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lassen, wenn man annimmt, er habe Italien gesehen, undsetzen deßhalb in diese Zeit von Luzern aus eine ReiseHolbeins in die Lombardei , da seine Gemälde vorzüglichlombardischen Einfluß verrathen. „Zeugen doch dafür,sagt Ed. His, nicht allein manche Merkmale in seinenWerken von 1519 an, welche in ihren ornamentalen undarchitektonischen Beiwerken auf Kenntniß der lombardischenRenaissance schließen lassen, sondern auch manche seinerGesichtsformcn verrathen seine Hinneigung zu deni eigen-thümlich leonardesken Tyypus. . In Luzern „wird er-wähl von den Wundern jenseits der Alpen gehört haben.Wie konnte er bei der Nähe dem Drang widerstehen, einenBlick hineinzuthun? Hat man doch in mehreren seinerZeichnungen Anklänge an den malerischen und wild-schauerlichen Weg, der dahin führt, erkennen wollen." . ..„Es scheint mir nicht unwahrscheinlich, daß Holbein be-reits im Jahre 1517 . . diese Wanderung unternahm."
Nach Base! kam Holbein jedenfalls wieder im Jahre1519, weil aus diesem Jahre das Porträt des gelehrtenBouifazius Amerlach, späteren Basler Nechtsprofessors,eines Freundes des Künstlers, stammt. Im Juli 1520wurde Holbein Bürger von Basel und empfing im darauf-solgenden September auch das Zunftrecht zum Himmel.Somit ist er ein richtiger Basler geworden, und alsbaldträgt ihm auch der Rath der Stadt auf, das Rathhausauszumalen. Das betreffende, von His-Heusler im BaslerArchiv entdeckte Dokument vom Jahre 1521 trägt fol-genden Wortlaut: „Holbein , Moler. Ze wissen, dazMeister Hannsen Holbein dem Moler von minen Heren,den Bnwheren vnd lonheren in namen eins Rats, densal yff dem Richthuß ze malen verdingt ist nach luttzweyer verding Zedlen deßhalb gemacht vnnd gibt manim für solich sin Arbeitt Hundert vnnd XX gülden. . ."Weiter folgt die Mittheilung, wann die einzelnen Ratendieser Summe ausgetheilt wurden. Die Gemälde, welchein längerer Unterbrechung vollendet wurden und Thatenuneigennütziger Vaterlandsliebe, strenger, selbstloser Ge-rechtigkeit oder Warnungen vor Tyrannei und despotischemUebermuth vor Augen führten und wohl das Hauptwerkdes Meisters bildeten» find leider nur mehr in Skizzenund Zeichnungen vorhanden. „Aber auch in dieser Ge-stalt, sagt Springer, erscheinen sie für die Beurtheilungder Künstlernatur Holbeins überaus lehrreich. Sie offen-baren ein tiefes Eindringen in das Wesen des Ereig-nisses, ein scharfes Erfassen des Kernhaften in Stim-mung und Charakteren, eine Begeisterung für das Histor-ische, wie sie in gleichem Maße bei. keinem seiner Kunst-genossen beobachtet wird. Holbein schreckt vor dem Herbenund selbst Häßlichen nicht zurück, wenn es ihm für dieWahrheit der Schilderung dienlich erscheint." Und derallerdings gern im Superlativ redende Woltmann meintbezüglich derselben: „Der Maler steht auf der Höhe dergeschichtlichen Auffassung, und das Ganze bietet überhauptdas größte Beispiel ächter Historienmalerei, welches jevorgekommen ist in der deutschen Kunst," und wirdürfen „uns nicht scheuen, sie neben dem Größten zunennen, was die Kunst überhaupt kennt. . Mit einerandern, lebensvollen Wandmalerei, die auch nur mehr ineiner Durchzeichnung vorhanden ist, versah der Künstlerdas nach einem der Bilder benannte „Haus zum Tanz".Den Hauptgegenstand bildet ein Bauerntanz: „einFensterchen über der Hausthür schneidet in einen Streifenein. Daraus ist ein Tisch gemacht, auf welchem Bier-krug und Becher stehen und gegen den die beiden Musi-kanten sich lehne». Mit -dem Dudelsack spielen sie auf.
Zu dieser Musik dreht sich Alt und Jung, lauter derbe,kurze, kräftige Gestalten in stürmischer Bewegung. Dasjubelt und tummelt und jagt sich, weiß sich vor Neber-muth gar nicht zu lassen. Die Hüte der Burschen, dieHaare der Mädchen sind mit Blumen bekränzt. Imlustigen Neigen fehlt auch der Narr mit der Schellen-kappe nicht; er trägt sie Einer für Alle. An ein paarStellen wird der Scherz etwas ausgelassener, als manes heutzutage passend fände auf offener Straße."
Auch Aufträge zu Tafelbildern stellten sich ein. Soerhielt sich die Folge von acht Passionsbildern und einedazu gehörige Predella, Christus im Grabe, von 1521.Auf diese gemalten Passionsscenen folgen 10 vielleichtals Entwürfe für Glasmalerei gedachte derartige Motivein Tuschzeichnung, beginnend mit Christus vor Kaiphas.Gegen frühere Arbeiten ist hier die Formbehandlunggrößer und freier, der Naturalismus schonungsloser. Erversucht darin, sagt Woltmann, „seinen Geist undseine Richtung allein walten zu lassen, alle kirchlicheUeberlieferung, alle Gewöhnung von sich zu weisen unddie Leidensgeschichte des Herrn zu behandeln nicht imkirchlichen, sondern im historischen Geiste. . .Erbauungsbilder zu geben, das kommt ihm jetzt nichtmehr in den Sinn; es sind Gesch ich tsbilder. Dasrein Menschliche ist herausgegriffen, dies allein trägt,motivirt und bestimmt Alles, was vorgeht. Hier sindlauter menschliche Leidenschaften, menschliche Thaten,menschliche Charaktere, und die Thaten sind aus denLeidenschaften, die Leidenschaften aus den Charakterenherausentwickelt. . ." Besonders derb und abstoßendrealistisch ist das oben erwähnte Staffelbild: Christus imGrab. „Es ist nichts Anderes und will nichts Anderessein, als das Abbild eines gewaltsam Getödteten, sowahr, wie nur möglich, und so gräßlich, wie hier dieWahrheit sein muß(?), vor uns hingestellt... Hingestrecktauf ein weißes Tuch in einem grünen Steinsarg liegtdie erstarrte Gestalt. Der Kopf, gegen hinten zurück-gesunken, mit hinabfallendem Haar und starren, halb ge-öffneten Augen, hager, mit stark vortretenden Backen-knochen, ist in der Bildung höchst gewöhnlich; von jedemChristustypus ist abgesehen, auch die Züge sind ganz ausder Natur genommen. Alle Schrecken des Todes sprechenaus diesem grün angelaufenen Gesicht, diesen verwesendenHänden und Füßen, diesen Wundenmalen, den blutigenLöchern, die man tief in die Glieder sich einbohren sieht.Entsetzlich dürr ist der Körper ; desto mehr fällt die treff-liche Behandlung der Muskeln usw. in die Augen...."
Daraus sehen wir zur Genüge, daß Holbein mitder gläubig-idealen Richtung des Mittelaltes ziemlich ge-brochen und zum guten Theil auf dem Boden der füridealen Schwung wenig Verständniß zeigenden Renaissancesteht. Das beweisen mehr oder weniger auch seine an-dern in dieser Zeit entstandenen Bilder, wie der zwei-flügelige Altar im Don: zu Freibnrg mit Geburt Christiund Anbetung der Könige, Flügelbilder in Karlsruhe mitSt. Ursula und Georg, die Madonna von Solothurn. ^ein derb realistisches Werk ohne lieferen Inhalt", u. A.
(Schluß folgt.)