Ausgabe 
(2.6.1897) 31
 
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vor. Mit derselben kann man im ganzen vollkommeneinverstanden sein. Nur einige Sätze nöthigen mich zurichtigstellenden Bemerkungen. In dem Satze S. 34:Die katholische Theologie, wenigstens an den deutschenUniversitäten, hat keinen Grund dazu gegeben, zu sagen,sie setze in philosophischer, historischer oder exegetischerErgrnndnng der Wahrheit irgendwo eine Schranke ihrerForschung", hätte ich die Worte: philosophisch, historischund exegetisch unterstrichen gewünscht, weil dadurch derSatz jeder möglichen Mißdeutung entrückt wäre. DieWorte:wenigstens an den deutschen Universitäten" wärenbesser weggeblieben, weil darin eine ungerechtfertigte Ver-dächtigung anderer Kreise liegt. Welche Kreise trifft sie?

Richtig ist ferner, daß sich die Theologie nicht blosmit der wissenschaftlichen Rechtfertigung der Kirchenlehre,sondern mit dem tieferen Eindringen in die ewige Wahr-heit zu befassen hat (S. 34). Die Kirchenlehre soll jawissenschaftlich, denkend erfaßt werden. Bedenklich aberist der Satz:Die Vernunft ist es ja, mit der sie(die Theologie) zu verhandeln hat: und darum darf keinunlösbarer Rest in der wissenschaftlichen Rechnung bleiben."Ich sehe nicht ein, >vaS es mit der Vernunft zu ver-handeln gibt. Diese ist ja doch blos Organ undMittel zur Erforschung und Erkenntniß der Wahrheit!Es wäre doch sonderbar, wenn wir mit dem Mittel zurErkenntniß, das uns Gott gegeben, erst verhandelnmüßten. Zudem müßte, da nicht das Abstraktum Theo-logie mit der Vernunft verhandeln kann, diese zuletztselber mit sich verhandeln. In derwissenschaft-lichen Rechnung", d. h. soweit eben die Wissenschaftreichen kann, darf freilich kein unlösbarer Rest ange-nommen werden. Wo aber sind ihre Grenzen? Wiesteht es mit den eigentlichen Gehcimnißlehren? Um jedeMißverständlichkeit auszuschließen, hätte doch irgendwieangedeutet werden sollen, daß eben die wissenschaftlicheRechnung eine begrenzte, bedingte ist.

S. 35 ist es als ein Grundsatz des Glaubens hin-gestellt, daß einevollkommene Gleichung" seizwischen Wahrheit und Offenbarung. Wird der Ausdruckvollkommene Gleichung" wörtlich genommen, dann istmir von einem solchen Grundsatz nichts bekannt, er müßtedenn in dem platten Sinne zn verstehen sein, daß allerOffenbarungsinhalt wahr ist. Ist er in dem Sinnegenommen, daß zwischen Wahrheit und Offenbarungbeide sind ja Wahrheiten nicht nur kein Widerspruch,sondern in letzter Instanz Uebereinstimmung dieseist aber keine Gleichung stattfinden müsse, dann istmir dieser Grundsatz selbstverständlich. Bestünde einevollkommene Gleichung zwischen Wahrheit und Offen-barung, so müßte eine solche auch zwischen Natur undUebernatnr bestehen. Das wird aber Niemand behaupten.Darin hat Dr. Schell freilich vollkommen recht, daß dasVordringen zn den tiefsten Gründen und zu der genauestenBestimmung des Thatsächlichen auf Seiten der Offen-barung einerseits wie der natürlichen Erkenntniß ander-seits zugleich die beste und einzig mögliche Vertheidigungder Offenbarnngswahrhciien ist; denn der letzte nndtiefste Grund ist beiderseits einer und derselbe.Wir stehen aber vor zwei verschiedene» Gebieten seinerWirksamkeit. Der Grund ist ja ein freier; wäre erein nothwendiger, dann ließe sich allenfalls von einervollkommenen Gleichung reden.

Eine Schranke für die Freiheit der Theologie an-erkennt auch Dr. Schell die ernstlich sie Ver-antwortlichkeit der Kirche gegenüber (S. 38).

Leider wird er auch da sofort doppelsinnig:DieVerantwortlichkeit ist allerdings eine Schranke der Frei-heit, aber eine innere Schranke: denn Freiheit undVerantwortlichkeit stehen und fallen miteinander." Hierwird Dr. Schell einerseits seinem Freiheitsbegriff untreu im Freisein von Vorurteilen gibt es keine Schranke, anderseits kann die innere Schranke eine doppeltesein: Eine Schranke i m Gegenstand der Forsch-ung und eine solche in der Person des Forschers.Erstere ist völlig unbedenklich und selbstverständlich. Nunnimmt aber Dr. Schell offenbar die innere Schranke imzweiten Sinn: Der Forscher darf soweit gehen,als er es verantworten kann. Die Frage ist:Vor wem? Wenn vor der Kirche, dann ist dieSchranke eine äußere; wenn vor seinem eigenenwissenschaftlichen Gewissen, dann ist die Schrankezwar eine innere, aber zugleich dem SubjektivismusThür nnd Thor geöffnet. Das wissenschaftliche Gewissenist ein sehr unbestimmtes und unbestimmbares Ding, vonsehr verschiedener Enge und Weite. Virchow's wissen-schaftliches Gewissen ist z. B. jedenfalls viel zarter undernster als das Häckel's.

Auf S. 41. 42. 43 und auch späterhin finden sichso treffliche Bedanken ausgesprochen, daß ich sie mit ivahrerFreude gelesen habe und mit dem Wunsche, die übrigenPartien des Schriftchens möchten diesen gleichen.

In dem AbschnittConservatismus und Fort-schritt" findet sich S. 46 eine Bemerkung vondemimmer höher steigenden Standpunkte der vorwärtscilcndenZeit", die darauf hindeuten könnte, daß Dr. Schell inetwas dem sog. Progressismus huldige. S. 54 ist aberdiese Annahme eingeschränkt durch den Satz:Darumist ein ständiger Wechsel zwischen konservativen und fort-schrittlichen Geistesrichtnngen in ihrer Herrschaft über diegroße Masse der maßgebenden Volkskreise, ähnlich wieEbbe und Muth, ja wie Perioden des Stillstandes mitsolchen des Fortschritts in der Entwicklungsgeschichte derSchöpfung abwechseln."

Den Satz S. 47:Jede Erweiterung des Wissensbedeutet zugleich eine Vertiefung und Läuterung desselben"möchte ich nicht ohne weiters unterschreiben. Um ihmeinen richtigen Sinn abzugewinnen, mußErweiterungdes Wissens" in einer ganz bestimmten Bedeutung (Er-schließung eines neuen Gebietes oder wenigstens einesneuen Gesichtspunktes) genommen werden. Mit Rechtverweist Dr. Schell darauf, daß die Wissenschaft, magsie welcher Art auch immer sein, der Hypothesen nichtentbehren kann (S. 47). Sie kann dies nicht schon ausdem einfachen Grunde, weil sie alle Möglichkeiten zuerwägen nnd alle Erklärungsversuche anzuwenden nnd zubeurtheilen hat. Hypothesen finden sich daher in jederWissenschaft, auch in der Theologie. Was sind dennder Angnstinismus, Thomismus, Molinismns, Probabi-lismus u. s. w. wissenschaftlich betrachtet anders alsHypothesen? Freilich sollen die Hypothesen als solchebezeichnet und nicht als ausgemachte, alleinige Wahrhefthingestellt werden.

Die Wissenschaft ist ihrer innersten Natur zufolgeeine fortschrittliche Macht" (S. 47). Dies ist voll an-zuerkennen, weniger aber die Begründung dadurch, daßder Gedanke selber der geborene Kritiker ist nnd nurdurch Unterscheidung bethätigt werden kann. Wo bleibtdas Erfassen dessen, was unterschieden werden soll? Istdie Gedankenarbeit lediglich die des Unterscheidens, Auf-lösens, wo bleibt dann ein Sicheres in der Wissenschaft?