Ausgabe 
(13.5.1897) 26
 
Einzelbild herunterladen

Nf. 2b.

Mge W Allgsbmger Weitung.

13. Mal 1897.

Hanse » und der Hypnotisums.

Von Charles Saint-Paul.

(Schluß.)

Nach den bisherigen nothwendigen Klarlegungenwollen wir mmmehr die Aufstellungen Hansens weiterverfolgen.

Auch Hansen hat, wie andere Forscher, eine höhereEntwicklung der Geisteskräfte in höheren Stadien derHypnose beobachtet. Ein Beispiel hievon ist die ge-steigerte Erinnerungsthätigkeit,') die Hypermnesie, wie sieim folgendem von Hansen berichteten Fall sich darstellt.Er hypnotisiere in Afrika einen englischen Offizier. Diesersprach nun plötzlich in der Hypnose eine fremde Sprache.Es stellte sich heraus, daß es die wallisische war. Diesehatte er als Kind gelernt, später aber wieder vergessen,und erst im tieferen hypnotischen Schlafe kam sie ihmwieder in Erinnerung.

Diese Beobachtungen veranlassen uns, der Forsch-ungen zu gedenken, die Baron I)r. Carl du Prel inseiner SchriftDas Sprechen in fremden Zungen"(Leipzig , Mutze) zusammengestellt hat. Er bringt in der-selben eine große Reihe von Fällen aus dem Alterthume,dem Mittelalter und der Neuzeit, die sich sowohl auf dasVerstehen fremder Sprachen, wie auf die eigentlicheSprachengabe Glossolalie beziehen. Hinsichtlichseiner Erklärungsversuche der Phänomene der christlichenMystik ist zu bemerken, daß. da er die eigentliche Jn-spirationstheorke im christlichen Sinne verwirft, er sichselbst das Verständniß derselben erschwert und die be-richteten Erscheinungen als Wirkungen destranscenden-talen Subjekts", d. h. der Fähigkeiten desUnterbewußt-seins", der uns im Wachzustände unbewußten psychischenKräfte, erklärt.

Eines der bisher am meisten bestrittenen Phänomenekm höheren hypnotischen Stadium ist das Hellsehen, dessenExistenz Hansen energisch vertritt. Er erzählte in seinenVortragen folgenden diesbezüglichen Fall.

Er wurde einmal während einer Sitzung von zweiBrudern aufgefordert, seine Versuchsperson über ihre(der Brüder) Mutter zu fragen. Die Frau nannte nuneine Straße, in welcher die Mutter wohnen sollte, sagte,dieselbe sei unbedeutend erkrankt und werde einem derBrüder einen Brief in einer geschäftlichen Angelegenheitschreiben. Die Adresse erwies sich nun als falsch. DieVersuchsperson aber blieb bei ihrer Behauptung, es seidie richtige. Nach einigen Tagen erhielt einer der Brüdereinen Brief von seiner Mutter in der besagten Ange-legenheit, in welcher sie ihm auch mittheilte, sie sei um-gezogen, und zwar in die Straße, welche die Hypnotisirte

') Ich erinnere hier noch an die bekannten ExperimenteKrafft -Ebings, die den Beweis liefern, daß in der Hypnosenicht nur durch Suggestion geschaffene Typen kindlicherund jugendlicher Persönlichkeiten festgehalten, sondern auchindividuelle frühere Zustände, die potentiell im psychischenGrunde vorhanden sind,frühere Jchpersönlichkeiten". wieKrafft-Ebing sich ausdrückt, hypnotisch wieder realisirtwerden können. Die Erhöhung des Erinnerungsvermögens,die hiezu nothwendig ist. müßte nur unbedeutend erscheinen,wenn man die Behauptung indischer Bogis für glaub-würdig halten könnte, die sich sogar frühererInkarna-tionen" nnd aller Verhältnisse in denselben während derSanyama Zurückziehung, Autohypnose erinnern zukönnen vorgeben. Hierüber Näheres in der Studie überKrafft-Ebings Experimente von Chastenct de Puysögur inder MonatsschriftSphinx" (August und September 1893).

genannt hatte. In diesem Falle dürfte wohl kaum Ge-dankenübertragung anzunehmen sein.

Uebrigens werden auch von andern Forschem gegen-wärtig die Phänomene des Hellsehen) anerkannt. Dieumfassendste Darstellung der diesbezüglichen Forschungenhat Baron Dr. du Prel in seinem WerkeDie Ent-deckung der Seele" gegeben, auf das ich alle, die sichmehr für dieses Gebiet interessiren, verweisen muß. Eineder bedeutendsten Zusammenstellungen diesbezüglicher Be-obachtungen in englischer Sprache hat Mme. HenrySidgwick in den krooeoäings ok tsts Lvoiet^ korkszicbioul kssearost veranstaltet; dieselbe wurde unterdem TitelLussi sur 1«, xrouvo äs Irr elrrirvvMULo"von Marcel Maugiu für die ^.nnalos äas Lcioncasksxoüiguög (1891, p. 2V2, 268 und 1892, pg.x. 12bis 47) übersetzt. In dieser Zeitschrift findet sich über-haupt eine Fülle von Material über diesen Gegenstand.

Besonders bemerkenswerth ist noch das erhöhte Ne-generations - (HeilungS-)Bestrebcn des Organismus imSchlafzustande. Hansen konnte bekanntlich seinen Ver-suchspersonen kleine Wunden beibringen, die sich sofortschloffen, und die neueren Hypnotiseure machen häufigähnliche Beobachtungen. Man wird hiedurch an die Er-zählungen von den unverwundbaren indischen SanjasiSund Jogis sowie den mohammedanischen Fakiren(Aissawijas) erinnert, welche die erstaunlichsten Experi-mente in einer Art Autohypnose verrichten.

Aehnlich wie erhöhtes Hellungsbestreben ist auch er-höhte organische Bildungsfähigkeit in der Hypnose zuconstatiren. Hieher gehören die Berichte vorn hypnotischenStigma", die Hansen aus eigener Erfahrung bestätigte.Dieselben finden sich tu dem Beitrage des berühmtenPsychologen F. W. H. MyersPsto Lnbliminal Oonsoious-no8s" (das Unterbewußtsein) zu den krooseckings ok tdsLooiotx tor ksxolrioal Rögsared in London (Februar1892, Vol. VII, kurt. XX, ftaZ. 298 356) zu-sammengestellt; neuerdings hat auch Baron du Preleine deutsche Schrift über das Stigma (Scparatabzugaus der ZeitschriftDie Zukunft") herausgegeben. Ichhoffe, demnächst in einer Studie den Unterschied zwischendem mystischen und hypnotischen Stigma genauer fest-stellen zu können.

Ich habe nun noch von den Erfahrungen Hansensbezüglich der Suggestibilität oder Fähigkeit zur Hypnosebei den verschiedenen Völkern, die er besuchte, zu sprechen.

Völker, die langsam im Denken und schwerfällig inden Bewegungen sind, können ebenso schwer hypnotisirtwerden, als hochentwickelte Menschen, bei denen Willeund die Scelenkräfte überhaupt vorzüglich ausgebildetsind. Letztere sind eben mehr autosuggestibel, sie könnenselbst die Concentration wachrufen, aber nicht veranlaßtwerden, auf fremde Befehle zu reagiren.

Hansen versuchte hier in München , wie ich bei dieserGelegenheit erwähnen möchte, im Beisein eines berühmtenArztes einen bekannten Philosophen zu therapeutischenZwecken zu hypnotistren. Er wandte Suggestion undMagnetisation an, der Arzt gebrauchte überdies Narkose;der Gelehrte blieb aber trotzdem bei Bewußtsein, wasHansen zur Verzweiflung brachte.

Die Proccntsätze desselben für die Suggestibilitätdürften ergeben, daß im Allgemeinen die südlichen Völkersnggestiblcr sind, als die nordischen,

Zu Belgien (von den Vlamen) waren 58 fug-