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wir nehmen mit katholischen und akatholischcn Quellenan — Petrus Waldns ist der Stifter der Sekte derWaldenser nnd führen ihn selbst und die von ihm ge-gründete Sekte unsern Lesern kurz nnd bündig vorÄugen.
Petrus Waldns — auch de Vaux, Waldo, Valdezgenannt — war einer reichen Kaufmannsfamilie inLyon entsprossen. Denselben wandelte die Lust an, dieEvangelien, die er gern hörte, selbst und öfter zn lesen,und deßhalb ließ er sie für sich abschreiben und in dieLandessprache übersetzen. Das Gleiche that er auch mitden Schriften der Vater und der Heiligen. Diese Bücherlas er mit größtem Eifer und sehr oft uud durchsie veranlaßt, faßte er den Vorsatz, die Wege derVollkommenheit zu beschielten. Er verkaufte alles,was er besaß, und gab es den Armen, denn erwollte arm den armen Aposteln nachfolgen. Auch sollder Tod eines Verwandten so großen Eindruck auf ihngemacht haben, daß er dies that — ungefähr um dasJahr 1170 —. Diese reichen Almosenspenden gefielenselbstverständlich den Leuten ungemein, sie sammelten sichum ihn und er gewann einen ziemlichen Änhang, wasseiner Eitelkeit schmeichelte, zumal er etwas beschränktenGeistes gewesen sein soll. Er wollte die apostolische Ar-muth in der Kirche einführen und zog mit seinen An-hängern durch Frankreich , um dieselbe zn predigen nndvon ihrer Nothwendigkeit zu überzeugen. Hierin liegennun schon zwei große Irrthümer verborgen. Für's erstevergaß Waldns, daß die freiwillige Armuth kein GebotGottes, sondern nur ein evangelischer Rath ist, der nieund nimmer als Gebot für alle Christen aufgefaßt werdendarf. Schon aus diesem Grunde war die Lehre desWaldus und seiner Anhänger verkehrt und der Gesell-schaft schädlich. Wie ein hl. Franziskns, ein hl. Do-minikns segensreiche Orden stifteten, Hütten Petrus nndseine Anhänger allem irdischen Besitz entsagen nnd zurfreiwilligen Armuth sich verpflichten können; die Meinungaber, alle Christen müßten sich zn derselben verpflichten,war ein unausführbarer, wir möchten fagen ein ein-fältiger Gedanke.
Es entsteht die zweite Frage: wer gab Waldns undfeinen Anhängern das Recht, öffentlich als Prediger auf-zutreten? Einfach: sie vindizirten sich hiezu das Rechtselbst. Freilich wird hier von manchen eingewandt: diePrediger der katholischen Kirche haben zn jener Zeit ihrePflicht als Prediger vielfach nicht erfüllt; so daß einigeSynoden Klage führen darüber, allein, dies auch zuge-geben, hatte der Waldenser Sektenstifter mit seinem An-hang absolut kein Recht, sich als Prediger der katholischenKirche zu gcriren, denn die Predigt gehörte und gehörtstets zn der mior-ia camoincm — sie sind also nur alsfreie Prädikanten anzusehen, und in diesem freien Prädi-kantcuwesen haben wir die eigentliche Stiftung des PetrusWaldus und zugleich das Eigenthümlich-Neue zn er-kennen, was sich an das Auftreten desselben anschloß.Das Dekret des Papstes Lucius III. spricht deßwegenmit allem Recht von einer virxlicmtio pruoclieaiuli, dasvierte Lateranconcil spricht dasselbe aus. und das Ediktdes Königs Alphcms vom Jahre 1194 nennt diese iirae-riicatio tuEta. Bernhard und Alauns wenden sichdesgleichen gegen die Waldenser, die es gewagt, ohneAuftrag der Prälaten nnd gegen ihren Befehl zn pre-digen. Waldns kehrte sich an nichts, nnd so kam erimmer mehr auf die schiefe Ebene, wie später kurz ge-zeigt werden wird. Der alte Satz, den er für sich in
Anspruch nahm: „man muß Gott mehr gehorchen, alsden Menschen," klingt recht schön nnd angenehm, aber ervergaß dabei das zweite Wort: „wer die Kirche nichthört, der sei dir lvie ein Heide und öffentlicherSünder."
Die Anhänger des Waldus, die sich allen Eigen-thums bar gemacht hatten, wurden die „?anp>eres claIm.gcirmo" genannt, „die Armen von Lyon", auch Sa-vonistcn, Hniniliaten, Saboticrs — nach den von ihnengebrauchten groben Holzschuhen. Sie kamen auch nacl/Oberitalien und nach Deutschland, wo sie 1212 am Rhein als „Winkeler" auftraten, deßgleichen wollten sie sich inSpanien niederlassen, was ihnen aber nicht gelang, siewurden vielmehr als Feinde des Kreuzes Christi und alsFeinde des Staates zugleich in Bälde vertrieben. DerStifter der Sekte, Petrus Waldus selbst, durchzog Italien und starb in Böhmen im Jahre 1197. Er selbst warkell: eigentlicher Häretiker, erst seine Anhänger geriethenwährend des XVI. Jahrhunderts in dogmatische Irr-thümer. Früher traten die Waldenser der Kirche mehrvoni Standpunkt des praktischen Lebens entgegen. IhrLebenswandel wird selbst von ihren Gegnern gerühmt;sie waren prnnklos in Kleidung, mäßig, züchtig, fleißigin der Arbeit, ernst und aufrichtig in den Aussagen,allein der Hochmuth führte sie immer mehr abwärts,weg von der kirchlichen Lehre und zwar auch von derDogmatik.
Herzog, ein unverdächtiger Zeuge, hat in seinemvorzüglichen Quellenwerk (auch Dickhoff ist rühmlich znerwähnen) nachgewiesen, daß die Waldenser des Mittel-alters sich in ihren Schriften sogar katholischer aussprachcn,als man nach den meisten Berichten der katholischen . Schriftsteller des Mittelalters erwarten sollte. Der gleicheAutor weist auch unwiderleglich nach, daß die Waldensernicht älter sind, als Petrus Waldus. Er enthüllt haupt-sächlich die vielen Fälschungen, welche man zur Zeit derReformation an den Schriften der Waldenser vorge-nommen hatte. Man wollte eben der eigentlichen luther-ischen Lehre ein viel größeres Alter zuschreiben und be-weisen, daß die Lehre der Reformatoren keine neue Lehregewesen. Mit Rücksicht auf diese Fälschungen schreibtHerzog in seiner Vorrede zn seinem Werke „Die roman-ischen Waldenser": „Wohl mag es manchen Freund derWaldenser schmerzen, den Prozeß dieser Umwandlung zuverfolgen und besonders die Äktcn desselben vor dasgroße Publikum gebracht zu sehen. Denn daß nichtbloß eine Art von optischer Täuschung, sondern auchfrommer Betrug mitgewirkt, ist außer allem Zweifel.„Doch wir können nicht wider die Wahrheit, sondern fürdie Wahrheit." 2 Cor. 13, 8. Uebrigcns ist auf daskürzeste nnd bündigste nachzuweisen, daß die Grnndlchredes Petrus Waldus grundverschieden von der LcbreLuthers nnd der Reformatoren war. Luther verwarf jabekanntlich jeden nnd allen Werth der guten Werke undbaute seine Nechtfcrtignngslchre auf den Glauben alleinauf, Petrus Waldns aber nnd seine Anhänger stütztenihre NcchtfcrtignngSIehre besonders auf die guten Werke,sonst hätten sie doch nicht die freiwillige Armuth wählenkönnen.
Wir sagten oben, daß der Sektenstifter nnd dieSeinen immer mehr auf die schiefe Ebene geriethen,immer weiter von der reinen Lehre der katholischen Kirche sich entfernten, was wir an einigen Beispielen noch nach-weisen wollen.
Während sich die Waldenser im Ansang nur gegen