Ausgabe 
(2.6.1897) 31
 
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Es mag HIemlt im Zusammenhang stehen, daß Dr. SchellS. 53 von der wahrhaft konservativen Wissenschaft einAufbauen" verlangt. Ich hätte den AusdruckWeitcr-baueu" lieber gelesen, obwohl auch zum Aufbau einSicheres und Bleibendes nothwendig ist. Man kannweder auf Flugsand noch mit bloßem Flugsand bauen.

Vollständig mißglückt ist S. 48 und S. 52 dieDarstellung des Verhältnisses Christi zu dem damaligenPharisäismus und Sadducätsmus, überhaupt zum AltenBunde, gegenüber der Frage, ob manche geschichtlichherausgebildeten Formen der Gegenwart festzuhalten oderzu ändern sind. Die Formen des Alten Bundes hattenja nach göttlicher Bestimmung ihr Ende erreicht; Christuswar gesandt, diese Bestimmung zu vollziehen. Wer kannin der Gegenwart eine solche Sendung für sich in An-spruch nehmen? Ist alles überlebt, was der Einzelnedafür hält? Warum hier nicht der Entwicklung, demGange der Zeit vertrauen? Diese Fragen kann man ganzgut stellen, ohne einem falschen Konservatismus z» ver-fallen.

Sehr auffallend war es mir, daß S. 52 sogar derBegriffUnsterblichkeit" nicht richtig gefaßt ist.Un-sterblichkeit ist darum des Geistes Lebensform: unsterblichist indeß nicht die Daseinsform des Starren, sondern desunerschöpflichen Wachsthums." Wie steht es da mit derUnsterblichkeit nach diesem Leben? (Wie der Baumfällt, so bleibt er liegen.") Die Konsequenzen aus demangegebenen Unsterblichkeitsbegriff führen soweit, daß ichein Eingehen in dieselben unterlassen muß.

Was Dr. Schell über das Ideal des Katho-licismus sagt, kann man ganz gut unterschreiben. DieBezeichnungLongobardensproß Thomas von Aquin "(S. 56) ist geschmacklos. Der starke Ausdruck:als obman es für das höchste Kriterium der Kirchltchkeit hielte:Oreäo guia ubsuränw" hätte durch Abwesenheit demSchriftcheu nicht geschadet. Die Uebersetzung von OmarsSpiritus lauäet vowiaum, ks. 150 mit:Auch jederNationalgeist lobpreise den Herrn"! ist weniggeistreich, da ja ein solcher Geist für sich nicht existirt.

Die Anführungen Or.Schcll's von Cardinal Manning übergehe ich, da sie als geschichtlich nur nebenbei zur Sachegehören und etwas Unrichtiges dadurch nicht richtig wird,weil es noch ein zweiter sagt. Auch übergehe ich, wasHiebei über die Jesuiten gesagt ist. Diese werden sichwohl selbst rühren; sie sind auch allein im Stande, einerichtige und vollständige Darstellung des Sachverhalteszu liefen:. Uebergehen kann ich aber nicht, weil es auchmir Herzenssache ist, daß der Clerus der Gegenwart inseinen Predigten weniger auf Schönheit und Gefälligkeit,als auf wissenschaftliche Tiefe und Gründlichkeit in mög-lichst populärer und verständlicher Form (auch den Ge-bildeten gegenüber) sein Augenmerk richten soll. DieSchönheit und Gefälligkeit der Predigten ergibt sich dannvon selbst.

Aus dem Nachwort hebe ich nur eine Stelle (S. 90)hervor:Man ziehe sich nicht von den Universitäten zurück,um die Theologie und die Theologen in Seminarienmöglichst weltfremd und untüchtig für das Apostolat inder Welt, besonders in der gebildeten Welt, zu machen"!Mit der Weltfremdheit in den Seminarien hat es nochgute Wege, ebenso mit der Untüchtigkeit. Man strebedoch kein Monopol an, und lasse auch andere ihre Schul-digkeit thun! Gründliche Bildung läßt sich auch außer-halb der Universitäten vermitteln, und wo diese vorhandenist, ergibt sich die Weltklngheit bei etwas gesundem

Menschenverstand von selbst. Uebrigens sehe man sich inStädten um wie Nürnberg, Fürth, Erlangen, Ansbach ,Bayrcuth u. s. w. Dort wirkt ein Clerus, der durch-gehends an einem Lyceum und in einem Seminar ge-bildet ist. Ueber Weltfremdheit und Untüchtigkeit des-selben für das Apostolat in der Welt, besonders in dergebildeten Welt, habe ich noch keine Klage gehört, obwohldieser Mangel am ersten an solchen Orten sich geltendmachen müßte.

Einen Erfolg wünsche ich der Schrift Dr. Schell'saus ganzem und vollem Herzen. Möge sie den Anlaßgeben zur etnmüthigen und allseitigen Hebungund Förderung der katholischen Wissenschaft!Dabei wird Jedermann gerne den theologischen Fakultätenan der Universität eine ehrenvolle Prärogative zuerkennen,wenn sie verdient ist. Jeder, auch der entferntesteVersuch einer Monopolisirung der katholischen Wissenschaftist aber mit aller Kraft zu bekämpfen, weil er dem Wesendieser Wissenschaft zuwider ist. In den weltlichen Fakultätenergibt sich vielfach ein gewisses Monopol von selbst, weilnur ihnen die ausreichenden Mittel zur wissenschaftlichenForschung zu Gebote stehen. Die katholische Wissenschafthat auch in dieser Beziehung einen Vorzug der Freiheit,der ihr für alle Zeiten gewahrt bleiben soll.

Zum Schlüsse kann ich es mir nicht versagen, darauszu verweisen, daß der Jubel über die Schrift von liberalerund protestantischer Seite rein unverständlich ist. DerTitel schon hatte nach dieser Seite hin doch etwas stlchigmachen sollen. Wenn der Katholicismus dasPrincip des Fortschritts ist, wie steht es dannmit allein, was mit ihm in Widerspruch steht?Man hat wieder einmal vor lauter Bäumen den Waldnicht gesehen!

Zur Geschichte des Kreuzweges.

(Letztes Wort.)

kV k. 8. Es war vorauszusehen, daß der um diePalästinaforschung vielverdiente Professor Dr. Sepp aufdie Ausführungen zur Geschichte des Kreuzweges replrcirenund seine Ansicht, daß die Wohnung des Pilatus zur ZeitChristi auf dem Sion gewesen sei, vertheidigen würde.Doch vollgiltige Beweise hat er nicht vorgebracht, und wider-legt hat er auch nichts: vornehme Machtsprüche könnendafür nicht gelten.

Was es mit dem Zeugnisse des Philo für eine Be-wandtniß habe. ist bereits angegeben. Es steht kein Wortdarin, daß PilatuS in dem Palaste des Herodes gewohntoder immer gewohnt habe. Er erzählt nur, daß Pilatusander Königsburg des Herodes " und wiederum amHause der Statthalterei" goldene Schilde aufhängen ließ.Aber gerade das. was man vor Allem erwartete:anseiner Wohnung", fehlt bezeichnender Weise. Er wollteeben nur den Juden seine Macht und seinen Trotz zeigen.Dieses erhellt auch daraus, daß er später sogar ein Stand-bild im Heiligthum des Tempels aufstellen wollte. AberdasHaus der Statthalter"? Nun das war die Königs-burg ja wirklich, weil dieselben dort zu wohnen pflegten,wenn sie nach Jerusalem kamen. Doch stand ihnen nocheine andere sichere und prächtige Wohnung zur Verfügung,die Burg Autonia . Auch diese hatte Herodes gebaut, undwas der baute, war immer königlich, vr. Sepp nenntsie verächtlich Tempelkaserne. Sie diente aber nicht bloszum Schutze des Tempels, sondern der ganzen Stadt,weßhalb sie eine dreifache Wache hatte. Bezüglich derinnern Einrichtung nennt sie Fl. Josephus einen Königs-palast, Herodes selbst hatte darin gewohnt, der nach-malige Kaiser Titus während der Belagerung, später dieislamitischen Herrscher mit ihrem Harem. Der Königs-palast des Salomo mit seinen vielen Frauen und Heldenwar auch nicht größer. Es ist wirklich seltsam, daß derHerr Professor die kriegerischen Römer in einem zumAufruhr geneigten Lande für so zimperlich hält und selbst