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Bauwerken und ihres Bilderschmnckes handelt, auf einmaldas Princip der Sparsamkeit zur Geltung bringen will.
Oder tragen hier wieder Architekten, Conservatorenund Archäologen als Kunstkenner und Vertrauensmännerdie Hauptschuld an dem Unglück der Domportalernenerung?Von Ersteren kann man es am wenigsten begreifen, daßsie, selbst Künstler, die Schmuckstücke romanischer undgothischer Bauten meist nicht genug „alt und echt" — inWirklichkeit „wüst und schlecht" — bekommen können undsich deßhalb mit kunstlosen Handwerkern und bloßenTechnikern begnügen. Zur Hebung der christlichen bilden-den Kunst trägt man leider in ihren Reihen im Allge-meinen am allerwenigsten bei.
Möge nun aber das Nordportal vor dem Unglückeder Erneuerung durch dieselben Künstlerhände, welche seinPendant erneuerten, verschont bleiben! Möchte dagegenbald die gründliche, echt künstlerische Wiederinstandsetzungdes Aeußern des ganzen Ostchores mitsammt seinenPortalen in Angriff genommen werden!
F. Festing.
Wo in Niederösterreich ist das Hauptkloster beatiLovsriui und die römische Flottenstation I'avianazu suchen?
Von I. N. Seefried.
Nicht leicht sind die Ansichten der Gelehrten überIrgend eine merkwürdige Oertlichkeit so sehr getheilt, wieüber die Lage des Hauptklosters des sehr einflußreichen,frommen christlichen Lehrers und Abtes Severin imNorikum nach dem Tode des Hunnenkönigs Attila. Unddoch hat schon im Jahre 511 n. Chr. Eugippius, derSchüler und Biograph des seligen Dieners Gottes, einganz zuverlässiges und bestimmtes Zeugniß dafür abge-geben, daß Severin seine Hauptniederlassung vor denMauern der Römerstadt k'aviunis (butiurüs, kasti-Lnio), welche 100 Millien und darüber vonLoiotro (Loioäuruw, Jnnstadt - Passau) entferntwar, sich ausersehen hatte, weßhalb ein Streit über dieLage dieser festen Stadt und Severins altes, großesKloster daselbst niemals hätte entstehen und aufkommensollen. Aber welche Musterkarte von Hypothesenund Vermuthungen haben die Gelehrten seitBischof Otto I. von Freising aus dem Hause derBabenberger bis auf Mommsen und Jung herabnicht schon aufgestellt.
Ein Autor widerspricht dem andern, und der Haupt-beweis dafür, daß die richtige Fundstelle und Fundstättefür Stadt und Kloster heute noch nicht entdeckt ist, kannin der schlagendsten Weise darin gefunden werden, daßsich noch keine der vielen Hypothesen allgemeiner Aner-kennung zu erstellen hatte.
Wo lag nun aber das 100 Millien und darübervon Jnnstadt-Passau flußabwärts au der Donau situirtek'avia.nis des Eugippius , so hatte mau schon vor 700Jahren gefragt und von Bischof Otto I. von Freising ,welcher Wien * *) hicfür ausgegeben hat, eine unrichtigeAntwort erhalten; so fragen wir auch heute noch, unddie Gelehrten antworten uns: 1. in Langeuleben beiTulln (Immstsesius), 2. zwischen Melk und Schönbüchel(Tillemont), 3. zu Großpöchlarn (Mannert und Forbiger),4. an der Enusmündnng (Eichhorn), 5. in Treismaner(Asbach), 6. in Mautern (Huber, Kremier u. Andere),7. zwischen Mauer an der Url und Jps an der Donau (Mommsen), 8. in Jps (Jung).
Wien und acht andere Städte und Orte Nieder-Lsterreichs haben sich demnach bisher um die Ehre ge-stritten, circa 452—482 n. Chr. Severins altes, großesKloster außerhalb ihrer Mauern gehabt und den seligenDiener Gottes beherbergt zu haben. Forscht man jedochetwas tiefer nach der Begründung dieser hypothetischenAnnahmen und Angaben, so ergibt sich, daß zufolge dergenauen Berechnung des Eugippius alle Orte ausge-schlossen werden müssen, welche weniger als 100 odermehr als 105—110 mills xassus von Paffau entferntliegen, sohin alle Donaustädte oberhalb des MarktesWallsee und unterhalb der Stadt Jps in Nieder-österreich.
I.
Identität von kavis-nis und kaviana desEugippius mit der Flottenstation I'ukiuvsin der Reichsnotiz circa 400 n. Chr.k's.vianis, welches bei Eugippius sap. 3 und 4 eineStadt (eivitas)/) sonst nur eine Beste (oxxiäuw cap.40, 42 und 44 in 6ns) genannt wird, war ohne Zweifeleine bedeutende Niederlassung der Römer an der Donau .Ist sie ja doch identisch gewesen mit der Flottenstationkakiana, in der dlotitia cliZmtatuin utrirmgus Im-xsrii, nach welcher ein Präfekt der Liburnarier derersten norischen Legion um 400 n. Chr. daselbstin Garnison b) stand. Hier lüg demnach eine Ab-theilung von Soldaten, welche dazu bestimmt waren, dasRömerreich nicht bloß zu Land, sondern auch zu Wasser,d. h. auf dem Grenzstrome, zN vertheidigen. Hier be-fehligte noch in den Tagen Severins der Tribun (Oberst)Mamertin/) welcher allerdings nur mehr sehr wenigeMannschaft unter sich hatte, deßungeachtet aber dieräuberischen Feinde zwei Millien von lsaviavis an der'l'iountia (Isigaotia,, am Tiefenbach?) in die Fluchtschlug, ihnen die Waffen wegnahm und was nicht ent-floh in Gefangenschaft brachte.
Die Identität von Kalmus, und kÄviavig und diehohe Bedeutung dieser Stadt als Garnisonsplatz nochim 4. und 5. Jahrhundert ist bisher nicht bestrittenworden und wegen der häufigen Verwechslung der Buch-staben st, v und t durch die mittelalterlichen Abschreiberälterer Werke des Alterthums allgemein zugestanden.Wenn trotzdem in einer offenbar jüngeren Kapitelüber-schrift des Eugippius aus I'uvianis eine sivitutula,ein kleines Städtchen, gemacht und der oivitus incax. 3 und 4 der vita st. Lsvsrini kurzweg unter-schoben werden will, so haben wir Gründe genug, hie-gegen mit aller Entschiedenheit zu Protestiren.
Schon der Umstand, daß die Ueberschrift des drittenKapitels in doppelter Fassung vorhanden ist undjene des Ooäsx L-ateranus bei Kerschbaumer °) dem
*) Ll. O. 88. 370 . . Visuis, guoä olim a komarusinbabitLtum, Laviavig ckievbatur. Diese falsche An-schauung, Wien hieß Viuckoboua, ist erst seit FriedrichBlumberger in Göttweih aufgegeben. Archiv für österr.Geschichtsguellen. Wien 1849 III. Bd. S. 355-366.
'0 Lockern teinpors eivitaism uomius Laviauissaeva t'awss opprssserat. . . Vergl. die KapitelüberschriftAnm. 5 und eo-p. 4 ivoussterium bauä provu! »eivitats eoustrusret.
*) Lraelsotus Le^ionis . . LiduruariorurnLrimoruin Rorioorum Lakiauae. Böcking Ist98-103.
') Vita. b. 8everini nach Eugippius eap. 4; Leveriuusvero Namertinum xereontatus v8t, tuuv tri«du nun» etc.
°) Vita 8. 8everiui Schaffhausen 1862 x»s. XV. O«