142
das äußere Kirchcnihum mid den weltlichen Besitz ge-richtet, sogar die Abgaben des Zehnten verpönt, vor alleininnerhalb der katholischen Kirche eine sittlich-religiöse Re-form zunächst bei der Geistlichkeit angestrebt, ging esspäter auch gewaltig dogmatisch abwärts. Sie aner-kannten längere Zeit die ordentliche Vollmacht znr Abso-lution von den Sünden, sowie znr Consecration der hl.Encharistic. Nachdem ihnen aber von Seite der kathol-ischen Geistlichkeit die Absolution und die Darreichungder hl. Commnnion verweigert wurde, bildeten sie dieTheorie der Laienbcicht und die Consecration durch Laienvorerst für den Nothfall aus. Ueber die katholische Lehrevom Fegfeuer haben sie sich meistens schwankend geäußertund bezüglich der Heiligenverehrung nur die Anrufungihrer Fürbitte zurückgewiesen. (Alzog.) Henrion sagt:„Ihr Hauptangriff ging gegen die sichtbare Kirche; sie seiangesteckt vom Bösen, der Papst das Haupt aller Irr-thümer (Papst Sylvester — heißt es in den bekannten„Geschichtslügen" — sei auf Anstiften des Teufels dererste Erbauer der Kirche gewesen), die Prälaten Phari-säer, Schriftgelehrte, Mörder; kein Geistlicher solle Ein-künfte haben. Alle Sakramente tadelten sie; das Abend-mahl sei bloß gcbackenes Brod (ob dies nicht zu viel be-chauptet ist?), die Taufe nütze nichts, kein schlechterPriester könne lossprechen, die Ehe sei kein Sakrament;alle kirchlichen Gebräuche seien verwerflich. Es gibt kein'Fegfeuer, man wird entweder selig oder verdammt; Opfer,Gebete, Almosen für die Verstorbenen nützen nichts.Wir sehen: viel hatten sie über Bord geworfen von denwichtigsten und trostreichsten Dogmen unserer hl. Kirche.
In ihrer vollständigen oppositionellen Constitutionbestanden die Waldenser, sagt Alzog, aus Vollkommenenund Unvollkommenen. Die gottesdienstlichcn Versamm-lungen hielten die aus Seniores, Presbytern und Diaconi bestehenden Vorsteher, welche noch bis zum XVI. Jahr-hundert Cölibatäre waren, die hl. Schrift galt als diealleinige Glanbeusgnelle, ihre Erklärung verlangten siebuchstäblich. Die Waldenser verwarfen den Eid rund-weg, desgleichen jede Tödtung durch die Obrigkeit,jeden Kriegsdienst, jede Lüge erklärten sie für eineTodsünde.
In den Bergen der Dauphin» und in drei picmon-tesischcn Alpcnthälern erhielt sich die Sekte bis auf dieGegenwart, nachdem viele Gemeinden in Böhmen sich derhussitischen, in Frankreich sich der calvinischen Lehre an-geschlossen hatten. Heute bewohnen noch ungefähr20,000 Waldenser die drei Alpenthäler Val Martina,Val Angrona und Val Lneerua. Sie sind, wie derprotestantische Kirchcnhistoriker Guericke schreibt, „einreiner Lehrbegriff, sowie in patriarchalischein Sinnelang sichtlich vertäuet und ermattet". In neuester Zeitfanden sie besonders bei den Engländern viel Gunst, dieihnen 1848 in Turin eine herrliche Kirche erstellen ließen,welche 1853 auf pompöse Weise geweiht wurde, um einHort des Protestantismus in Italien zu werden.
Das Bibelwerk der deutschen Jesuiten. *)
. In einer früheren Nummer der „Germania" wurdeeme Uebersetzung des Breves mitgetheilt, mit welchemPapst Leo XIII. das neue Bibelwcrk der deutschen Jesuiten ausgezeichnet hat. Es wird sicher dem Wunsche mancherLeser entsprechen, über dieses Werk einige genauere An-gaben zu erhalten.
Wie der Titel des Werkes „Oarsus 8cripturao 8aeras"
*) Aus der „Germania".
andeutet, soll dasselbe das ganze Gebiet der hl. Schriftumfassen und nach allen Seiten hin erläutern. Diesemallgemeinen Plane entsprechend, gehören die einzelnenTheile des Cursus drei verschiedenen Gruppen an. Inder ersten Gruppe soll durch eine gute Handpolyglotteeine sorgfältige Ausgabe der heiligen Texte, zunächst deshebräischen, griechischen und lateinischen, geboten werden;zugleich sollen in den Anmerkungen diejenigen abweichen-den Lesarten aller alten Uebersetzüngen, sowie einiger derwichtigsten Handschriften verzeichnet werden, welche denSinn des Textes beeinflussen und deshalb für den Theo-logen und Exegcten von Bedeutung sind.
Die zweite Abtheilung umfaßt das Gebiet, der Ein-leitungswissenschafteu. Zu ihr gehören zunächst die eigent-lichen, historisch-kritischen Einleitungen in das alte undneue Testament: ferner die biblische Alterthumskunde, diein ihren verschiedenen Theilen in einzelnen Abhandlungenund in einem biblischen Nealwörterbuch zur Darstellungkommt; endlich die ktiiloloA-ia saera, die biblische Sprach-wissenschaft, welche durch Grammatik und Wörterbuch desHebräischen, des neutestamentlichen Griechisch u. a. imCursus vertreten wird.
Die dritte und größte Gruppe bringt dann in denCommentaren die Erklärung der ganzen hl. Schrift zumAbschluß. Jedes der geschichtlichen. Lehr- und prophet-ischen Bücher des alten und neuen Testamentes erhältseinen eigenen Commentar und ivird ausführlich im Zu-sammenhang erläutert.
Der Plan dieses Bibelwerkes umfaßt demnach alles,was für das Studium der heiligen Bücher in Betrachtkommen karrn. Zur Ausführung eines solchen Unter-nehmens konnte natürlich die Kraft eines Einzelnen unddie Arbeit weniger Jahre nicht ausreichen. Es vereinigtensich dazu eine'Anzahl deutscher Jesuiten, zunächst V. RudolfCornetr), der nach einem dreijährigen Aufenthalte imOrient viele Jahre hindurch als Professor der Exegese imKollegium zu Maria-Laach und später an der päpstlichenGregorianischenUniversität zu Rom gewirkt hatte, k. JosephKnäbenbauer, ebenfalls langjähriger Professor der Exegesein Maria-Laach. Dittou-Hall (in England ) und jetzt inValkenburg (in Holland ), und?. Franz von Hummelauer;eine Reihe anderer Mitglieder der deutschen Ordensproviuzwidmeten ebenfalls dem Cursus ihre ganze Arbeitskraft.
Die langjährige Lehrthätigkeit auf dem Gebiete derheiligen Schrift ermöglichte es den Herausgebern, in ver-hältuißmäßig kurzer Zeit schon einen großen Theil desWerkes zu vollenden. Nach kaum zwölf Jahren seit deinErscheinen des ersten Bandes konnte der Heilige Vater inseinem Breve vom 14. Oktober v. I. schon dreiundzwanzigfertigen Bänden sein Lob und seine Anerkennung aus-sprechen. Außer der allgemeinen und besonderen Ein-leitung zum alten und neuen Testamente, die ?. Cornelyin vier Bänden veröffentlichte und jetzt in zweiter Auflageherausgibt, ist bis jetzt ungefähr die Hälfte der Commen-tare erschienen. Es sind die Erklärungen der Genesis,des Buches der Richter und Ruth und der zwei erstenBücher der Könige von V. v. Hummelauer; des Ecclesiastesund des Hohen Liedes von L. Gietmann, des Buches Job,der vier großen und zwölf kleinen Propheten und der dreiersten Evangelien von k. Knabenbauer; des Briefes andie Römer, des ersten und zweiten Briefes an die Ko-rinther und des Galatcrbriefes von ?. Cornely. Dienoch fehlenden Theile sind in Vorbereitung, theilweiseschon druckfertig, und werden nacheinander erscheinen.
Ein schönes Bild von der Gediegenheit und dem außer-ordentlich reichen Inhalt dieser Bände gewinnt man beider Durchsicht des letzterschienenen, der Erklärung desRömerbriefes von V. Cornely. Wenn irgend ein Buchder heiligen Schrift, so bietet sicher dieses Sendschreibendes Dölkerapostcls eine Menge von Schwierigkeiten, aberauch eine Fülle der herrlichsten Gedanken und Wahr-heiten. So stellt, es dem Erklärer eine schwere Auf-gabe. Cornely zeigt sich aber derselben vollkommengewachsen und hat sie mit dem besten Erfolge gelöst.Sein Commeutar bietet nach einer kurzen, gediegenenEinleitung zunächst für jeden Abschnitt, der zur Be-sprechung kommt, den lateinischen und griechischen Textnach den besten Ausgaben: die sorgfältigen textkritischenBemerkungen bringen die Varianten der verschiedenenTextzeugcn, soiveit dieselben für die Erklärung von Be-deutung sind. Dabei wird über den Werth der einander