Befangenheit oder aber aus widerlicher Ab-geschmacktheit, wo möglich alles, was katholische Färbungbekennt, als das verächtliche Aschenbrödel in die Ecke zudrücken bemüht ist, in einer Zeit endlich, wo die Unge-rechtigkeit bei einer gewissen Presse im Schwange geht.Hans Eschelbach aber hat die wirren Stimmen übertöntund verstummen gemacht; sein Sang hat alle bczanbert.Prinz Emil zu Schönaich-Carolath, der be-rühmte Georg Ebers , protestantische Pfarrer gabenin herzlichen Briefen ihrer Begeisterung und Bewunderungfür den Dichter unbefangenen Ausdruck. Aus allenTheilen Deutschlands und der Schweiz, aus Holland ,Italien, Dänemark , Oesterreich, ja bis herüber vomOcean gehen unserem Dichter aufrichtige Anerkennungs-schreiben zu. Dieser glänzende Stern an Deutschlands Poeteuhimmel ist einer der Uusrigcu; Haus Eschelbach istüberzengungstrener Katholik. Wir nennen seinen Namenmit Stolz. Die Poesie ist unter dem rasselnden Räder-kasten der Maschinen im Jahrhunderte der Erfindung
") Verlag v. Paul Neubner. Köln . Zweite Auflage,mit Portrait des Dichters. M. 3.
und des Fortschrittes keineswegs angehört verhallt, ihrGlanz ist im erstickenden Qualm rauchender Fabrikschlöteungetrübt geblieben. Wir haben nicht allein Dichter, diewir nur anlesen, nein, wir haben viele, die wir auchaus lesen. Eschelbach's „Wildwuchs" aber liest man nichtnur ein-, zwei- und dreimal, nein, so oft eine glücklicheStunde behagliche Muße bietet. Nur flüchtig können wiran dieser Stelle „Wildwuchs" durchblättern, nur vor-übereilend dürfen wir hier den Liedern „Am Weg-rande" und von den „FriedHofsrosen", den Bal-laden und Romanzen in den „Bildern" und den„Namenlosen Liedern" lauschen.
,Aür die Klänge meiner SeeleWabe Worte ich gefunden;
Kleine Lieder sind's geworden.
Die zusammen ich gebunden,
Einen Kranz daraus zu flechten.
Einen Gruß Euch froh zu senden,
Echter Wilowuchs! Nehmt die BlumenFreundlich aus des Sängers Händen."
In solch herzgewinnenden und wunderbar aumuthen-den, einfachen und natürlichen, aber immer poetischenVersen empfiehlt sich der Dichter durch seinen dichterischenGruß „An den Leser" gleich von vornherein auf'sbeste. Frühlingsduftig, sangcsfroh und minuehold hebter „Im Maien" an zu singen vom flatternden Schmetter-ling, von knospenden Bäumen, vom blühenden Flieder,und das „heimliche Kosen im Blätterschwall" und „wasdie Nachtigall sang", verräth ihm mit freudigem Klang,der Maien, der frohe Maien sei wieder gekommen. „DieWelt ist ein Herz und mein Herz ist die Welt!" soklingt es jugendheiter aus seiner Säugcrkchle; wenn dieRosen blühen, trägt er im Herzen „der Welten Welt:die erste allmächtige Liebe!" „An Kaiser Wil-helm II. " ist eine feurige Hymne, getragen vonglühender Liebe zum deutschen Vaterland und zurdeutschen Kaiserkrone, dabei im volksthümlicheu Tone ge-halten. Hcldenkühn bläst der Dichter die Fricdens-schalmei. Ihr Klang trägt die Seele des Deutschen imSchwünge der Begeisterung durch alle Wolken empor:
„Den Frieden will ich!" Jubelnd klingt es wieder:
Bringt Friedenspalmen ihm und Lorveerrciser!
Und eine Mutter kniet am Kreuze nieder
Und betet fromm: „Beschirme. Gott , den Kaiser!"
In dem herrlichen Gedichte „An die Erzieherdes Volkes" läßt der Dichter, der „kein Höfling undkein fader Schmeichler" ist, piano ein Register- der socia-len Frage unserer Tage mitklingen. „Ostermorgenauf dem Fried Hofe" ist wehmüthig, aber erhebendund tönt zuletzt in einem jubilirenden „Halleluja!" aus.
„Durch die Büsche, durch die Baume zog ein wunder-sames Klingen,
Und der blaue Himmel lachte, und die Amsel hört' ich
singen.
Halleluja! Halleluja! klaug's und sang's aus tausend
Kehlen)
Eine Thräne wollte heimlich aus dem Auge sich mir
stehlen.
Halleluja! Halleluja! — Und die ernsten Kreuze winken.
Osterjubel! Osterhoffen! Betend muß ich niedersinken."
Ein Prachtjuwel herzeusfrischer, aber auch herziunigerPoesie ist „Mein Lied". Des Dichters rastlose Ge-danken hatten goldene Zinnen in die rosigen Wolken derZukunft hineiugcbaut, aber er muß sie zusammenbrechensehen wie das tollkühne Bauwerk eines unklugen Meisters.Durch das Gemüth des Dichters zieht eS wie ein leiserFrühliugstraum. Wie kaun mau Lenz und Liebe mit