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Beilage zm Dgsömger Weitung.
s. Illllk 1897.
Dem Volke an wahr und frisch gezeichneten Bildernzu zeigen, was Wahrheit, was Lüge, was Tugend, wasLaster, was wirkliches Glück, was Unglück sei — dasschwebt als ideales Ziel wohl jedem katholischen Roman-schreiber vor, der sich seiner Verantwortung bewußt ist.Wer sich für eine gedeihliche Entwickelung dieser Sparteunserer Publicistik interessirt — und das wird wohljeder, dem die ungeheure Bedeutung einer guten Unter-haltnngsliteratur kein Geheimniß ist —, der wird anden „Lappalien" seine helle Freude haben.
Zahllose Klippen hat der zu meiden, der mit allemErnste dem gekennzeichneten hohen Ziele zustrebt. Manchelassen sich abschrecken, sie bleiben am friedlichen Strandeund begnügen sich damit, ihrem Leserkreise eine sogen,anständige Unterhaltung zu bieten. Wir wollen sie nichttadeln, solange sie nicht diese Strandidylls als Weltmeer-scenen gelten lassen möchten, m. a. W. wer den Leserblos angenehm unterhalten will, der sage es auch klippund klar, daß es sich nur um eine amüsante Spielereihandelt. Tritt der Erzähler aber auf als Lehrer undErzieher, als Uihrer und Warner, so gedenke er seinerheiligen Pflicht: die Wahrheit, die volle Wahrheit undnichts als die Wahrheit zu sagen. Sie mag oft bitterschmecken — gut, er kleide sie in eine süße Schale, sowird sie accepiirt.
Dieses Princip, nur Wahrheit, oft tief beschämendeWahrheit zu bieten, aber in einer Form, die sie demverwöhntesten Gaumen schmackhaft macht, hat Colomamit beivundernswerther Consequeuz festgehalten. Colomaist Priester der Gesellschaft Jesu . Eine Zeit lang saher das vornehme Madrid um seine Kanzel versammelt;er sagte indeß den hohen Herren und Damen die Wahr-heit mit solcher Aufrichtigkeit, daß er bald wieder ent-fernt wurde. Coloma war nicht der Mann, der sich ingekränktes Schweigen gehüllt hätte; er besteigt kurz ent-schlossen eine andere Kanzel, von der herab seine Buß-predigt nur um so lauter und durchdringender ertönt.„Wie in früheren Zeiten der Mönch auf öffentlichemPlatze einen Tisch bestieg und von da aus den Indifferenten,die nicht ins Gotteshaus kamen, in der kräftigen Sprachejener Zeit kräftige und handgreifliche Wahrheiten sagte,so errichte ich meine Kanzel auf den Blättern eines Ro-manes. Und von da aus predige ich zu denen, die michniemals anhören würden, wenn ich zu ihnen andersspräche. Ich sage ihnen in ihrer eigenen Sprache Wahr-heiten, die unter den Gewölben einer Kirche sich niemalsin ähnlich wirksamer Weise vorbringen ließen" (p>. XIII).
Im gesellschaftlichen Leben darf keine andere Moralgelten, als jene, in welcher auch der Einzelne die Normseines Denkens und Handelns zu erkennen hat: die Moralder 10 Gebote, des Christenthums; jeder Versuch, dieseNothwendigkeit zu umgehen, ist ein Angriff auf die Ge-sellschaft selbst: — dies das Thema, welches Colomabis in seine kleinsten Nüancen durchführt, dessen unan-fechtbare Wahrheit er handgreiflich beweist. Wie Donner-schläge tönt sein quott ernt äovaorwtranäum, so oft erein Glied dieses Beweises, eine seiner mit allem modernenRaffinement ausgestatteten Episoden, wahre psychologischeKabinetstückchen, znm Abschlüsse bringt.
Es ist die Madrider Aristokratie, welche ihm seineCharakterfiguren bieten muß: entschieden eine glücklicheWahl. Denn was beleuchtet Heller die Abscheulichkeit desGrundsatzes, der für das gesellschaftliche und öffentlicheLeben eine andere Moralwährung beansprucht, als die„hausbackne" christliche Moral —, was beleuchtet, sag«ich, die Verabscheunngswürdigkeit dieses so verbreitetenGrundsatzes beller, als der grelle Gegensatz zwischenblendenden aristokratischen Formen und bodenloser Ge-meinheit in ein und derselben Persönlichkeit? Erstere,die bestrickenden Formen, sind schuld, besser Anlaß,daß man die letztere tolerirt, entschuldigt, ignorirt,ihr die Salons, die öffentlichen Aemter nicht verschließt.Coloma malt dieses elegante Exterieur in seinem ganzenzauberischen Glänze, aber er malt es in Farben, die unsseinen wahren Charakter sofort erkennen lassen: schillernde,an sich wcrthlose Lappen sind es, hinter denen schmutzigeVerworfenheit, mitleiderregeude Thorheit sich verbirgt.
Mit so unbarmherziger Rücksichtslosigkeit geißeltColoma die Thorheiten und Laster der Aristokratie, daßer den Vorwurf hören mußte, er habe sich eines Pam-phlets, einer politischen Schmähschrift schuldig gemacht, er„verläumde den edelsten und besten Theil des spanischen Volkes" rc.
Coloma verwahrt sich dagegen: „Ich will . . aus-drücklich versichern, daß ich in dieser Erzählung nichtPorträts zeichne, sondern sociale Typen zu schaffen suche.Denn dieses ist nicht etwa eine boshafte Schmähschrift,sondern ein Buch mit hohen moralischen Zwecken"
522 Aum.). Aber auch seinen „socialen Typen" kannein unparteiischer Leser keinerlei tendenziöse Schwarz-färbung nachweisen. „Madrid ist kein Sumpf. Du undich und noch viele andere anständige Frauen gehören zuMadrid , und wir stehen, Gott sei Dank, in keinemSumpfe" — es ist die Marquise von Villasis, die edelsteCharaktergestalt des Romans, welcher Coloma diese Wortein den Mund legt, dieselbe, an welche sich auch die ver-söhnende Lösung des Coufliktcs anknüpft, — „aber esgibt in Madrid einen Sumpf, das ist keine Frage, einensehr tiefen Sumpf. Doch wer es ernstlich will, kannihn umgehen... Das Unglück ist nur, daß dieser Sumpfaus kölnischem Wasser zu bestehen scheint; er macht sichvon weitem vortrefflich, und nicht viele können seinemverführerischen Dufte widerstehen" (pag. 399 f.).
Er stellt also die Gesellschaft keineswegs als hoff-nungslos verdorben hin, wie unsere Zuknnftsstaatler esso gerne thun; er bezeichnet aber unverblümt die er-giebigste Quelle ihres Verderbens, die Toleranz gegendas Laster, diese unbegreifliche thörichte Nachsicht, mitwelcher die sogenannte gute Gesellschaft so leicht sittlichbankerotten Elementen ihre Kreise öffnet, wenn ihnennur Parfüm und Glaces und eine gehörige Portion Un-verfrorenheit zur Verfügung stehen; mit seichten Phrasenkommt man da au den gröbsten Verirrungen vorbei,deren officielle Sanktion gleichbedeutend wäre mit demRuin der Ehe, der Familie, der Gesellschaft. Solche„Pequeüeces", Bagatellen, Lappalien, sind eben keineLappalien!
Coloma liefert auch den handgreiflichen Beweis, daßein katholischer Erzähler durchaus nicht genöthigt ist, jedeAeußerung spezifisch katholisch-religiösen Lebens ängstlichzu übergehen. Es gehört das im Gegentheil znm noth-wendigen Inventar einer HnltmWldernilL. die ein ka/