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Pfcilerbasilika mit schmalem westlichem Querschiff undAltarrund. Dieselbe wurde im Jahre 1321 in eine»gothischen Gewölbeban mit verdoppelten Seitenschiffenumgewandelt. Die Ostpartie wurde zwischen 1356 und1431 und später abermals bis zum Jahre 1484 völligerneuert, so daß von ihren ursprünglichen Verhältnissennichts Sicheres mehr bestimmt werden kann. Sie bildeteinen Chorumgang mit Kapellenkranz und zwei Pracht-portalen.
Diese ganze ruinenartig erscheinende östliche Chor-partie verdiente wohl nach dem Vorgänge der Kirchen-rcstanratiouen in Nürnberg eine stilgerechte Erneuerung.Ain schreiendsten drängte sich aber allen durch jenes nörd-liche und südliche Portal (zwischen Ostchor und Schiff), alsdie beiden Hanpteingänge, in die Kirche Tretenden dasBedürfniß der gründlichen Ausbesserung des Figurcn-schmnckes sammt der Architektur eben dieser alten Pracht-portale auf.
Am nördlichen stehen die ältern, aus der Zeit derersten Umwandlung des BaueS stammenden Figuren.Die zwei gekrönten hl. Frauen auf der rechten Seite,mit den etwas rundlichen Köpfen und dem stereotypenLächeln, zeigen in ihren reichfaltigen, oben eng anliegen-den, von den Hüften in weichen Falten lang Herab-wallenden Gewändern noch den Stil des Xlll. Jahr-hunderts. Aus etwas späterer Zeit stammen die zweilinksseitig stehenden Statuen: des hl. Bischofs Ulrich mitdem Fisch, dessen Kopf mit dem gelockten Bart, sowieder stark gebogenen Körperhaltung schon spätgothischmanierirt ist; sodann die fast ebenso alt erscheinende St.Magdalena mit dem zierlichen Gewände des entwickeltenStiles vom XIV. Jahrhundert. Bereits dem XV. Sä-culnm wird die reich gewandete Madonna mit den schonporträtartigen Zügen des etwas breiten Antlitzes ange-hören, die in statuarisch-hoheitsvoller Haltung am Mittel-pfeiler steht.
Gut erhalten sind die Nelicfbilder des Spitzbogen-thmpauons. Auf drei einfachen Gesimsen stehen dieFiguren derselben in dürftiger Anordnung und cou-ventioneller Haltung mit etwas großen Köpfen, gedrehtenBärten und zierlichem Faltenwürfe ältern Stiles, der sichaber durch schönen leichten Linienfluß und einheitlicheDurchbildung auszeichnet, in Zwischenräumen neben-einander, die Verkündigung, Geburt Jesu , Anbetung derdrei Weisen, Mariä Tod und Krönung darstellend.
Der obere Rand des Portalbogens ist, statt mitden gewöhnlichen Krabben, in humoristischer Weise mitsich beißenden Löwen besetzt.
Ueber dem Portale erhebt sich eine zweite flacheFa§adennische, die, von einem hohen Bogen mit ge-schweifter Spitze umrahmt, noch weitere Bildnißgruppenenthält: zwei sitzende Könige sammt weiblichen Figurenmit Spruchbändern; darüber wieder die thronende Himmels-königin zwischen zwei weiter» weiblichen Gestalten (Si-byllcn?). Diese meist dekorativen Figuren mit schon sehrabgestumpften und abgewaschencn Formen, sammt derverstümmelten und abgebrochenen Architektur, fordern nichtweniger als das Südportal zur Erneuerung und zumneuen stilgerechten Ausbau heraus!
Der aus der Spätzeit des XIV. Jahrhundertsstammende Fignrenschmuck des Südportals ist bereits —leider so unglücklich erneuert, daß es besser ganz unter-blieben wäre.
Den Mittelpunkt der Thorskulpturen bildet, wie fastimmer in jener Zeit, die Himmelskönigin mit dem gött-
lichen Kinde. Sie erscheint in würdevoller königlicherHaltung, von imposanter, fast üppiger Gestalt, mit einemweich- und reichfaltigen Gewände angethan. Das Antlitzdes mächtigen Kopfes zeigt regelmäßige Züge von vor-nehm-freundlicher Gelassenheit, ist aber vom Wetter schonstark abgewaschen, so daß es wie das der meisten übrigengrößer« Figuren mehr nur noch wie skizzirt aussieht.Die andern sie umgebenden Gestalten der Apostel undHeiligen an den Scitenwänden und Strebepfeilern zeigenden gleichen, theils schön entwickelten, theils mehr hand-werksmäßig und schwerfällig gehaudhabten Stil. Ganzlinks vom Beschauer steht eine Madonna, die als Pa-tronin der Christenheit deren Vertreter in je einer beider-seits herabgehenden breiten: Falte ihres Mantels birgt,mit einem feinen, sehr unmuthigen Jdealkopf und noblerHaltung; neben ihr eine ebenfalls schöne Statue der hl.Elisabeth. Auch die Madonna der Verkündigung auf derandern Seite ist eine vorzügliche Arbeit.
Die besten dieser größern Figuren, besonders dkezwei erstgenannten Madonnen, verdienten dem National-oder Maximiliansmuseum übergeben und so dem baldigenvölligen Ruine entrissen zu werden. Natürlich müßtensie durch möglichst ebenbürtige Copien von fähiger Künstler-hand ergänzt werden. Geben doch die bereits genanntenExemplare, neben andern in jenem Angsburger Museumaufbewahrten, den sichtbaren Beweis von der hohenkünstlerischen Entwicklung der alten schwäbischen Bildneret,deren Schule zu Augsburg neben der Bamberger. säch-sischen und Nürnberger Schule zu den bedeutendsten imdeutschen Mittelalter zählt.
Wie man aber jenen meist künstlerisch vorzüglichen,zum Theil in ihrer Art hochvollendeten Gebilden alt-deutscher Plastik am Ende des XIX. Jahrhunderts zurUnzierde eines altehrwürdigen Domes eine solche Gesell-schaft verkommener Gestalten, wie den dickköpfigen St.Christophorns, die unübertrefflich plumpe Heilige mit derLilie und andere verklärte Freunde Gottes darstellensollende Figuren, wie bereits die sechs neuen an denChorstreben neben dem Portale aufgestellten, anzureihenvermochte, ist uns schier unbegreiflich. Das heißt denndoch den Spott und das Hohngelächter geradezu heraus-fordern, die um so begründeter sind, als diese ziemlichgroßen Figuren in ihrem neuen leuchtenden Kalksteiukleideihre ganze unwürdige Unschöne auch dem weniger Scharf-sichtigen recht augenscheinlich bloßstellen. Wo sind denndie Originale (?), nach denen diese ganz und gar unver-standenen und stümperhaften Gestalten mit ihren Grimassenund wulstigen Draperien fabricirt wurden? Der Stein-metz oder Bildhauer wollte offenbar mit seinen unmög-lichen Motiven, die gegen seinen Willen einen modernenZug verrathen, etwas Alterthümliches schaffen, konnte esaber nicht fertig bringen. Wir sind nun einmal ausder Zeit heraus, da der Steinmetz, Architekt, Bildhauerund Künstler identische Personen waren, und werden auch,trotz aller Versuche der Alterthümler und ihrer Freundeunter den Architekten mit improvisirten Bauhütten undSelbstzüchtung von „selbstständigen Meistern" aus bloßenHandwerkern und Technikern, so bald nicht wieder injene Zeit zurückkommen. Dazu fehlen alle Vorbeding-ungen. Und ein Künstler läßt sich nicht so im Hand-umdrehen erzeugen. — Daß das nicht so geht, ist jafreilich zu bedauern, schon wegen der etwas geringernLöhne, mit welchen die Handwerk-Künstler für ihrKunstwerk sich bescheiden würden'.?
Die Darstellung des letzten Gerichtes, ebenfalls aus