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der Spätzelt des XIV. Jahrhunderts, wurde auch inihren kleinern Figuren, die unter einem Spitzbogen mitreichem Maßwerk oberhalb des Portales an der Maueraufgestellt waren, erneuert. Besonders die in der Mittefitzende plumpe Gestalt des Richters, sodann die für-bittenden Heiligen und Engel zeigen so ziemlich dasselbehandwerksmäßige Gepräge wie die vorigen und habennicht den künstlerischen Zug der ältern, wenn auch oftmehr dekorativ behandelten Sculpturen, wenn sie auch— außer der größern Christusfigur — aus der weiternFerne das Auge weniger beleidigen als jene großenSeitenfiguren.
Im Tympanon der Thüre ist noch das Leben derseligsten Jungfrau Maria in eng aneinandergereihtenReliefgruppen (aus der ersten Hälfte des XIV. Jahr-hunderts) von lebendiger Bewegung dargestellt, währenddie Archivolten mit den sitzenden Figuren von Prophetenvnd Königen ausgefüllt sind.
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So gehören auch die Augsburger Domportale znden noch vorhandenen Resten jener steinernen Bilder-gallerten, die schon den Eintretenden auf den noch größernReichthum an echten Knnstschöpfungen im Innern derKirchen vorbereiteten und uns heute noch von der hohenund vielseitigen Kunstfertigkeit der alten Meister und dertief gegründeten Knnstfreudigkeit des mittelalterlichenchristlichen Volkes erzählen. Diese, zum Theil fast über-mäßig reichen und mannigfaltigen Summen ikonograph-ischen und religiös-historischen Figurenschmnckes an denPortalen, Fanden und im Jnnem der Kathedralen»welche in der Zeit vom XIII. bis zum XV. Jahr-hundert in Frankreich und Deutschland wie anderswoentstanden, führen uns auf die unübertroffene Höhe christ-licher Kunstblüthe, die in ihrer ersten Periode wohl denGipfelpunkt kirchlich-idealer Form, wie an ihrem Abschlußum die Wende des XV. Säcnlums die Vollendung meister-licher Technik im Verein mit lebensvoller seelischer Durch-dringung erreichte.
Pietät und historischer Sinn fordern Schutz undSchonung, resp. verständnißvolle Jntakthaltung jenersprechenden monumentalen Dokumente des christlich-idealenGeistes, der die germanische Nation zu ihrem ewigenRuhme Jahrhunderte lang durchdrang. Denn nachdemdieser Geist aus den Kirchen und Klöstern in die breitenSchichten des Volkes gedrungen und in der deutschenVolksseele als dem unverbrauchten, noch urkräftigenFruchtboden Wurzel geschlagen hatte, da strebten auchbald in dem wolkenlosen Glänze der siegreichen, dieWälder lichtenden und die Sümpfe austrocknenden Sonnedes Christenthums alle die naturwüchsigen religiös-poetischen Keime des deutschen Gemüthes aus helleTageslicht und entwickelten die schönsten und duftigstenBlüthen sowie die gesündesten und geschmackvollstenFrüchte, die je auf dem Boden der Poesie und Kunstgezeitigt wurden. Die bürgerlichen Meister traten aufden Plan, um den mönchischen Künstlern beizuspringen,ja sie nach und nach ganz abzulösen. Vollzog sich dochmit diesem Auftreten bald ein solcher Fortschritt in derimmer reichern und vielseitiger» Ausgestaltung der christ-lichen Kunst, daß der Mönch und Kleriker schon in Folgeseines specifisch geistlichen, kirchlich beschränkten Be-rufes dem bürgerlichen Meister auf seinen vordringendenKünstlergängen durch Welt und Natur nicht mehr zu folgenIm Stande war.
Die Architektur erhielt durch die Gothik ihre ideellwie technisch kühnste Ausgestaltung und wurde mitreichstem dekorativem wie figürlichem Schmucke ausge-stattet. Wenn auch als schmückendes Moment der Archi-tektur untergeordnet, entwickelten sich die Werke der bilden-den Knust, in Folge des sich stetig klärenden Verständ-nisses und der sich steigernden volkstümlichen Begeisterung,gerade in Absicht ihrer Bestimmung zu einem immerwürdigern Schmucke als in sich selbst vollendete und auchfür sich allein schon selbstständige, bedeutungsvolle Kunst-werke, die heute noch die Bewunderung und Nachahmungs-lust hervorragender Künstler erregen.
Am frühesten und zugleich am großartigsten trittuns dieser christlich-germanische Stil im nördlichen Frank-reich entgegen. Die lebensvollen kräftigen Gestalten mitihren freien und kühnen Bewegungen, ihrer reichen, mannig-faltig drapirten Gewandung zeigen nichts mehr von derBefangenheit der Haltung und der rein mönchisch-ascetischenInnerlichkeit des Ausdrucks jener des XII. Jahrhunderts.Der Künstler richtet nun kühn und freudig den Blick auf dasganze reiche Leben mit seinen bunt wechselnden Gestalten undErscheinungen. Ja mit dem ihm angebornen unverwüstlichenNaturgefühl durchstreift er Wald und Feld, um sein Augean des Lenzes Laub- und Blumenpracht zu erfreuen unddurch den klaren prüfenden Anblick sich zu deren freierkünstlerischer Nachbildung zum reichern Schmucke seinerWerke zu befähigen. Dem naturalistischen formen- undfarbenreichen Blüthenschmuck, direkt den heimischen Flurenentlehnt, niuß das streng stilisirte, vom antiken AkanthuSabgeleitete Blattwerk der romanischen Zeit weichen, währenddie luftig aufstrebenden Gewölbe von den schlanken,eichenlaubgeschmückten Säulenbnndeln, wie von ebensovielen Waldbaumstämmen, an Stelle der steinmassigenPfeiler getragen werden.
So wurde in dem versteinerten Hymnus des mittel-alterlichen Tempels die christliche Idee des Reiches Gottes,auf Erden, das da die weite Welt, Geist und Natur,Religiöses und Profanes umschließt und unter die klärendeund segnende Beleuchtung der Sonne der Wahrheit undGnade bringt, in der ergreifenden Sprache des technischvollendetsten und künstlerisch zier- und bedeutungsvollstenMonumeutalwerkeS der ahnenden Seele vermittelt. Undheute noch hat diese monumentale Kunstsprache der goth-ischen Kathedralen, wo sie noch intakt dastehen, auch fürden modernen Menschen, sofern er noch von dem echtenchristlich-idealen Geiste erfüllt ist, nichts von ihrer altenKraft und Eindringlichkeit verloren.
Abgesehen von der Bedeutung jener Kathedralen alsvornehmlich«! Cnltstätten, fordert schon die allgemeineRücksicht auf die Gegenwart wie auf die deutsche Ver-gangenheit, daß diese altehrwürdigen Zeugen und monu-mentalen Deuter des innern tiefgehaltigen Geisteslebensunseres Volkes, die zugleich die schönsten Denkmäler seinesnationalen Aufschwunges und seiner politischen Macht undGröße darstellen, durch sorgfältige Schonung undwürdige, ebenbürtige Instandhaltung in Ehren gehaltenwerden.
Wenn jährlich Tausende aus Staatsmitteln für oftfragwürdige Tagesleistungen der jeweilig „Modernen"zur prahlerischen Ueberfüllnng von Residenz- oder groß-städtischen Gallerien, weniger zur umfassenden und un-parteiischen geschichtlichen Beleuchtung der Kunst derGegenwart, ausgegeben werden, dann ist es unverzeihlich,daß man da, wo es sich um Erhaltung oder Erneuerung vonalten Domen oder anderen kunstgeschichtlich merkwürdigen