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nicht gepflegt wird, sondern eher das gerade Gegentheil.Ich stimme ihm vollständig darin bei, daß wir dies ohne«Verleugnung der katholischen Principien nicht nachahmenkönnen. Der von unserer Seite einseitig und krampf-haft betonte Coinmuniouismus führt aber nicht nur zunichts, er kommt auch in Gefahr, für Schwäche ge-halten zu werden. Hier hilft nur Stärkung undKräftigung der katholischen Wissenschaft und des ka-tholischen Lebens nach allen Seiten. Dabei ergibt sichdie Anerkennung der Wahrheit, wo immer sie sich findet,von selbst. Dr. Schell hat vollkommen recht, das; „jederFortschritt des Wissens ein neuer Gesichtspunkt für dasrechte Verständniß der Offenbarung wird". Dies be-gründet er aber durch den geradezu unverständlichen Satz:„,Gott ist Licht, und Finsternisse sind gar keine in ihm':nichts, was nicht Logos wäre, was nicht die Vernunfterhellen und befriedigen könnte — kein dunkler, unlös-licher Rest"! Nehme ich hier „Vernunft" (es kann dochnur die menschliche Vernunft verstanden sein) als Subjekt,so wird „erhellen" dem „nichts" gegenüber sehr bedenklich,und „befriedigen" geradezu unverständlich; nehme ich esals Objekt, so wird der Sinn von erhellen platt, undfehlt das Subjekt zu „unlöslich". Für wen soll in Gott!bi» unlöslicher Rest sein?
Aus mancherlei Anschauungen in katholischen Kreisenheraus, bei deren Schilderung (S. 17. 18) Dr. Schellselbst den von ihm (S. 12. 13. 14) gerügten Fehlerder Uebertreibung und Einseitigkeit nicht ganz zu ver-meiden weiß, wird die wissenschaftliche Jnferiorität derKatholiken davon hergeleitet, daß „die Kandidaten derTheologie soviel als möglich in weltabgeschiedenen Scmiuar-lchraustalten (Sind die Universitäten keine Lehranstalten?Der Vers.) von den weltlichen Fakultäten getrennt undvon den Universitäten fast ausnahmslos ferngehaltenwerden". Hier liegt eine Uebertreibung insofern vor,als es keinem Kandidaten, der die hinreichenden Mittelhat, irgendwo benommen ist, auf seine Kosten an irgendeiner Universität Theologie zu stndiren, wenn nicht be-sondere Gründe entgegenstehen. Ist er sittlich undwissenschaftlich qnalisiclrt, weist ihn später sicher keinBischof zurück. Es ist kein Kandidat, weder an einemLyceum noch an einer Universität, gezwungen, zum Er-werb seiner theoretischen theologischen Bildung in einSeminar zu treten. Ferner hätte ich von vr. Schellein offeneres Visir gewünscht. Da er „die Mischung derstudentischen Gesellschaftskreise mit einer entsprechendenÄnzahl Theologen" im Auge hat, so richten sich seineBemängelungen in letzter Beziehung gegen die Seminar-erziehung des Klerus überhaupt. Die katholischen Stndcntencorporationcn genügen nicht, „um die Riescn-aufgabe zu erfüllen, in weltlich-studentischer (vom Ver-fasser unterstrichen) Weise den katholischen Gedanken inder Studentenschaft nicht bloß zu verkörpern, sondernmehr und mehr zur Geltung zu bringen". „Unter demständigen und mächtigen Einfluß von Kollegien, welchegewiß zumeist aus ganz anderen Anschauungen stammen",reicht der gute Wille und die grundsätzliche Gesinnungder jungen Juristen, Mediciner u. s. w. in den katholischen Studentencorporationen zur Erfüllung dieser Aufgabe nichtaus. Das ist jedenfalls kein besonderes Kompliment fürdiesen Theil der katholischen Studentenschaft. Es solleine Armee von theologischen, rcligionsphilosophischen,apologetischen und katholischen (eigenthümliche Einthcilnng!)Gedanken erforderlich sein, wie sie nur durch eine ent-/prccbendc -stahl von TheMaen aus den verschiedensten
deutschen Gebieten mobil gemacht werden können (S. 19).— Also auf der Zahl liegt das Hauptgewicht! DieTheologen sollen wohl in den Versammlungen theolog-ische Gespräche führen! Die katholischen Theologie-kandidaten sollen weiterhin die anderen katholischen Stu-denten stützen! Da aber für sie selbst die Gefahr desUmfalls nicht ausgeschlossen ist, da sie, anstatt die an-deren in einer gewissen Höhe zu halten, selbst zu diesenherabsinkcn können, so brauchen sie auch eine Stütze.Worin diese besteht, deutet Dr. Schell S. 20 au: Inder theologischen Bildung. Leider hat sich, wiedie Erfahrung lehrt, die Bildung, auch die theologische,nicht immer als hinreichendes Schutzmittel gegen wissen-schaftliche und sittliche Verirrnng bewährt. Und bestehtdenn die wahre theologische Bildung ausschließlich in dertheologisch-wissenschaftlichen? Zudem verlieren die kathol-ischen Studeutcnkorporatiouen durch eine große Anzahlvon Theologen an ihrer idealen Bedeutung, da die ka-tholische Gesinnung katholischer Theologen doch etwasselbstverständliches ist.
„Man will und hofft mit.Recht, daß die 6 bezlv.7 theologischen Fakultäten an den 20 deutschen Universi-täten das Ansehen und die Bedeutung der katholischen Theologie für den Gesammtorgauismus des Universitäts-wesens und der Wissenschaft überhaupt wahren undmehren"! Dazu ist die jetzige Faknltätssrequcnz unzu-reichend! Hat denn die Zahl wirklich einen so großenEinfluß? Zur Wahrung und Mehrung der katholischen Theologie haben in den letzten Jahren die Fakultäten anden übrigen Lehranstalten redlich das ihrige beigetragen.Sie brauchen den Vergleich keineswegs zu scheuen, umso weniger, als die betreffenden Professoren ein geringeresMaaß der Zeit für sich haben als die Universitäts-professoren, da an den Lyceen z. B. jedes Fach nnrmit einer Kraft besetzt ist, während an den Universitätendie meisten Fächer getheilt sind. Heutzutage kommt esweniger auf den Ort an, wo die Wissenschaft gepflegtwird, als daß sie gepflegt wird. Freilich wäredas einfachste Mittel, den Univcrsitätsfaknltäten diesePflege möglichst ausschließlich zu übertragen, die Auf-hebung aller theologischen Fakultäten außerhalb derUniversitäten. Durch sie wird ja der (freie) Zuzug zuden theologischen Fakultäten (Dr. Schell scheint solcheaußerhalb der Universitäten nicht zu kennen oder wenigstensnicht anzuerkennen) grundsätzlich unterbunden, und damitist die Jnferiorität der katholischen Wissenschaft „sofortgegeben, zugestanden und gewollt"! Das ist natürlichetwas, was man Dr. Schell anss Wort glauben muß.einen Beweis erbringt er nicht.
Diese Jnferiorität erklärt sich auch aus der auf der-selben Seite (20) von Dr. Schell ohne jeden Ver-such einer Begründung kurzweg behaupteten„Mediocritv sein in aristisch er Systematik". Bei-gefügt ist noch die verdächtigende Bemerkung, man könnte,wenn man den Stimmungen, wie sie in den (in allen?)katholischen Kreisen künstlich genährt werden, auf denGrund geht, eher sagen, jedes Streben nach Förderungder Theologie, das über das Maß und die Mediocritüseminaristischer Systematik hinausgeht, bringe die Ge-fahr der Verdächtigung mit sich. — Also tiefere Aus-bildung bieten nnr die theologischen Fakultäten derUniversitäten! Liegt diese etwa der seminaristischenSystematik gegenüber in der Systcmlosigkeit? Hat weiter-hin die Erfahrung — diese allein ist hier maßgebend —den Beweis geliefert, daß die an Universitäten gebildeten