Ausgabe 
(27.5.1897) 30
 
Einzelbild herunterladen

lk'. 30

27. Mal 1897.

2

Alts Glasmalereien am Bodensee und seinerUmgebung.

(Schluß.)

2. Zur zweiten Serie gehören eine MadonnaMkt dem Kinde und die Heiligen Wolfgangund Christophorns.

Die heilige Jungfrau mit dem Kinde, das dieRechte segnend erhebt und in der Linken die Weltkugelträgt, hat blaues Ober- und rothes Nntergewand undhält in der Linken das Scepter. Sie ist von einerStrahlenglorie umgeben und zeigt wie überhaupt eineschöice Gestalt, so besonders ein wunderschönes Köpfchen.Die Zeichnung ist hochfein und die ganze Auffassung desGegenstandes eine ideale, hochfeierliche. Um die ganzeFigur läuft ein Spruchband mit dem Vers: 8is prs-oibn8 piaorrta mor8 ea8tis8ima> virgo, ultima, guumvoniet zuäioig tilg, äiso. Oben sieht man miuiatur-artig fein gezeichnet die allegorische Darstellung vonMaria Verkündigung": Die heilige Jungfrau ist sitzenddargestellt, und ein Einhorn flüchtet sich in ihren Schoß;ein stehender Engel bläst auf einem Jagdhorn und führtzwei Hunde mit sich. Diese vorzüglich erhaltene Tafelmit der hl. Jungfrau, 75 na hoch und 50 ein breit,ist ein Kabinetsstück ersten Ranges, wohl das Juwel derganzen hochinteressanten Sammlung.

Der heilige Wolfgau g mit rothem Pluvialeund grüner Dalmatika hält in der Rechten das Modelleiner Kirche und in der Linken den Hirtenstab sammteinen! Beil, seinem Attribute. Links unten sieht mandie Inschrift: NorancI von braun, und rechts nutenkommt der Donator mit dem Spruchband über sich:Lrmotug ^VoIf§cmAa8 ora pro uobig. Der heiligeChri stoph orus, mit einem gewaltigen Stock in denHänden, durchschreitet ein Gewässer und trägt das Christus-kind auf seiner linken Schulter, das die Weltkugel hält.Der Heilige zeigt einen sehr guten, porträtartig gezeich-neten Kopf, und ist die ganze Gestalt vollständig erhaltenmit Ausnahme von einem eingesehen Armstück.

Was die glasmalerische Technik dieser dreivorzüglichen Stücke anlangt, so ist sie im Allgemeinendie gleiche, wie die der vorigen Serie, nur finden wirhier, besonders in dem Madonnenbilde, eine noch feinereVerwendung des Silbergelbs. Nur allein mit dieserSchmelzfarbe, mit einem leichten, in der Fritte herge-stellten Blau und mit dem Schwarzloth weiß der Glas-maler bei der Scheibe mit dein hl. Wolfgang einen land-schaftlichen Hintergrund mit Fluß, Bäumen, Häusern usw.herzustellen, wie mau ihn lebhafter auf Leinwand nichtgeben kann. Eine hier einzigartig technische Erscheinunggegenüber allen andern Figuren bildet die glasmalerischeBehandlung des llntergewandeS oder Turnicrrockes beimhl. Christophorns: man sieht hier außer gelben, durchSilbergelb hergestellten Streifen auch solche von rotherund blauer Farbe, welche hier eigenthümlicher Weise durchSchmelzfarben aufgetragen sind, was namentlich be-züglich des Roth merkwürdig ist, das man auch später,bei der sogenannten Kabinetsglasmalerei, sonst überallnur als Ueberfangglas angewendet findet.

Diese drei Scheiben sind, wie die oben angegebeneInschrift zeigt, von dem reichen Baseler Patrizier VonBrunn in die Karthanse nach Klcin-Basel gestiftet undkamen ebenfalls 152729 nach St. Blasien. Daß auch

sie hier waren, ergibt die, wenn auch kiinsterisch aller-dings mindcrwerthige, aber doch interessante Ergänzungunter der Darstellung der hl. Jungfrau; hier sehen wirnämlich das Wappen von St. Blasien, und zwar dasdes Abtes Benedikt II. einen weißen Hirsch aufblauem Felde, unter welchem also die Ergänzungstattfand.

3. Die folgenden drei Fenster, wieder eine Ma«donna mit dem Kinde und die Heiligen Jo-hannes den Täufer und Margarethe! dar-stellend, gehören ebenfalls zusammen, und sie scheine»mir, lvie aus der gleichen Glasmalerciausialt wie dieBilder der vorigen Serie, so auch vom gleichen Karton-zeichner zu stammen.

Das Mittelfenster zeigt die hl. Jungfrau von einergroßen Aureole umgeben, wie sie auf dem linken Armedas Kind und in der rechten Hand ein Scepter hält.Mit einer eigenthümlich genrehaften Lebhaftigkeit ist baSChristuskind dargestellt, indem es nicht, wie in dervorigen Darstellung, die Rechte segnend erhebt, sondernvon der Mutter hinweg seinen Kopf rückwärts wendetund in die Welt hinausschant. Das Köpfchen der Ma-donna ist porträtartig, fast kindlich jugendlich. Untensteht die Inschrift: ^olicmncw JViämann äootorIckrrrxrat Lpilmenin. 1528. Das rechte Seitenstück zeigtden hl. Johannes den Täufer, der ein härenes, gclbcSGewand trägt und in der Linken das Lamm Gottes aufeinem Buche hält, auf das er mit der Rechten hinweist.Unten sieht man das Porträt des Stifter?, von dem dasSpruchband ausgeht: ora pia. pro nodia vierZo (virgo)maria, und welcher einen Rosenkranz in den Händenhält. Das Porträt ist ganz meisterhaft vollendet. DaSlinke Stück hat die Namenspatronin der Stifteriu, diehl. Margaretha, zur Darstellung, die in rothen Mantelund weißes Untergewand gekleidet ist. Ihr Köpfchen istvon wunderbarer Zartheit. Die Heilige führt mit derLinken den Drachen und hält zugleich eine Palme, in derRechten hat sie ein Stabkreuz. Zu ihren Fußen knietdie Stiftern: sammt ihrer Tochter; erstere, ebenfalls einvorzügliches Porträt, hält einen gewaltigen Rosenkranzin Händen und gibt zugleich den Ausdruck einer echtfrommen, biedern deutschen Hausfrau. Ein Spruchband,das von ihr ausgeht, sagt: ivonm tilinm tnum monstrano5l3 propitium.

Was die Provenienz dieser drei letzteren Scheibenanlangt, so geben hierüber die Inschriften hinlänglicheAuskunft. Johann Widinanu war Dr. .snrm und St.Blasischer Obervogt und hatte die Schwester des Abtesvon St. Blasien, Margaretha Spielmann von Frei bürg,zur Frau. Die Scheiben blieben bis zum Jahre 1820in St. Blasien , wo sie dann der Großhcrzog Ludwig fürseine Privatsammlung von dem Juden Seligman», späterbayerischen Baron von Eichthal, kaufte. Dieser JudeSeligmann hatte nämlich im Jahre 1808 das ganzeKloster St. Blasien von der badischen Staatsregiernnggekauft und in eine Gewehrfabrik umgewandelt. DieKirchenfenster zu verkaufen, hatte aber der badische Staatnicht das Recht, weil sich die Säcnlarisatiou nur auf dieTemporalien bezog, nicht aber auf kirchliche Gegenstände.Doch darnach hat damals weder der badische Staat nochder Jude Eichthal-Seligmaun etwas gefragt.

Wir haben schon oben beiuerlt, daß die Kartons zuden Scheiben dieser und der vorigen Serie wohl um