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läres Bild des Kirchensürsten, welches alle die inter-essanten Details zusammenfaßt und die Thaten eines beimanchen Mangeln wahrhaft großen Mannes schildert,bietet Purcells Biographie dem Leser nicht. Em solchesLeben muß erst noch geschrieben werden.
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Nach dieser fachwissenschaftlichen Besprechung überPurcell's Biographie ist es wohl auch geboten, eine derenglischen Stimmen zu vernehmen, welche sich abfälligüber Purcell's Biographie geäußert haben. Wir wählenhiefür die Auslassung des Nachfolgers und langjährigenvertrauten Freundes Manuing's, des jetzigen Cardinal-Erzbischofes Vaughan, dessen Legitimation nicht wohlbestritten werden kann. In seiner Erwiderung auf dieam Tage seiner Inthronisation (8. Mai 1892) ihmüberreichten Adressen der Geistlichen und der Laienschafthat sich der jetzige Cardinal-Erzbischof von Westminster— früher Bischof von Salford — über sein Verhältnißzu seinem Vorgänger unter Anderem also geäußert:
„Vierzig Jahre lang genoß ich den Vorzug, aufvertrautestem und freundschaftlichstem Fuße mitihm zu stehen, zwanzig Jahre als College im Episkopat.Unter dem Drucke des Verlustes, den wir erlitten, gereichtmir die Erinnerung an das, was ich ihm verdanke, zubesonderem Trost. Nach meinen lieben Eltern verdankeich Keinem so viel, wie ihm, weit mehr als Worte oderThaten vergelten könnten: die hohen Ideale meinesLebens, die er pflegte, das Vorbild priesterlicher Tugend,die vollständige Hingabe seiner Person an die Errettungder Seelen, den ausnehmenden Takt und die Nachsicht,die er gegenüber meinen Schwächen an den Tag legte.Und während der letzten zwanzig Jahre haben wir alsMitglieder des Episkopats im innigsten Verhältniß ge-standen. Alle Fragen wurden mit jener wecken Duld-samkeit besprochen, die ihm in so hohem Grade eigen war.Durch Liebe und Ueberzeugung waren wir mit-einander verbunden."
Cardinal Vaughan hat nun in der Februar-Nummer des „Nineteenth Century" 1896 überPurcell's Buch: „Das Leben des CardinalsManning" eine energische Kritik und Erklärung ver-öffentlicht, der wir folgende Stellen entnehmen:
„Die Publication dieses „„Lebens"" ist nahezu einVerbrechen. Eine Anzahl von Briefen, welche das An-sehen lebender oder verstorbener Personen berühren, wirdda auf die Gasse geworfen, zum Äerger, zum Schmerzund zur Entrüstung Verwandter und zahlloser Freunde.Diese Briefe waren niemals geschrieben, niemals auf-bewahrt, um eines Tages veröffentlicht zu werden. Esist unmöglich, die Mehrzahl derselben zu lesen und sierichtig zu verstehen, solange nicht zugleich die näherenUmstände veröffentlicht sind, die sie verständlich machenund die jetzt vergessen sind. Es ist Schlinnn er es als eurebloße Indiskretion, Briefe zu veröffentlichen, welchezwischen intimen Freunden gewechselt worden sind. worindiese ihre Gedanken und Wünsche in Angelegenheitendelicatester Natur einander mittheilen, besonders wennman bedenkt, daß diese Briefe entstanden unter der Ein-gebung des Augenblickes und nur auf die augenblicklichenVerhältnisse berechnet waren, und niemals geschriebenworden sind in der Annahme, daß sie jemals vor dieAugen des Publikums kommen. Wenn jede intime Pri-vat-Correspondenz unter solcher Voraussetzung geführtwerden muß, daß der einmal geschriebene Bries kurzdarauf nach den vier Himmelsrichtungen hinausgeaebenwerden wird, dann freilich haben wir gegen die in Redestehende Biographie nichts zu sagen; aber würde einesolche Aenderung unserer Sitten nicht jeden vertrauten,freundschaftlichen Verkehr vernichten und ihn zu einertrockenen, pedantischen Sprache nöthigen? CardinalManning hat einmal, als von seinem Tagebuche die Redewar, zu einem Freunde gesagt: „Sie sind der Einzige,der diese Zeilen gelesen hat!" — Nach solcher Aeußerungwird mich Niemand glauben machen, daß dieser großePrälat gewollt habe. Laß das nämliche Tagebuch voll-
ständig in vier Jahren nach seinem Tode den: Druckeuud dem Büchermärkte übergeben werden solle. Waser geschrieben, ist zu intim, zu secret, zu persönlich. Waskann es denn nützen, der Oeffentlichkeit diese psycholog-ischen Analysen mitzutheilen, wo die Seele sich selbst er-forscht und anklagt! Man sagt da zu viel oder zu wenig;die Wahrheit der Memoiren ist nicht absolut, sondernrelativ: der Sinn derselben entzieht sich der Nengierdedes großen Publikums. Man kann nicht daran zweifeln,daß der Cardinal gewollt habe, daß sein von ihm selbstsorgfältig revidirtes Tagebuch seinem Biographen zurEinsicht übergeben werde. Dieser sollte aus der Lectür«desselben sich eine sichere Richtschnur für sein Urtheilbilden: er sollte dadurch in den Stand gesetzt werden, irdas Innere jenes Mannes einen Einblick zu thun, dessenöffentliches Leben er zunächst zu zeichnen hatte. Aberdaß er gewollt habe, es sollten, sobald er seinen Fuß ausdas Gestade der Ewigkeit gesetzt haben werde, diese Docu-mente miteinander, seine geistigen Kämpfe, ferne Bekennt-nisse. seine Kritiken, seine persönlichen Eindrücke, seineUrtheile über Personen und noch nicht völlig abgeschlosseneadministrative Acte. seine Bemerkungen über wirklicheoder vermeintliche Fehler Anderer, oder über die deli-katesten Streitfragen, hinter ihm in das stürmische Meerzurückgeschleudert werden, das er soeben durch-führen, das ist einfach undenkbar. Und doch ist ebendas nunmehr geschehen, als ob der große Cardinal ge-wollt hätte, daß die Stunde seines Eingangs in die Ruhedas Signal werden sollte, den Frieden der Brüder zustören, Wunden wieder aufzureißen, die zu heilen er selbstso bemüht gewesen. Er hätte, davon bin ich überzeugt,lieber die rechte Hand sich abhauen lassen, ja er hättelieber sterben wollen, als jene Documente veröffentlichtzu sehen, welche jetzt in den zwei Bänden seiner Bio-graphie der Oeffentlichkeit preisgegeben sind. Je mehr ersich seinem Ende näherte, desto vorsichtiger und ängstlicherwurde er in der Vermeidung alles dessen, was Jemandhätte kränken können. „Ich hoffe, daß keines meinerWorte, die ich gesprochen oder geschrieben, nach meinemTode irgend Jemand Nachtheil bringen werde" — dieserAusspruch des Cardinals hätte als Devise an die Spitzeseiner Biographie gesetzt werden sollen, wenn der Ver-fasser den Gedanken und die Intentionen seines Helden,ruck Sorgfalt hätte rcspektiren wollen. Es ist mir nichtleicht, vom ersten Baude zu reden; was den zweiten an-belangt, so ist es meine Pflicht, zu sagen, daß ich in demdort gezeichneten Bilde Manuing's keine Aehnlich-keit mit dem Manne finde, mit dem ich 40 Jahre hin-durch in ständiger Verbindung stand. Da finde ich dielangweilige Aufzählung von peinlichen Episoden, vonDifferenzen, wie sie zwischen ehrlichen und selbst heiligenPersonen vorkommen können, wie sie vorgekommen sindseit den apostolischen Zeiten und vorkommen werden biszum Ende der Welt. und das alles in einer Ausführlich-keit, als ob es den wesentlichen Inhalt des Buches bildensollte, aber von einer schönen und wohlthuenden Schilder-ung seines Charakters, von dem Glänze und der Schön-heit seines geistigen und pastorellcn Lebens finde ich k a umeine Spur. Da und dort sind einige Stellen, wo derHeld des Buches richtig gewürdigt wird, aber sie sindkein Ersatz für die lieblosen und ungerechten Be-urtheilungen des sogenannten „guten Freundes". In seinerUnfähigkeit, dieses schöne Leben zu verstehen, bis zuseiner Höhe sich zu erheben, dessen leitende Fäden zu er-fassen. hat der Biograph nichts anderes als einPamphlet zu Stande gebracht. Ein schweres Unrechtist gegen das Andenken des Todten begangen worden,und die ihn Ueberlebenden, noch tiefbctrübt über seinenVerlust, sind schmerzlich berührt von diesen Ungerechtig-keiten. Bei aller Anerkennung der guten Absichten undBemühungen des Herrn Purcelt muß ich doch sagen, daßes mir unmöglich ist. in der Biographie, die er pnbli-cirt hat. ein wahres und authentisches Bild des großen Car-diuals zu erkennen. Es bleibt nur die Hoffnung, denTag zu erleben, an dem eine mit Gerechtigkeit und Un-parteilichkeit geschriebene Biographie Manuing's er-scheinen wird, geeignet, so vielen verletzten Seelen, welchenPurcell's Buch eine so peinliche Ueberraschnng bereitethat, einigen Trost zu bringen."