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süßerem Wohllaut besingen! „Mein Lied" ist unter denBlumen, die der Dichter „Am Wegrande" gepflückt, dieLilie. Die Lilie ist keine heitere Blume. Ernst, melan-cholisch schaut sie darein. Wehmnthvoll sind des LiedesWeisen. „Mein Lied" ist kein erotisches Lied, das istein zartes Minnelied. Der wunderbar weiche Tonfallder Sprache macht das Lied leicht sangbar. Der Klang-zauber der Musik hat „Mein Lied" umwobeu. Binnendreier Jahre wurde dieses Eschclbach'sche Lied zwei-unddreißig Mal in verschiedene Musik gesetzt, zwei-unddreißig Mal, der Verfasser weiß es aus ersterund sicherster Quelle. Und heute schon könnte er dendreiunddreißigsten Componisten nennen, der dem Liedeneue Töne weihen wird. Wenn der Maien wieder blüht,wird auch Eschelbach's seelenvolles Lied neu erschallen.Auch wurde das Gedicht mehrfach illustrirt. Treten wirnun aber im Geiste des Dichters an das Gedicht heran!Der Frühling ist im Thal und auf allen Höhen derNheinlande erwacht. Der Mond ist stille aufgegangen.Die Tannenwipfel wiegen sich leicht im sauften Abend-wind. Der Nachtigall klagend Lied ist verhallt, undin den Silberfluthen des alten Stromes rauscht esmelodisch:
In silbernem Mondlicht wallte der Rhein,
Ein Posthorn klang in der Ferne,
Wir sahen uns tief in die Augen hinein,
Und leuchtend standen die Sterne.
Da hast Du mir schluchzend Dein Lieben bekannt,
— Wie hat es so süß mir geklungen! —
Dann bin ich gefahren durch's blühende LandUnd habe begeistert gesungen:
„Tu strahlender Himmel, wie bist Du so tief.
Du blühende Erde, wie wurdest Du weit,Dieweilen ich träumte, dieweilen ich schlief! —Gegrüßt, seio gegrüßt! Es ist Frühlingszeit!"
Zwei Strophen folgen mit den letzten vier Versenals Refrain. Uebcr's Jahr kommt der Dichter wiederzur Frühlingszeit an den Rhein. „Da hingst Du amArm eines Ändern." Wandernde Burschen ziehen vorbei,
„Die haben-mein Lied gesungen," und er muß entsagen
— entsagen. So singt nur ein frisches Mnseukind wie HansEschelbach es ist. Wie Ahnung eines Herzeusglückcs iiber-schleicht es uns, wenn wir an die beiden Liebenden amNhcine denken: in einiger Entfernung sehen wir sie, halbim goldenen Abendroth, halb im webenden Dämmerlichte.
Köstlich wie lauterer Rheinwein ist das Gedicht„Natürlich". Das ist der Sprnvggncll heitererDichtersreude, wie wir sie nur noch bei einem Wallhervon der Vogelwcide gewohnt sind. Ein junges Dichter-leben, das wohl bisweilen zerfahren ist, für das aberdie materiell gesinnte Mitwelt kein Verständniß hat, wirdin Leid und Freud wortgetreu geschildert. Am Ende desSchuljahres erhalten des Dichters Mitschüler sämmtlichgute Zeugnisse:
Mir machte man saure Gesichter. Und gab mir den schlechtesten Wisch von der Welt.Natürlich! Ich war ja ein Dichter!
Die Studiengcnossen kommen in „Würden und Amt":
Ich ward zu der ärmlichsten Stelle verdammt,
Wo die Welt ist mit Brettern vernagelt.
„Ein schlechtes Zeugniß, dazu ein Rebell!"
So schrieben die klugen Bcrichter.
Wahrhaftig, sie machten recht heiß mir die Höll';Natürlich! Ich war ja ein Dichter!
Es nahet die Zeit „mit dem eh'lichen Glück". Dieandern haben eine reiche Braut heimgeführt:
Arm waren wir Beide, ich und die Maid:
Natürlich! ic>) war ja ein Dichter!
So kommt der Dichter immer nur schlecht weg.Aber wenn der Todeseugcl mit seinen Fittichen rauschtund die Mitwelt ein unheimlich Grauen überkommt, daist es unserm Dichter noch ganz wohl ums Herz, derEngel nimmt ihn mit hinüber inS himmlische Reich, undda fragt er mit froinmkindlichem Tone;
„Bin werth ich, Herr Petrus, zu gehen durch's Thor!
Wo sie glühen, die himmlischen Lichter?"
„Natürlich!" jubeln die Engel im Chor,
„Natürlich! Dn bist ja ein Dichter!"
(Schluß folgt.)
Die Waldenser und der Sektenstifter PetrusWaldns.
(1- 16. April 1197.)
6. Geradezu fabelhaft groß ist die Literaturüber die Waldenser, klein über Petrus Waldns. Be-sonders in der Mitte unseres Jahrhunderts entstandenBücher über Bücher, hauptsächlich von «katholischer Seite,welche sich mit dieser Sekte und bcr alten und neuernLiteratur über sie in tatum ot longum beschäftigten.Es muß aber sofort betont werden, daß auch, wie wirsehen werden, protestantische Theologen und Geschichts-fchreiber der Wahrheit Zeugniß gaben und Vorurtheile,Fälschungen :c. aufdeckten als das, was sie waren, alsblauen Dunst und Nebel. Warum aber solch gewaltigesWesen mit den Waldenscrn? Warum Aufstöberung allernur irgendwie und irgendwo zu findenden alten Schar-teken? hauptsächlich auf «katholischer Seite? Holzwarthbeantwortet diese Frage in einer Abhandlung im Jahre1854 in der Tübinger theologischen Quartalschrift kurzund bündig: „es hat sich klar und deutlich die Tendenzder ncu-waldcnsischen Ueberlieferung herausgestellt, umderetwillen man die katholischen Berichte des Mittelalterszu beseitigen sich bemühte. Mau wollte nicht nur Re-formatoren vor der Reformation gewinnen, sondern manwollte auch den Einfluß der Reformation des XVI. Jahr-hunderts auf die Waldenscrsckte verwischen, diese selbstals die Mutter der Reformation erscheinen lassen und sodurch Aufstellung des apostolischen Alters der Sekte fürdie Lehre des Neformationszeitaltcrs den Beweis derApostolizität gewinnen. Es hat sich auch hier die histor-ische Wahrheit Bahn gebrochen (und tvir betonen, pro-testantische Geschichtsschreiber haben selbst, zu ihrer Ehresei es gesagt, mitgewirkt), und bei den einen ist die ge-müthliche Illusion zerstört und bei den andern der Betrugfür alle Zeiten enthüllt worden. Aber es kann auch ge-schehen, wie Herzog meint, „daß die jetzigen Waldensersich dadurch werden eines Besseren belehren lassen, dasist freilich kaum zu erwarten. Sie sind seit einiger Zeitmehr als je für ihre Behauptung vom hohen Alter ihrerSekte und der reinen Lehre derselben eingenommen, seit-dem sie die Erfahrung gemacht haben, daß jene Italiener,die sich vom Katholizismus abgestoßen fühlen, am liebstensich an eine Religionsgesellschaft anschließen, die italien-ischen Ursprungs ist und denselben nicht von der Refor-mation des XVI. Jahrhunderts ableitet, sondern auf dieersten Jahrhunderte des Christenthums zurückführt."(Von einem derartigen Anschluß ist seitdem nichts Be-sonderes bekannt geworden.)
Wir haben keine Zeit und es ist sicher auch keinRaum in nnscrcr Beilage, uns mit kritischen Betracht-ungen und Ausführungen abzugeben über die brcikgc-schlagene Literatur betreffend das Alter ec. der Waldenser,