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logen-Sccretär Moriz Gellöry betonte selbst beimfüufundzwanzigjährigeu Jubelfeste der Oedeuburgcr Loge„Verbrüderung" (am 27. Mai 1894) unter dem Beifallder anwesenden in- und ausländischen Bruder: „DieFreimaurerei in unserm Vaterlande hat während diesesVierteljahrhnnderts ihre Pflicht erfüllt. Wir können dasim Einzelnen erhärten; als Freimaurer getraue ich mich,es erhobenen Hauptes zu sagen, daß, wenn es in derGesellschaft, an der Spitze der Presse, im Parlament undauf den Ministerbänken keine Freimaurer geben würde,die Reaction über die große Sache des Liberalismusschon lange den Sieg davongetragen hätte." Daß hierunter der Verhinderung des Sieges der Reaction that-sächlich die rücksichtslose Durchsetzung grundstürzender frei-maurerischer Pläne zu verstehen ist, geht aus dem Gangeder jüngsten kirchenpolitischen Entwickelung in Ungarn und aus den Einzel-Nachweisen Koller's klar hervor.Bei der Einweihungs-Feier des neuen Freimaurer- Palastesin Pest anläßlich der Millcnninms-Feier wurde sogar offenals Losung ausgegeben, das zweite Jahrtausend müsseganz Ungarn freimaurerisch machen. (S. 343.)
Die heutige ungarisch- österreichische Freimaurerei setztmit ihrer antikirchlichen und politischen Wühlarbeit nurdie alte Ueberlieferung der Loge fort; das beweisen vierandere Vortrüge, welche die Thätigkeit des Geheimbnndesunter Maria Theresia, Joseph II. und spätern Herrschernschildern. Insbesondere wird im einzelnen der Nachweisgeliefert, daß Joseph II. von Freimaurern umgeben war(83), daß sich unter seiner Herrschaft die bedeutendstenStaatsstellen in den Händen von Freimaurern befanden(S. 101, 200 ff.), und daß der Geist des Jllnminaten-thums auch die österreichisch-ungarische Freimaurerei starkdurchsäuerte. Joseph II. selbst wurde als „Freimaurerohne Schurz" gefeiert (S. 117). Selbst die an denReformen Joseph's II. mitwirkenden Geistlichen warenvielfach Freimaurer (S. 104 ff.). Ueber den unheilvollenEinfluß, welchen die Freimaurerei unter Joseph II. zumschweren Schaden der österreichischen Monarchie und derHabsburgischen Dynastie ausübte, verbreitet sich eineDenkschrift, welche Pros. Hoffmann, ein ehemaliger Frei-maurer, der die Wühlarbeit der Loge aus eigener Er-fahrung genau kannte, 1793 an Kaiser Franz II. richtete(S. 118 ff.).
Der Vortrag Dr. Gabler-Frhr. v. Berger über die„Freimaurerei und die französische Revolution"(S. 163 bis 200) nimmt eine entscheidende Theilnahmeder Freimaurerei an der französischen Revolution an;die Freimaurer hätten die revolutionäre Beivegung nurim Beginne geleitet, später ging die Führung an denPariser Pöbel über, mit dessen Hülfe sie die bestehendeOrdnung über den Hansen geworfen hatten (S. 181 f.)ck)
Beachtenswert!) ist im Werke auch noch die Aus-führung, daß das wirkliche Gute, was von manchenBrüdcrn und Logen hinsichtlich zeitgemäßer Reformen,
<) Beanstanden möchten wir eine von Frhrn. v. Berger(S. 183) aus Georges Bois citirte angebliche Stelle auseiner Hochgrad-Jnstruction, welche lautet: „tzuant aux
M0)'LI>8 ä 6llixloz-a.r pour attoinäro notrs bat, tous soatbous, pourvu aa'tls röussisssat." Diesen Satz möchtenwir denn doch bis zum strengsten Nachweis seiner Authen-ticität für eine vielleicht von Rosen oder Taxi! herrührendeFälschung halten. Daß die Freimaurerei den Grundsatz:„Der Zweck heiligt die Mittel," welchen sie den Jesuiten unterschiebt, thatsächlich selbst oft befolgt hat und heutenoch befolgt, steht allerdings außer allein Zweifel. Daßsie ihn aber in obiger Form aussprcche, ist höchst un-wahrscheinlich.
der Wohlthätigkeit u. s. w. geleistet wurde, auch ohneLogen und Logcngrnndsätze hätte geleistet werden könnenund ivohl noch besser geleistet worden wäre (S. 71 f.).Die Freimaurerei als solche hat nur zersetzend gewirktselbst in der Literatur (S. 139 ff.).
Man wende nicht ein, daß die im Vorstehenden ge-kennzeichneten Mißstände die deutsche Freimaurerei nichtbetreffen. Die Mehrheit der deutschen Logen huldigtallerdings einer in kirchlicher und politischer Hinsicht ge-mäßigteren Richtung, als die heutige ungarisch -österreich-ische, aber bei der gegenseitigen Verbrüderung der Frei-maurer -Verbände der verschiedenen Länder kann dieWechselwirkung nicht ausbleiben. Die deutschen Groß-logen unterstützen die Umtriebe ausländischer Großlogenthatsächlich durch die Verbrüderung, in welcher sie zuihnen entweder unmittelbar oder, wie z. B. zum fran-zösischen Großorient, mittelbar, d. h. mittelst des italicnischen, griechischen, ungarischen usw. Großoricnts, stehen.Auf einen frappanten Fall haben wir schon wiederholthingewiesen. Der erklärte Revolutionär Br.'. Adr. Lemmifungirt schon feit dem 8. Oktober 1883 als Freundschafts-bürge, also erwählter freimaurcrischer Vertrauensmannder drei 5) — seit 1895 wenigstens noch von zwei —preußischen Großlogen (National-Mntterloge und NoyalIork).H Mit der ungarischen Symbolischen Großloge stehen die preußischen Großlogen zwar augenblicklich nichtin unmittelbarem Verkehr, aber die Ursache ist nur dieGereiztheit über die Anerkennung, welche die ungarischeGrobloge dem von den altprenßischen perhorrcscirtennengegründeten Settegast - Verbände') zu Theil werdenließ. Wenn die deutschen und altpreußischen Großlogenwirklich darauf halten, nicht als geheime politische undkirchliche Umtriebe anzettelnde und fördernde geheimeSecte betrachtet zu werden, so müßten sie zum min-desten alle Verbindungen nicht nur mit auswärtigenVerbänden, die selbst dergleichen Umtriebe anzetteln, alsoz. B. mit der ungarischen, belgischen, italienischen Frei-maurerei, sondern auch mit allen Verbänden abbrechen,die wieder zu solchen wesentlich politischen und antikirch-lichcn freimaurerischen Geheim-Vcrbänden freundschaftlicheBeziehungen unterhalten. Sie müßten auch selbst daraufverzichten, das öffentliche Leben irgendwie beeinflussen undihre Mitglieder in einflußreiche Stellungen bringen zuwollen. Sie müßten endlich, um den durch die Geschichteder Freimaurerei wohlbegründeten Verdacht von sich ab-zuwälzen, auf ihre mit Recht beargwöhnte Gcheimthnereivollständig verzichten. So lange das nicht geschieht, mußauch die deutsche Freimaurerei trotz des Protectorats alseine Anomalie im Staatsleben, als eine schwere, ärger-liche Unordnung bezeichnet werden.
Recensionen und Notizen.
„Dichterstiinmen der Gegeuwa r t." Poetisches Or-gan für das katholische Deutschland . Herausgegebenvon Leo Tepe van Heemstede. Verlag von PeterWeber in Baden-Baden . Jährlich 12 Hefte. Mit12 Knnstbeilagen (Porträts und Biographien zeit-genössischer Dichter und Dichterinnen). Preis halb-jährlich 2 M. 25 Pfg.
ll. L. bß Eine allerliebste Liedergabe brachte derMonat Mai mit dem Maiheft der „Dichterstimmen der
°) Gerber, Freimaurerei und öffentliche OrdnungS. 138 s.
°) Br. C. van Dalcus Kalender für Freimaurer für1897, S. 231.