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Theologen den an den Lyceen und sonstigen theologischenLehranstalten gebildeten an Tiefe der Kenntnisse über-legen sind? Wir haben ja in Bayern Diöcesen, wo siein der Praxis nebeneinander wirken. — Viele Profes-soren sind von den Lyceen an die Universitäten über-gegangen. Lehrten diese etwa an den Lyceen wenigertief als an den Universitäten? Ist in sie beim Uebcr-tritt an die Universität sofort der Geist der Tiefe ge-fahren? Ist vielleicht gar der Geist der Tiefe an denUniversitäten erst neueren Datums?
Eigenthümlich mnthct es an, wenn es Seite 20als ein für das Ansehen der katholischen Theologie unddes von ihr im Gebiet der Wissenschaft vertretenenOffcnbarungsglaubcns bedenklicherer (als das äußere Miß-verhältniß der Zahl) Umstand bezeichnet wird, daß es ihrunmöglich gemacht ist, für gesteigerte wissenschaftlicheAnstrengungen und hervorragende Leistungen jeneisdeale Anerkennung zu erringen, welche in der größerenAnziehungskraft auf die stndirenden Kreise liegt. Trotzdes verschleiernden Ausdrucks tritt hier das subjektive,persönliche Moment zu deutlich hervor. Die wissenschaft-lichen Anstrengungen macht nicht die Theologie, sondernder Theologe, ihm eignen die hervorragenden Leistungenund die Anerkennung. Die ideale Anerkennung invorstehender Gestalt ist zudem nicht immer frei von einemsehr realen Beigeschmack.
Seite 21 findet sich der Satz: „Oder glaubt manetwa, die weltlichen Fakultäten hielten die Lchrseminaricrr.sowie die Lyceen für wissenschaftlich sich und auch dentheologischen Universitätsfakultäten gleich- oder nahe-stehende Hochschulen"? Dr. Schell steht hiebet nachallem auf der Seite der weltlichen Fakultäten. — Nunob sie für gleich- oder nahestehend gehalten werden,darauf kommt es zuletzt nicht an, wenn sie es nurin der That sind. Und daß sie es find undbleiben, dafür lasse man getrost sie se lber sorgen.Die Praxis wird hier mit ihrer unerbittlichen Logikentscheiden. Ucbrkgens theilen in dieser Beziehung dietheologischen Fakultäten an den Lycceu nur das Schicksalderjenigen an den Universitäten. Oder glaubt Dr. Schellwirklich, daß unter den heutigen Verhältnissen in derThat die theologischen Fakultäten an den Universitätenden weltlichen von deren Vertretern wissenschaftlichgleichgestellt werden? Ich glaube, er braucht nicht weitzu gehen, um gegentheilige Bestrebungen zu finden. DerVerband der theologischen Fakultäten mit den übrigenwird heutzutage leider als ein lediglich äußerer be-trachtet. Nach dem Standpunkt der modernen Wissen-schaft ist das gar nicht anders möglich. Zur Erläuterungsei es gestattet, hier etwas in die Tiefe zu gehen.
Nach christlicher Anschauung gibt es eine Naturund eine Uebernatur. Beide haben in letzter Instanzeinen und denselben Grund, ein Widerspruchzwischen beiden ist unmöglich, freilich auch eine „voll-kommene Gleichung". Beide sind Gegenstand der Wissen-schaft, insoweit sie mit dem Menschen in Beziehungtreten, also etwas Gegebenes für ihn sind. In dennatürlichen oder weltlichen Wissenschaften ist der forschendeGeist an das in der Gesammtnatnr Gegebene gebundenund durch dasselbe gebunden, in der Theologie an dasund durch das in der übernatürlichen Offenbarung Ge-gebene, weil diese der Weg ist, auf welchem die Ucbcr-uatur in Beziehung mit dem Menschen tritt. AufGrund des Urverhältnisscs zwischen Natur und tlcber-natnr ist einerseits vis zu einen! gewissen Grade ein
denkendes Aufsteigen von der Natur znr Uebernaturmöglich, anderseits wirft die übernatürliche Offenbarungauf vieles Natürliche ein klareres Licht. Wissenschaft-lich steht also die Theologie in ihrem Gebiete derweltlichen Wissenschaft völlig gleich, ist in demselbengerade so sclbstständig, gerade so frei, wie diese in demihrigen. Ja beide Gebiete sind begrenzt, das der Naturebenso, wie das für uns gegebene der Uebernatur.Ueber das begrenzte Weltall (metaphysisch unbegrenztwird es kanni Jemand nennen) kommt der Naturforscherunter keinen Umständen hinaus, tvenn er bei der Wahr-heit und damit bei der Wissenschaft bleibt. Als Wissen-schaft steht also die Theologie in keiner Weise den übrigenWissenschaften nach und gehört dem Urverhältniß ent-sprechend in den Gesammtorganismns der Wissenschaftenüberhaupt hinein, also auch in den Gesammtorganismusder Vertretung derselben.
Nun uegirt aber die moderne Wissenschaft nichtblos die Existenz des Ueber natürlichen, sonderngroßenthcils auch die des Uebersinnl ichen. Wenigstensläßt sie einen wissenschaftlichen Beweis dafür nichtgelten. Daß es auch für das thatsächliche Vorhanden-sein der Natur keinen Beweis für den gibt, der seinenSinnen nicht glauben will und das, was diese ihmsagen, wcgintcrpretirt und wegphilosophtrt, ist dabei frei-lich vergessen. Conscquenterweise wird aber von einersolchen Anschauung aus der Theologie der eigentlichewissenschaftliche Charakter abgesprochen und dieselbenur npthgcdrungcn an den Universitäten geduldet. Wasnach dieser Anschauung von der Theologie noch etwaübrig bleibt, Religionsphilosophie, Religionsgcschichte, ver-gleichende Religionswissenschaft und dergleichen, gehörteigentlich in die philosophische Fakultät.
Eine Stärkung der theologischen Fakultäten an denUniversitäten ist daher nicht nur sehr wünschenswert!)«sondern in gewissem Sinne sogar Bedürfniß. Der vonDr. Schell eingeschlagene Weg führt nicht zum Ziele.Connivenzen irgend welcher Art gelten eher als Schwäche.Ich glaube, die größte Stärkung finden diese Fakultäten,wenn sie möglichst innige Fühlung mit dem Leben suchen,vr. Schell wird mir entgegnen, daß er das ja geradewolle. Ich bin auch von seinem guten Willen vollstän-dig überzeugt. Aber seine Anschauungen führen zu einerMonopolisirung, und damit auch zur Jsoltruug der Theo-logie. Er kämpft gegen eine Art Jesuitenring r er solltedaher nicht einen anderen Ring intcudircn. Damit sün-digt auch er gegen die katholische Wissenschaft, der inmeinen Augen nichts Schlimmeres widerfahren könnte,als eine Art Monopolisirung nach gewissen Mustern. DieStellung der katholischen Theologiefakultäten zum Lebenist doch eine ganz andere, als die der übrigen Fakul-täten. Das darf bei aller Betonung der völligen Gleich-berechtigung nie vergessen werden.
Daß die Scheu des Geistlichen vor dem Weltliche»,die theoretische Loslösung des Ueberuatürlichen vom Na-türlichen unberechtigt ist, darin stimme ich mit Dr. Schellvollkommen aus dem einfachen Grunde übercin, weil dasUebernatürliche nur mittels des Natürlichen erreicht wer-den kaun, weil es auf Erden Geistliches ohne Weltlichesüberhaupt nicht gibt, weil niemand geistlich sein kaun, ersei denn zuvor und zugleich auch weltlich, weil in einen,Menschen, der kein natürliches Leben hat, sicher auchkein übernatürliches entsteht. Es hat es noch nie-mand soweit gebracht, von der Luft zu leben, und selbstdiese ist etwas sehr Natürliches. Daß diese Loslösn»»