Ausgabe 
(2.6.1897) 31
 
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ttn. 31

2. Juni 1897.

Der Katholicismus als Princip des Fortschritts.

Von Pros. Dr. L. Haas.

Den vielseitigen Widerspruch, welchen die nunmehrin zweiter AuflageI erschienene Broschüre des derzeitigenRektors der Universität Würzburg Dr. Schell erfahrenhat, sucht eine Zuschrift aus Unterfranken in Nr. 111S. 5 derAngsburger Postzeitung" dadurch zu erklären,daßvon taufenden von Lesern und Hörern (?) kaumeinige hundert, vielleicht noch weniger diese Schrift rechtverstanden haben". Eine sonderbare Rechtfertigung, undein noch sonderbareres Kompliment für den Autor derSchrift! Ich hasse die Oberflächlichkeit und liebe dieTiefe; aber die Tiefe ist nutzlos ohne entsprechende Klar-heit. Was nützen die tiefsten und richtigsten Gedanken,wenn sie nicht faßlich dargestellt werden? Was ist fürein Nutzen gestiftet, wenn der Lehrer bloß für sich indie Tiefe steigen kann, wenn er die heraufgeholten Schätzenicht richtig an den Mann zu bringen weiß? Da stiftetrr doch nur Verwirrung.

Mit der Grundanschauung und der Grund-endenz der Schrift bin ich ganz einverstanden. Daß>ie Wahrheit katholisch im eminenten Sinne ist, ist eineselbstverständliche Anschauung. Daß die Wahrheit frei imedelsten Sinne ist; daß sie und damit die wahre Wissen-schaft in der wahren Freiheit am besten gedeiht; daß derkatholische Lchrgehalt die wahrhaft freie und gründlicheForschung nicht zn fürchten braucht, sie vielmehr heraus-fordern kann, darf und muß; das; die wahre echteWissenschaft besser im harmonischen Zusammenwirken alsim diskordauten Streiten gedeiht (der Streit ist freilichnicht ganz zn umgehen, aber er soll ein freundschaftlichersein); daß die Katholiken mit allen Kräften zusammen-stehen sollen, um die wahre und somit kathol. Wissenschaftaus die gebührende Höhe zu heben, ihr eine nicht bloßangesehene, sondern herrschende und einfluß-reiche Stellung zu erringen; daß es mit dem bloßenZurückgehen auf Vergangenes nicht gethan, sondern einWeiterbanen erforderlich ist u. s. w. das sind Ge-danken, die in jedem gebildeten Katholiken lebendig lindwirksam sein und daher der Aussprache und Betonungnicht erst bedürfen sollten. Zu bedauern ist es daher,wenn sie in einer Form und unter Beimischungen aus-gesprochen und Mittel zu ihrer Verwirklichung vorge-schlagen werden, welche den ernstesten Widerspruch ohneiveiters herausfordern. Dadurch wird nicht das erstrebteZiel, sondern eher das Gegentheil erreicht.

Or. Schell redet zunächst von der auch sonst inletzter Zeit vielfach besprochenen wissenschaftlichenJnferiorität der Katholiken, besonders in Deutsch-land . Den Grund findet er mit Recht nicht im Glaubens-und Antoritütsprincip selbst. Wenn er aber S. 7 sagt,daß der Zweck, des Glaubens eine übernatürlicheDenkthütigkeit ist, daß der Zweck der Autorität eineübernatürliche Selbständigkeit ist", so wirder sofort mißverständlich und unklar. Er meint offenbarreine übernatürliche Denkthütigkeit im eigent-lichen Sinne, sondern eine Denkthütigkeit über Neber-natürliches, welche noch dazu durch übernatürlicheEinwirkung geläutert und in diesem Sinne erhöht ist.Er redet ja S. 9 davon, daß eineVerzichtletstung auf

. ') Während des Niederschreiben? dieses Aufsatzes er-schien die dritte, die auch bereits vergriffen ist. D. Red.

die eigene Geistesbethätiguug in den höchsten undwichtigsten Dingen" nicht verlangt werden kann, weil siezur geistigen Jnferiorität führt. Er tritt wiederholt (z.B. S. 17, 21) der allzuschroffen Sondcruug von Naturund Uebernatur entgegen. Reicht aber zum Erfassen desUebernatürlichen, soweit dies überhaupt möglich ist, dienatürliche Denkthütigkeit nicht aus, ist dazu eineübernatürliche erfordert, dann ist nicht nur eine un-überbrückbare Kluft zwischen Natur und Uebernatur gesetzt,sondern sind auch viele Forderungen Dr. Schells unbe-rechtigt, weil widersinnig.

Bei der Besprechung der wissenschaftlichen Jnferioritätder Katholiken sind die theologische und die profaneWissenschaft nicht hinreichend aus einander gehalten. DieJnferiorität in letzterer ist offenliegend. Von erstererläßt sich dies doch nicht ohne Wetters behaupten. Or.Schell müßte sich ja selbst einschließen in eine solche Be-hauptung. Dabei rechne ich zur deutschen theologischenWissenschaft ohne Bedenken auch das, was die deutschenJesuiten geleistet haben. Denn wenn Or. Schell auchviel von der Bedeutung und Aufgabe des germanischenGeistes und zwar mit gutem Rechte redet, so hat er dochvergessen, das charakteristische,, unterscheidende Merkmaldesselben genau anzugeben. Es müßte denn Gründ-lichkeit sein; diese aber kann sicher nicht von vorne-hcrcin und allgemein den deutschen Jesuiten abgesprochenwerden.

Der protestantischen theologischen Wissenschaft die profane kann hier nicht herbeigezogen werdenüberhaupt den Protestanten gegenüber verlangt Or. SchellBetonung des Gemeinsamen, Erstrcbung des Commn-nionismnS (nach dem Vorgang Cardinal Ncwmanns),S. 12. Sehr gut! Nur hat er nicht angegeben, wiedenn dieser Commnntouismns erstrebt werden kann. DieVerhältnisse in England sind ändere als die uusrigeu.Von den orthodoxen Protestanten trennt uns dasBekenntniß; betonen wir auch das Gemeinsame noch sosehr: einmal kommen Grenzlinien, über die sich keineVerbindung herstellen läßt. Von der modernen pro-testantischen theologischen Wissenschaft trennt uns zuletztdoch alles. Sie ist auf einem Standpunkt angekommen,den der Katholik ohne gänzliche Verleugnung seines Namensund Wesens niemals einnehmen kann. Während derkatholische Forscher niemals seiner Entscheidung unter-werfen darf und kann, was Bekenntniß ist oder nicht,sondern sich nur innerhalb des Bekenntnisses, aber daallerdings mit voller wissenschaftlichen Freiheitbewegen kann die Apologetik hat, allgemein gesprochen,die Thatsachen zu erhärten, welche den Inhalt des Be-kenntnisses als einen gottgegebcnen erweisen, machtder protestantische Forscher das Bekenntniß selbstvom Resultat seines Forschen? abhängig. Gibt nun, wiees thatsächlich geschieht, der Protestant sein Bekenntniß,die historische Begründung desselben, vollständig preis(vergl. S. 87), hält aber am Glauben fest, weil der-selbe einen im Gefühle sich manifestirenden, für das Lebenwerth- und bedeutungsvollen Inhalt hat (Werthurtheil),ist er also in der Wissenschaft ungläubig, im Lebe»gläubig, so ist das jedenfalls auch nach der AnschauungOr. Schells ein Standpunkt, der jede Gemeinschaft, jedeAnknüpfung, auch die wissenschaftliche, unmöglich macht. >

Seite 15. 16 gibt Or. Schell selbst zu, daß dek' Eommimionismus von protestantischer Seite nicht nur.