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19. Juni 1897.
Ein Gedenkblatt zu dessen 400jährigemGebnrtstagsjubiläum
von A. Zottmann.
„Alles zeugt dafür: Hans Holbein der Jüngerewar ein künstlerisches Genie von einer Allseitig-keit, wie Wenige vor und nach ihm aufgestanden."
(I. Sighart, Gesch. d. bild. Künste imKönigr. Bayern ps. 599.)
Die alte, glänzende Reichsstadt Augsburg barg umdie Mitte des 15. Jahrhunderts eine ganze Reihe be-mcrkenswerther Künstler innerhalb ihrer Mauern, denenaber allen der Vorrang abgelaufen wurde von den beidenMalerfamilien Burkmaier und Holbein . Vorzüglich letzterehat in ihrem Gliede Hans Holbein dem Jüngern einenMeister hervorgebracht, der mit Dürer auf der Höhedeutscher Kunst steht, einen Maler, dessen Werke auchneben denen eines Raffael noch zu »«getheilter Be-wunderung hinreißen, und der immer zu den erstenKünstlern aller Zeiten und Länder gezählt werden wird.
Ihm sollen die folgenden Zeilen zu seinem 400-jährigen Geburtstagsjubiläum gewidmet sein,') und sinddie werthen Leser gewiß damit einverstanden, daß die„Augsburger Postzeitung" dem Gedenkblatt für ihrenweltberühmten Landsmann ihre Spalten öffnet.
Im Hause „zum Dippold" war die WohnungGnrkmaier's und auch, wenigstens für längere Zeit,des alten Hans Holbein , wcßhalb man hieher die imJahre 1497 erfolgte Geburt des jüngeren Hans Holbein verlegt.?) Letzterer hatte noch zwei Brüder, Ambros undBruno, und alle drei wurden vom Vater, der selbst eingeachteter Künstler war, zur Malerei erzogen. Selbst-ständig hat hier während des Augsburger Aufenthaltesder junge Künstler keinesfalls gearbeitet, wenigstens istnach der neuesten Holbeinforschung nichts erhalten, wasihm allein zuzuschreiben wäre;") seine Thätigkeit wirdganz in der Beihilfe zu den Werken des Vaters aufge-gangen sein. Aber es läßt sich leicht denken, daß es einso frühreifes und umfassendes Künstlertalent, wie es demjungen Hans Holbein beschicken war, mächtig drängte,nicht mehr nach den Principien und Vorschriften Anderer
') Benützte Literatur: A. Woltmann, Holbein undfeine Zeit (2 Bände. Leipzig 1866); Ed. H,s-Heusler.Die neuesten Forschungen über H. Holbein des JüngerenGeburt rc. (in Beiträge zur Geschichte Basels VIII. Bd.ps. 347 ff.): Reber, Geschichte der Malerei v. Anf. des14. Jahrh. (München 1894 PA. 255—261): A. Bayers-dorffer, Der Holbeinstreit (München 1872); R. 8.^Vornuiu, soms s-oeount ot tlrs lils anä ^vorlc8 ok 8.klolboiv (London 1864); Ed. Hies, Einige Gedanken überoie Lehr- und Wanderjahre Hans Holbein des Jüngeren(im Jahrb. der k. preuß. Kunstsammlung XII. Bd. pZ.59 ff.); C. v. Lützow. Holbeins Madonna des Bürger-meisters Meyer (Separatbeil. zur Chronik der vervielf.Künste, Wien 1888, Nr. 1); Springer. Handbuch derKunstaesch. 1896, IV, px. 112—124; Franz, Geschichteder Malerei, 8, 897 ff. u. A.
2) Wie bei andern großen Männern, war man überZeit und Ort unseres Künstlers lange Zeit nicht einig.Er sollte in Basel, im pfälzischen Grünstadt oder inAugsburg geboren fein. Nach dem jetzigen Stand derKunstgeschichte aber ist er zweifelsohne zu Augsburg 1497 geboren.
') Die verschiedenen Arbeiten, welche Woltmann ausdieser Periode ihm zuschreibt, gehören mehr dem Vater,dem ältern Holbein . an.
zu arbeiten, sondern auf eigene Füße sich zn stellen undganz Selbstständiges der Welt zu bieten. Das erklärtuns, warum Hans so frühzeitig dem Vaterhaus Lebewohlsagte und nach Basel in der Schweiz sich begab, wodamals der Bücherdruck und die Bücherillustration i»hoher Blüthe waren und einem strebsamen Künstler reicheGelegenheit zur Ausübung seiner Kunst bieten mußten.Bereits vom Jahre 1515, also von seinem 18. Lebens-jahre an kann Holbeins Aufenthalt in dieser Stadt nach-gewiesen werden. Da er aber erst 1519 in Basel zünftigwird, so muß man, wie Ed. His calculirt, annehmen,daß er während der ersten Jahre bei einem ander«Meister lernte und arbeitete, und dieser dürfte der auSAugsburg stammende Hans Herbster gewesen sein, „indemaus mehreren Zeugnissen hervorgeht, daß beide BruderHolbein zu demselben in näherer Beziehung standen, wiez. B. Hans i. I. 1516 dessen Bildniß malte. . . . Auchwar Herbster damals der angesehenste Maler in Basel ."Aus dieser Zeit stammen von Holbein neben dem ange-führten Porträt Herbsters noch fünf große auf Leinwandgemalte Passionsbilder, der lange Zeit verborgene underst 1871 von Professor Vögelin in verwahrlostem Zu-stand wieder aufgefundene sogen. Holbeintisch mit Dar-stellungen des von einem Affen ausgeraubten Krämersund des traurigen St. Niemand, auf den alle Schuldgeschoben wird; ferner das Doppelbildniß des Bürger-meisters Jakob Mayer und seiner Ehefrau, damr 62Federzeichnungen zu der Schrift des Erasmus „Lob derNarrheit" — scherzhafte kleine Zeichnungen von ver-schiedenem Werth, „aber meist reich erfunden und mit sogenialer Freiheit der Hand ausgeführt, daß man gernder Versicherung glaubt, Erasmus selbst habe sich daranergötzt"; außerdem ein Schulmeister - Aushäugschild mitentsprechenden Scenen; Adam und Eva, zwei Bilder mithäßlichen Köpfen, die eher einen Rückschritt als Fort-schritt bezeichnen, Und endlich eine reizende Federzeichnungauf dunkelgrau grundirtem Papier mit weißen Lichtern,welche die sitzende jugendliche Madonna darstellt, wie siedem Kinde behilflich ist, die ersten Schritte zn »rächen.Im Allgemeinen offenbart sich schon in diesen Jugend-werken ein scharfes Auffassen der thatsächlichen Verhält-nisse, ein stark hervortretender Realismus ohne viel idealeErhebung, theilweise auch ein gewisser Uebermuth undvolksthümliche Derbheit.
Im Jahre 1517 verließ unser Künstler Basel undtaucht bald darauf in Luzern auf, wo er das HauSdes Schultheißen Jakob von Hertenstein innen und außenmit Wandgemälden versieht; außen mit Ornamenten,Wappenschildern und Scenen aus der altgriechischen undrömischen Sage und Geschichte, innen mit den heiligen14 Nothhelfern, der Stifterfamilie, dem Jungbrunnen.Die Gemälde sind leider zu Grunde gegangen und nurflüchtige, unzureichende Abzeichnungen davon erhalten.Ein gewisser Herr Knörr, der größte Banquier Luzerns ,hatte das großartige Kunstverständniß (??), daß er dasbis 1824 wohl erhaltene Hertensteinische Haus nieder-reißen und damit eines der bedeutendsten Werke voneinem der größten Maler aller Zeiten zerstören ließ.
Obwohl Carel van Mander , der älteste BiographHolbeins , ausdrücklich bemerkt „Nooit reisde H. Holbeinnaar Italic" (Niemals reiste H. Holbein nach Italien ),so sind sich jetzt die Kunsthistoriker doch darüber einig,daß sich verschiedene Werke des Meisters nnr erklären