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Nedei vr.Sepp's „Neue hochwichtige Entdeckungenauf der zweiten Palästinafahrt".
Professor Dr. Sepp hat in Beilage 10 und 11 aufmeine Besprechung seines Buches replicirt. Da die verehr!.Redaction es mir freigestellt hat, darauf zu erwidern, sowill ich von dieser Erlaubniß auch Gebrauch machen.
In Beilage 10 vertheidigt Sepp aufs Neue seineGleichung Mnrieh — Kapharnaum. Wesentlich Neuesbringt er nicht bei. All' das stand bereits in seinemBuche zu lesen, der Wiederabdruck der alten Gründe hatmich nicht mehr überzeugen können, als die erste Lectüre.Die Frage, wo Kapharnaum zu suchen sei, ist noch immernicht entschieden und kann mit dem vorhandenen Materialauch nicht sicher entschieden werden. Den Stand derFrage, die Gründe pro und contra Minieh und Tellhum hatbereits 1878 Dr. Philipp Schaff, Professor in New-Uork. in der Zeitschrift des deutschen Palästina-Vereins (WDV)paß-. 216 u. ff. ganz objectiv dargelegt, und 1879 hat Furrer-Zürich in derselben Zeitschrift paff. 63 n. ff. dieselbe Fragein den: für Tellhum günstigen Smne behandelt. Ich em-pfehle jedem, der sich für die vorwürfige Frage interessirt,das Studium dieser beiden Abhandlungen, er wird dannmit mir zu der Ueberzeugung gelangen, daß die LageKapharnaums noch nicht kritisch sicher bestimmt werdenkann, daß aber Tellhum mehr Wahrscheinlichkeit für sichhat, als Minieh. Diese meine Ueberzeugung ist auch durchdie in Beilage 10 aufgeführten Gründe nicht ins Wankengekommen, ja ein Grund, welchen Sepp gegen Tellhumerwähnt, scheint sogar für Tellhum zu sprechen.
Sepp schreibt Seite 71 triumphirend: «Ich helfe auchunsern abgeneigten Nachbarn (so. den Franziskanern)hinaus, indem ich ihre Station 8sn LIattso in tsloviobenenne und durch Christi Gegenwart geheiligt erkläre".Sepp sucht also zu Tellhum (das er, nebenbei bemerkt,fälschlich Telum schreibt, wohl infolge eines Hörfehlers)die Zollstätte des hl. Matthäus, Kapharnaum aber circa1 Stunde südlicher. Wer aber das 9. Kapitel des Evange-listen Matthäus liest, gewinnt den Eindruck, als ob dieZollstätte des Matthäus vor den Thoren Kapharnaumsgewesen wäre. Schegg, Feiten (im Kirchcnlexikon), Kaulen,Cornely und wahrscheinlich noch viele andere, deren Werteich nicht zur Hand habe, bezeichnen Kapharnanm als dieWohustätte des Matthäus.
Cornely 8. >1. schreibt in seiner kistorios, st oriticaintioäuotio in utriusgus ll'sstamsnti lidros «serös volumsnIII psK. 16: ^.uts vooationsm suam Nsttbasum Oapbar-naum bsbitasss, mstz-na oum vsri similituckins sx vooatiouisnsrrations oouiioimus; psrslz-tioum snim, cks ouinssanstions immsäists autes ssrwo sst, in oppiäo Ospbsr-nanm esse sauatum, clisertis vsrbis trsclit Llsrous st vonobsours insinuat Llsttbasus. Lrat sutsm Oapbarnaumemxorium von lAnobils, guock, guum all insrs Oenssarstbin knibus blspbtbsli st 2sbu1on in via, gnas Osmaseosä LIsäiterrsnsum cluxit, situm esset, inter suos inoolaspubliosnos uou paueos viästur kabuisse.
Daraus scheint doch hervorzugehen, daß diejenigennicht weit abirren von der Wahrheit, welche die Zollstatthei Kapharnaum und umgekehrt suchen; daher beweistdieses Argument Sepp's so ziemlich das Gegentheil vonden«, was Sepp damit beweisen will.
Das nächste Argument gegen 1°. — L. lautet: „Esgibt im ganzen Umkreis des Sees keine Oertlichkeit.die ungeschickter für einen Schiffptatz wäre, und das wardoch der dreijährige Wohnsitz Christi. Telum .... hatnicht einmal einen Landeplatz, geschweige Hafen, und esfällt selbst den Laien auf, daß die Bootsknechte ihre Fahr-gäste auf dem Rücken hinaustragen müssen, wenn diesenicht vorziehen ihr Gewand bis an die Huste aufzuschürzenund binauszuwaten."
Aus Johannes 21, 7 wissen wir, daß man damalsmcht so wasserscheu war, wie Sepp es voraussetzt. DennPetrus war nackt im Schiffe; als er vernahm, der Herrsei es, zog er seine Tunika an und warf sich angekleidetins Meer. Petrus hatte also keine Angst vor dem Naß-werden seiner Kleider, er wußte eben aus Erfahrung,daß die Sonne am See Gencsareth genügend Wärmeentwickele, um ein nasses Gewand in kurzer Zeit zutrocknen.
Es ist doch als ein. falscher Schluß anzusehen, wennman aus dem jetzigen Zustand Telllmms auf dessen Zu-
stand vor bald 2000 Jahren schließt. Wenn auch jetzt dieLandung unbequem ist, so folgt daraus nicht, daß es zurZeit Christi ebenso gewesen ist; damals herrschten dieRömer, denen Hafenanlagen nicht unbekannt waren, undnicht die Türken. Welcher Hafen im ganzen mittel-ländischen Meere ist weniger zum Landen geeignet alsder sogenannte Hafen von Jaffa? Und doch ist Jaffa derHafenplatz für Jerusalem. Auch die Annahme einer Zoll-stätte am See schließt doch die Annahme eines Landungs-platzes fast mit Nothwendigkeit ein.
Weiteres Argument gegen Tellhum ist nach Seppdie Angabe der Bibel, daß Kapharnaum 25—30 Stadien(1 Stunde 15 Min. bis 1H, Stunden) von Bethsaida ent-fernt gewesen sei. An der angezogenen Stelle (Job. 6,19)rst jedoch der tsrmiuus a gno und der tsrmiuus aä gusmnicht so klar als Sepp es darstellt. Hicbei ist ein FehlerSepp's zu berichten. Tellhum liegt nicht 1h, Stundennördlich von Minieh, sondern höchstens 1 Stunde.
Ferner wird der Scesturm ms Feld geführt. Tellhumsei den Winden zu sehr ausgesetzt. Wenn aber dort zurRömerzeit eine künstliche Hafenaulage bestanden hat (manbraucht nicht gerade an den molo von Portsaid zu denken),dann waren die Stürme nicht zu fürchten. Wenn manübrigens die Fischerboote aus den Ufersand zog und sieerst vor dem Gebrauch in das Wasser zurückbrachte, dannwar kein Hafen nöthig und die Schiffe waren trotzdemaußer Gefahr.
Tellhum habe Stunden weit rechts und links keinWasser, als das aus dem See, daher könne es nicht Ka-pharnaum sein, da Josephus bei Kepharnome einen FlußKapharnaum erwähnt. Richtig ist vielmehr, daß 2 Kilo-meker südlich von Tellhum Am et Tabra der Kapharnaumdes Josephus, in den See mündet. Diese Entfernung warvielleicht ursprünglich noch geringer. Wie sich in Tiberias das Stadtbild nach Norden verschob, so kann das Gleichebei Tellhum der Fall gewesen sein. Livvin III, 141macht übrigens daraus aufmerksam, daß die Quelle AinAkab nur 5 Minuten von Beitin, dem alten Bethe!, abervon Kefr Akab zivei Lienes entfernt sei.
Da eben von Josephus Flavius die Rede war. so seigleich hier auf eine Stelle in seiner Vita sei. üsbsr tz 72Nr. 403 u. ff. hingewiesen. Hier erzählt Josephus vonseiner siegreichen Schlacht gegen Agrippa am Jordan beiBethsaida. Durch einen Sturz vorn Pferde verletzte ersich die Handwurzel und wurde nach Kepharnome gebrachtund erst in der Nacht nach Tarichäa geschafft. Demnachmuß Kapharnaum der Jordanmündung sehr nahe liegen;denn man schafft einen Verwundeten in der Regel in dasnächste Asyl. Da die Feinde in die Flucht geschlagenwaren, so brauchte man auf seine Sicherheit- nicht bedachtsein und konnte das nächste Dorf gewählt werden, unddieses ist Tellhnm und nicht Minieh.
Was die Tradition betrifft, welche nach Sepp bis vor200 Jahren für Minieh gesprochen hat, so kann ich aufdas bereits in meiner ersten Besprechung Gesagte ver-weisen. Doch sei auf Eines hingewiesen. Ungefähr 30Jahre, nachdem Quarcsmius sich für Minieh entschieden,berichtet ein französischer Reisender (Voz-sKs äs Oslilssbei Noroff in Dslsrinoxs äs Daniel p. 107), daß die beimChan Minieh lebenden Araber Tellhum als Kapharnaumbezeichnet haben. Auch die jüdische Tradition, welche dieGräber des Propheten Nahum und des Rabbi Tanchumnach Tellhum verlegt, begünstigt letzteres gegen Minieh.
Es bleibt uns noch der verhältnißmäßig gewichtigsteEiuwurf Sepp's zu besprechen über. Kategorisch schreibtSepp: „Schon wer die Stadt Christi (Matth. 9, 1) inanderthalbstündiger (?) Entfernung von der EbeneGennezaret sucht, hat die Bibel gegen sich". Dieser Ein-wurf läßt sich noch am ehesten hören. Aber bei nähererBetrachtung ist er nicht so entscheidend als die Minieh-Anhänger glauben. Was Professor Schaff (2V?V 1878S. 217 u. ff.) darüber geschrieben hat. ist heute noch giltig:„Die Vertheidiger von Chan Minje behaupten nun zu-versichtlich, daß Kapernanm zur Ebene Genezareth gehört
habe.während Teil Hnm weiter nördlich liegt.
Allein das ist nirgends ausdrücklich gesagt, sondern nurein Schluß aus dem Umstände, daß Jesus uach demSpeisewunder, das unweit voni nordöstlichen Ufer desSees stattfand, nach dem synoptischen Bericht (Mt. 14, 34;Mk. 6, 53) in Genezareth. nach dem genaueren (?)Johanni'schen Bericht (Joh. 6. 17. 24.59) in Kapernanmlandete. Diese beiden Berichte sind allerdings am ein