Ausgabe 
(2.6.1897) 31
 
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aber eine Nachwirkung der statistischen und nominalist-ischcn Ncligkonsauffassung ist, scheint mir etwas weit her-geholt. In der jüngeren Vergangenheit sind doch diethomistlschen und realistischen Anschauungen so ziemlichallgemein herrschend gewesen. Ich sehe darin einfach eineunverständige Verkchrung der Negirung des Weltlichenund Natürlichen als Selbstzweck in eine Negirungdesselben schlechthin. Da diese widernatürlich undalso undurchführbar ist, so macht sich das Gegentheil inder Wirklichkeit naturgemäß von selbst geltend. Daß abersolche verkehrte Anschauungen die religiöse Durchdringungdes Weltlichen hindern, darin hat Dr. Schell nur zusehr recht.

Um noch einen von Dr. Schell vorübergehend ge-streiften Punkt zu erledigen: Abstrakt ist es freilichrichtig, daß die naturwissenschaftliche oder realistischeBildung an sich nicht minder geeignet ist, die Gymnasial-schule für den Idealismus zu werden, wie die alt-sprachlich-humanistische Gymnasialbildung. Die Natur-wissenschaft hat jedenfalls gerade so gut eine ideale Seite,wie die sog. Humaniora recht banausisch betrieben werdenkönnen. Wer aber auf diesem Gebiete einige Erfahrunghat, der wird mit mir sagen, daß es eine wichtige Aufgabeder nächsten Zukunft ist, zwischen beiden Richtungen denecht goldenen Mittelweg zu finden, nicht zuletzt im In-teresse der Theologie.

Die Einleitung in den AbschnittFreiheit desDenkens und kirchliche Autorität" möchte fastden Gedanken nahe legen, als halte Dr. Schell einenfoliden, geordneten Studicnbetricb mit der Freiheitdes Denkens und Forschend unvereinbar, erblicke darineine Art Knechtung des Geistes. Als ob damit sich nichteine Propaganda des Gedankens verbinden ließe! Alsob ein geregelter Studicngang mit Mechanismus undBevormundung gleichbedeutend wäre! Als ob die Fakul-täten an den Universitäten in den einzelnen Fächern nichtauch einen geregelten Gang einhielten! Die moderneWissenschaft verdankt zudem ihre wirksame Propagandanicht der akademischen Lehr- und Lernfreiheit, sonderneiner ganz anderen Freiheit, die sie im Gefolge hatder Verabsolntirung des Menschen, besonders inwissenschaftlicher Beziehung, mit ihren unausbleiblichenFolgen.

Was Dr. Schell unter Freiheit des Denkensversteht (S. 24. 28), bleibt freilich ein Ideal, ist aberdarum nicht minder selbstverständlich wie vieles andere,das trotzdem auch Ideal bleibt nämlich die Frei-heit von allen Vorurtheilen. Diese Begriffsbe-stimmung, so sehr sie weiter ausgeführt wird, hätte ichdoch lieber nicht gelesen. Dr. Schell betont wiederholt,die Universität habe ihre Candidaten auch das Denkenzu lehren; da hätte es ihm doch bestallen sollen, daßein negativer Begriff leer und nichtssagend ist. DieFreiheit des Denkens soll doch überall die gleichesein. Auf Grund seines Begriffes aber ist eine Gleich-heit nicht herzustellen, einmal weil er negativ ist, undzweitens weil zwar der BegriffVorurthcil" in sich fest-steht, die Anwendung desselben aber eine überaus un-sichere und mannigfaltige ist. Was ist nicht alles Bor-urtheil für die moderne Wissenschaft! Dr. Schell sagtzwar S. 25:Das gründliche Denken ist das freieDenken"; aber die Erklärung ist wieder negativ, unddabei findet sich der sonderbare Satz:Weder falsche An-nahmen noch außer acht gelassene Thatsachenstellen dgs Urth eil bestimmen". Wie außer ach: gelassene

Thatsachen ein Urtheil bestimmen sollen, ist mir nicht klar.Ich weiß freilich recht gut, was Dr. Schell sagen will:Man darf nicht absichtlich Thatsachen unerforscht lassenoder erforschte übergehen. Aber das ist kein Denkenmehr, weil Willkür. Wer glaubt zudem nicht gründlichzu denken, und worin besteht das Kriterium für einsolches Denken?

Die moderne Wissenschaft versteht unter Frei-heit des Denkens nicht die Freiheit von Vorurtheilen.Mit diesen hat sie ja nach ihrer Anschauung gründlichstaufgeräumt, und wo sich etwa noch eines bemerklichmacht, wird es schleunigst und gründlichst abgethan, vorallem das vermeintliche Vorurthcil, daß es nocheine andere Autorität gibt als die Wissen-schaft selbst. Die Freiheit deS Denkens und derWissenschaft im modernen Sinne besteht in der Forderung,daß nur die Wissenschaft selbst ihre Resul-tate zu beurtheilen, zu bestätigen oder zuverwerfen hat, und keine Autorität, sei sieweltlich oder geistlich. Die echte Wissenschaft man braucht sie nicht frei zu nennen kommtfreilich niemals zu falschen Resultaten. Aberwenn heutzutage jemand von einer Voraussetzung auszu irgend welchen Resultaten gelangt, so soll keine Auto-rität befugt sein, Resultate und Voraussetzung zu ver-urteilen, sondern nur die Wissenschaft (vgl. das Citataus dem Deutschen Protestantenblatt S. 29). Eine solcheFreiheit kann der Katholik niemals für sich in Anspruchnehmen, ebenso nicht jene Freiheit, die in einer behaup-teten Voraussetzungslosigkeit besteht, welche freilich inWirklichkeit einer willkürlichen Annahme in der Regel soähnlich sieht wie ein Ei dem andern.

S. ist die Freiheit in der Wissenschaft

(im Denken gibt es keine Freiheit) und die Willens-freiheit nicht gehörig auseinander gehalten. Es istfalsch, daß nur die allseitig erfaßte Wahrheit undGüte die Vernunft und den Willen ohne weitcrs ge-fangen zu nehmen und jedes Widerstreben innerlich zuüberwinden vermag. Dies gilt nur für den Willen;dieser ist nur durch die volle Erkenntniß, z. B. desZieles, gebunden. Die Wahrheit aber muß denkend an-erkannt werden, soweit sie eben erfaßt werden kann»'selbst wenn dies nur in einem geringen Maßeder Fall ist. Im Denken selbst gibt es keine Willkür,sondern unbedingte Gesetze, deren Ueberschreitnng dasDenken in das Gegentheil verkehrt, was beim Willennicht der Fall ist. Daß es zur Freiheit des Denkensgehört, alle möglichen Richtungen zu prüfen, alle mög-lichen Erklärungen zu versuchen, ist gar nicht richtig:dies gehört zum Denken selbst oder besser zurVollständigkeit, zur Schärfe und Tiefe desselben.Der ist kein Denker, sondern verfährt willkürlich, deralle Möglichkeiten entweder nicht finden kann oder nichterwägen mag.

Bei der Besprechung mancher Vorurlheile (S. 28)hätte ich bei dem Vorurthcil, die Erde sei der ruhendeMittelpunkt der Welt, den Beisatz:zumal wenn manan die Offenbarung und Menschwerdung Gottes aufErden glaubte" gerne vermißt. Es mag ja sein, daßsubjektiv dieser Glaube jenes Vorurthcil verstärkt,aber die Ausdrucksweise legt den Gedanken nahe, alsob derselbe an sich dieses Vorurthcil zu befördern ge-eignet sei.

Auf die Auseinandersetzung mit dem TeutschenProtestanrcnblatt S. 29 ff. einzugehen, liegt keilt Grund