Ausgabe 
(22.5.1897) 29
 
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fachsten durch die Annahme zu verneinen, daß Kapernaum in jener Ebene lag. Auf der anderen Seite aber erfahrenwir. daß das Volk von Kapernaum vor dem Speisewunderschneller zu Fuß an das entgegengesetzte Ufer gelaugte,als Jesus mit seinen Jüngern zu Schiffe (Mark. 6, 33).Das ist viel leichter begreiflich, wenn der nähere TellHüm der Ausgangspunkt war, als wenn man denselbennach dem mehr (?) als 1 Stunde weiter entfernten ChanMinje verlegt. Vielleicht lassen sich die verschiedenenBerichte der Evangelien durch die Annahme vereinigen,daß Jesns am Morgen nach dem Wunder zunächst inGenezareth landete (nach Matthäus und Markus) unddann. sei es zu Land oder zu Wasser, nach Kapernaum reiste und in der dortigen Synagoge die geistige Bedeut-ung des Speisewunders erklärte (Joh. 6. 59). Der Berichtdes Markus (6, 56) deutet an, daß Jesus auf dem Wegenach Kapernaum durch mehrere Orte in der EbeneGenezareth passirte."

Also auch dieser Beweis hält nicht, was er verspricht.

Ich habe alle Gründe, welche Scpp in seiner Replikpro Minieh und contra Tellhum anführte, durchgesprochenund komme wieder zu keinem anderen Resultate als: Auchnach Sepp's Deduktionen ist die Frage über die LageKavharnaums eine offene. Keiner seiner Beweisgründeentscheidet die Frage: man muß sich gedulden, bis weiteresMaterial zur Lösung derselben aufgefunden wird.

Was die Identifikation von Dalmanutha, Ephrem ,Magdala, Emmaus rc. anlangt, so habe ich das Nöthigeschon in meiner ersten Besprechung erwähnt, und habenmich die Gegenbemerkungen Sepp's nicht überzeugenkönnen, daß jetzt diese Orte sicher identifizirt seien. WasEphrem betrifft, so wird soeben im Aprilhefte derRevusbibligus iutsrnatioimlc" (Paris, Lecoffre) eine Mosaik-karte Palästinas aus der Zeit Justinians , welche von denGriechen im letzten Herbst bei ihrem Kirchenbau in Madaba entdeckt wurde, von den Dominikanern veröffentlicht.Diese Karte weist nun Ephrem bei Jerusalem und hatdie Legende: xv(>,or. Demnach

spricht eine sehr frühe Tradition unzweideutig gegen Sepp.Leider ist der Theil der Mosaikkarte, welcher Galiläadarstellte, bis aus minimale Bruchstücke zerstört. Niko-polis ist angegeben, der Name Emmaus dagegen findet sichnirgends. Soll das vielleicht andeuten, daß der KünstlerEmmaus Nikopolis setzte.

Kana Galil ist nach Sepp das biblische Kana. DerOrt heißt jetzt Chirbet Kana oder auch KanLt el DscheUlund wurde zur Zeit der Kreuzzüge für Kana gehalten. Dergelehrte Dominikaner Zanecchm, dem man keine Vor-eingenommenheit für die Franziskaner-Tradition vor-werfen kann, schreibt in I-g. Dalcstina ck'oM, Roms 1896II, 168:Es ist jedoch die Meinung der modernen Pa-lästinologen sehr wahrscheinlich, welche das 6alilaoasmit Kefr Kenna identificiren; denn die alten Pilqerberichteverzeichnen bei der Erwähnung des Cana, wo Jesus seinerstes Wunder wirkte, Entfernungen und Umstände,welche weder zu Kana im Stamme Ascher noch zu ChirbetKana, sondern nur zu Kefr Kenna passen." Demzufolgeverdankt also das Sanktuarium zu Kefr Kenna soliderenGründen seine Entstehung als dem,um den Pilgern denweiten Umweg zu ersparen". Sepp bezeichnet irrigerWeise den Bergabhang, an welchem Kefr Kenna liegt,als wasserlos. In Wirklichkeit besitzt der fragliche Orteine gute Quelle, welche zahlreichen Obstbäumen dienöthige Bewässerung liefert.

Somit wäre ich am Ende meiner Erwiderung. Eshandelte sich darum, zu untersuchen, ob Sepp's Gründefür seine Behauptungen stichhaltig sind und ob seine An-sicht, verschiedene geographische Fragen cndgiltig gelöst zuhaben, richtig ist. Ich glaube genügend dargethan zuhaben, daß die Punkte, welche ich in meiner ersten Be-sprechung als kritisch unsicher bezeichnet habe, auch nachder Entgegnung Sepp's an kritischer Sicherheit nicht ge-wonnen haben.

Das .jurars in verba maxistri hat man mir auf denUniversitäten, welche ich besticht habe, gründlich ans-gctrieben und dafür den Grundsatz aller Wissenschafteingeprägt: Ikmicus midi Illgta, moZ'is amica vsritas.

Ottmarshansen, am Osterdinstag 1897.

Dr. Scb. Euriugcr, Pfarrer.

Recensionen und Notizen.

Raymund v. Fuggcr,Die christliche Familie*.VIII, 50 Seiten, 30 Pf. brosch. Südd. Verlags«anstalt (Dan. Ochs) Stuttgart .

U. Ein für unsere Zeit sehr bedeutsames Thema wirdhier dem Leser in formvollendeter Darstellung vorgeführt.Eingangs nennt Verfasser die Familie eine Grundlage derreligiösen und socialen Ordnung, von deren Blüthe undZerrüttung die Blüthe und der Verfall der Kirche undder Staaten abhängt. Verfasser gibt dann einen histor-ischen Rückblick über das Familienleben bei den altenRömern und Griechen, verbreitet sich alsdann über diemoralische und rechtliche Stellung der Frau bei den altenheidnischen Deutschen, bei den Chinesen, Japanern, Türken.Russen rc. Ueberall bietet sich uns. mit einziger Aus-nahme unserer deutschen Vorfahren, ein trostloses Bildder Zerrüttung des Familienlebens dar: Der Mann istTyrann, die Frau Sklavin, das Kind eine Waare. Nichtviel besser sind die beiden modernen Familiensysteme,das socialistische und das liberale. Nach der Lehre desEvangelisten" Bebe! tritt im Zukunftsstaat an die Stelleder Ehe diefreie Liebe": die Kinder aber werden voll-ständiges Eigenthum des Staates u. s. w. Der anderegroße Hauvtfeind der Familie ist der Liberalismus, undleider hat das liberale Familiensystem durch das Gesetzüber die obligatorische Civilehe die staatliche Sanktionerhalten, der gegenüber der kirchliche Standpunkt ent-schieden zu wahren ist. Der Liberalismus raubt denEltern ihr unveräußerliches Recht auf die konfessionelleSchulerziehung der Kinder durch den Ruf nach Aufhebungder geistlichen Schulaufsicht. All das widerspricht demIdeal der christlichen Familie. Das einzige wahre Idealderselben ist die hl. Familie von Nazareth , deren Grund-lagen Christus wieder geheiligt und verklärt hat. Diechristliche Familie hat sowohl äußere wie innere Feinde.Verfasser versteht es, den Familienvater im Kamps gegendiese, namentlich gegen Genuß- und Vergnügungssucht,zu ermuntern und zu begeistern. Das alles wird uns ingewandter, herrlicher Sprache vor Augen geführt. Vor-liegende tiefgreifende, überaus praktische Broschüre solltein keinem katholischen Hause fehlen. In Anbetracht desüberaus billigen Preises eignet sie sich ganz besonderszur Massenverbreitung.

Banr o. Dopt. (o. cap.), ^rxumonts, contra oriontalomecols8iam o.snsgus szwockieam cnez-elicmn anniND600X0V. 8" pv. VI -s- 100. Ooniponts, Hauch1697. ü. 1.

s Die getrennten Orientalen zur Einheit der kathol.Kirche zurückzuführen, ist bekanntlich eine Herzensangelegen-heit des greisen Papstes Leo XIII . und eine seiner kühnsten»freilich allzu optimistischen Hoffnungen. Seine Eucyklicawurde in griechischen Blättern mit giftigenr Spotte be-antwortet und für die Union schwärmen nur diejenigenOrientalen, die sich davon Besserung in socialer und po-litischer Hinsicht versprechen, um später, wie die Geschichtelehrt, wieder abzufallen. Auch der schismatische Patriarchvon Konstantinopel erwiderte auf das päpstliche Rund-schreiben mit einer Encyklica, die hier zum Ausgangs-punkt für die Erörterung der konfessionellen Unter-scheiduugslebren genommen ist, über welche im Abendlandbei uns Katholiken leider eine ganz merkwürdige Un-wissenheit herrscht; daß selbst katholische Zeitungen mitder selbst gemachten, nirgends officiellen Bezeichnunggriechisch-katholisch" nichts anzufangen wissen und siebald für die Schismatiker (die sich selbst Orthodoxenennen), bald für die (uuirten) Katholiken des griechischenRitus gebrauchen, sei nebenbei erwähnt. Das Buch istsozusagen eine Symbolik der griechisch-orthodoxen (schisma-tischen) Kirche und insofern dogmatisch wie historisch sehrdankenswerth. als wir über den Gegenstand keine reicheLiteratur haben. Auch ist der Verfasser ein verläfsigerFührer, da er als Lektor der Theologie am apost. oricntal.Lehrinstitute in Budjah (bei Smyrna ) selbst auf demKampfplatz steht. Er bekämpft dieorthodore" Lehre mitihren eigenen Waffen, denn in thurmhohcn Widersprüchenhaben die Griechen von je her Unnachahmliches geleistet.Mit Geschick werden die haltlosen und oft mich unehr-lichen Angriffe der Griechen auf die katholische Lehrezurückgewiesen. Die Quellen, aus denen geschöpft ist, sindgriechische Schriftsteller alter und neuer Zeit: die wörtlich