Ausgabe 
(22.5.1897) 29
 
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wir den freiwillig leidenden, vollständig Gott ergebenenHeiland, eine Auffassung von hohem, erhabenem Ernste.

Das Gegenstück von diesem Bilde ist eine runteräoIvEL, die, ein Schwert in ihrem Herzen und dieHände kreuzweise gefaltet, dasteht, freiwillig theilnehmendan dem göttlichen Opfer, eine Anffassungsweise, die so sehrder Würde und Standhaftigkeit der hl. Jungfrau ent-spricht. Der Schmerz, der ihre Seele dnrchdringt, istauch in ihrem Angesichts mit unsagbarer Erhabenheit undGröße gegeben. Dem Bilde ist der Vers Jacoponc daTodi's beigegeben: Ltnbnt runter ttolorosn etc. Untenkniet in meisterhaft gezeichnetem Porträt der Donator,vor ihm der Buchstabe mit drei Sternen.

Was die technische Ausführung dieser undmich der drei folgenden Serien der Glasgemälde an-langt, so gehört diese noch ganz der zweiten Periode derGlasmalerei an und finden wir auch nur die Errungen-schaften dieser Periode, das Knnstgelb und das Aus-schleifen des sogenannten Ueberfangglases, angewendet,obgleich, wie wir sehen werden, die Fenster schon demersten Viertel des 16. Jahrhunderts angehören. Diesezweite Periode der Glasmalerei wurde nämlich durchzwei wichtige Erfindungen eingeleitet, welche ungefährgleichzeitig um die Mitte des 14. Jahrhunderts gemachtwurden und die einen großen Umschwung in der Glas-malerei, zwar nicht plötzlich und auf einmal an allenOrten, aber doch nach und nach überall bewirkten. Währendman bisher als einzige Schmelzsarbe, d. h. als eine Farbe,die man auf Glas aufmalen und mit demselben unzer-trennlich und unzerstörbar durch Einbrennen vereinigenkonnte, nur das Schwazloth kannte, so erscheint jetztneben diesem das sogenannte Knnstgelb (Silbergelb),eine gelbe Malfarbe, aus Schwefelsilber bestehend, welcheman ebenfalls auf den Gläsern durch Einbrennen be-festigen konnte. Es hatte dieses Kunstgelb zudem nochdie Eigenschaft, daß es die einzige Malsarbe ist, die, aufweißes Glas aufgetragen, dieses zwar gelb färbt, abervollkommen durchsichtig läßt, so daß die Brillanz desalten Kathedralglascs nicht verloren geht. Eine weitereErfindung dieser Periode war sodann das Aus-schleifen des sogenannten Ueberfangglases.In den Fenstern aller Perioden ist nämlich, wie auchheute noch, das rothe Glas Ueberfangglas d. h. weißesGlas mit einem aufgeschmolzenen Häntcheu rother Glas-masse. Man nahm nämlich zuerst weißes Glas auf diePfeife, tauchte dieses in den Tiegel mit der geschmolzenen,roth gefärbten Glasmasse und blies dann eine Scheibe,in späterer Zeit einen Cylinder, der auf dem Streckherdezu einer Tafel ausgestreckt wurde. Die gefärbte Massegeht mit, d. h. sie breitet sich gleichmäßig über die weiße,dickere Glastafel aus, und man hat jetzt eine Scheibe,welche durchaus die bezügliche Farbe zu haben scheint, inder That aber nur mit einem dünnen Ueberzug der Farbenbekleidet,überfangen" ist. Diese Operation mußte deß-halb vorgenommen werden, weil eine weiße Scheibe inihrer ganzen Stärke roth zu färben zu schwierig ist:das einzubringende Metalloxyd, in geringem Verhältnißzugesetzt, hat nämlich die Eigenthümlichkeit, sich einergleichmäßigen Vertheilung in der Glasmasse zu widersetzen.Das Ausschleifen des rothen Ueberfangglases geschah nundadurch, daß auf der roth überfangenen Scheibe dasfarbige, rothe Häntchen stellenweise weggenommen wurde,was bewirkte, daß auf rothem Grunde eine weiße Stelle,sei es eine Zeichnung u. dgl., erschien.

Von diesen beiden Erfindungen, dem Silbcrgelb und

der Technik des Ausschleifens, ist nun gerade bei unsernScheiben auf Schloß Langenstcin ein so merkwürdigerGebrauch gemacht worden, daß man bezüglich der Technikhier wohl die höchste Stufe der Vollendung erreicht sieht.Nur allein durch diese beiden technischen Mittel nämlichbrachte der Glasmaler eine solch vollendete Modellirungder Figuren, solche Niiancirnngen und scheinbaren Reich-thum in der Farbe hervor, wie man sie sonst nur an derspäteren Kabinetsglasmalerci, die mit Emailfarben allerArt zu arbeiten im Stande war, oder an Gemälden aufLeinwand gewohnt ist. Und doch ist noch keine weitereSchmelzsarbe angewendet als das Silbergelb, währendalle andern Farben aus in der Fritte gefärbten Gläsernhergestellt sind. Dazu kommt die weitere Merkwürdigkeitin der Technik dieser Fenster, daß, obgleich nur in derMasse gefärbte oder überfangene Hüttengläser angewendetsind, wir doch Scheiben in so großen Tafeln finden, wiesie der Glasmacher auch des spätern Mittelalters nochnicht herzustellen vermochte. Kurz, wir haben in tech-nischer Beziehung wohl fast ein Unicum in der Kunst derGlasmalerei hier: die noch mosaikartige Behandlung derzweiten Periode der Glasmalerei bringt hier Einzelbilderund ganze Compositionen mit allen Niiancirnngen derFarbe, mit möglichster Natnrwahrheit und vollem Realis-mus in allen Formen hervor.

Nun aber drängt sich die Frage auf: wo sind wohldiese Kunstwerke ausgeführt worden, und wer mag wohlder Meister sein, der die Kartons zu diesen Fenstern ge-zeichnet hat? Im Mittelstücke der Kreuzigungsgruppelesen wir in einer später unten eingefügten Inschrift dieWorte:Lerubnräo Lotestcümo ab. Eartbusins xntr»Ouiieliuus VVoIkgauZrw et 6ournclu3 Zerrunuo t'ratrrao Lerubaräus Lotrsteiiuus zuris utriusyus äootorpatruo das x>in8 iruagiues nvitne Aeuti8 uobilitntiemZuuiu et nriun xosuit. äuuo 1563." Das Fensterwar ursprünglich von Johann von Botzheim , Domherrnin Augsburg , für die Hanskapelle im Botzheimer Hof zuKonstanz gestiftet. Nach dem Abfalle von Konstanz kames nach St. Blasien und wurde laut obiger Inschrift von1563 von den Botzheimer Erben dem Kloster geschenkt.Wir werden also die Glasmalereianstalt wohl auch in derNähe des schwäbischen Meeres, etwa im Kloster Salem ,vielleicht in St. Blasien selbst, zu suchen haben.

Bezüglich der künstlerischen Darstellung der drei be-sprochenen Bilder läßt sich nur das eine als gewiß undsicher hinstellen, daß derjenige, der diese Compositionenentworfen und gezeichnet hat, ein Künstler von ganz be-deutendem Range sein muß. Die Krenzigungsgruppe istein großartig herrlicher Entwurf; klar, symmetrisch zeigtdas erhabene Drama neben einem edlen Realismus einegroße religiöse Vertiefung in den Gegenstand. Wennman die Tongebung, besonders in der Carnation der ein-zelnen Figuren, die Darstellung der Kriegsknechte und dieganze Anffassungsweise des Hauptbildes der Passion mitden diesbezüglichen Darstellungen von Holbein demAeltern vergleicht, wie sie die betreffenden Bilder undZeichnungen in Augsburg, Basel und an andern Ortenzeigen, so würde es für uns keine Ueberraschung sein,wenn diese Vermuthung früher oder später einmal durcheine litcrarische oder zeichnerische Notiz zur Gewißheit! würde.

(Schluß folgt.)