242
Kapitelinhalte besser entspricht, als die Überschrift, welcheKnüll °) ans der Turiner Handschrift in seine Ausgabeaufgenommen hat, liefert den Beweis, daß die erstereUeberschrift sachgemäßer und getreuer, mithin der Aus-druck „oivitas" der Bezeichnung „oivitatuia" für I'a-vianis vorzuziehen ist. Woher hat man denn in Co-lnmbans Kloster Lobio oder in Turin gewußt oder inErfahrung gebracht, daß kavianis zur Zeit des Eugippiusnur eine oivitatula, ein kleines Städtchen,nicht eine oivitas, ein großer Stadt- undVerwaltungsbezirk, im Sinne der Zeit des Eu-gippius, gewesen?
Nach Jung hat zwar jedes mit Mauern umgebeneNest n a ch Diokletian munioipium, oivitas, oastollum,oppiäum und nrbs geheißen?) allein ob wir dieses all-gemeine und Alles sozusagen über einen Kammscheerende Urtheil in jedem besonderen Falle unbedingtunterschreiben dürfen, steht denn doch noch sehr in Frage.An einer andern Stelle sagt derselbe Autor b): „ka-vianas, in byzantinischer Zeit eine bedeutendeMilitär- und Flöttillenstation, hat man mitPaphos auf Cypern in Verbindung bringen wollen usw."MNg hat hier die Bedeutung der Stadt laviana indoppelter Hinsicht zugestanden, und wir müssen nach derDarstellung des Eugippius daran festhalten, daß die nochuncntdeckte Stadt und Beste in Niederösterreich eine ver-hältnißmäßig sehr bedeutende gewesen sein muß.
Als Scverin circa 474/5 von Loiotro (Beiderwiesneben Jnnstadt-Passan) nach llavianis zurückkehre» wollte,baten ihn die Bürger derJunstadt flehentlich,er möge ihnen nach seiner Rückkehr nach I'a-viana beim Rugenkönige Handelsfreiheit er-wirken. Hier ist nun vor Allem wohl zu beachten,daß die Texte der Handschriften in oap. 22 sehr weitauseinander gehen.
So haben nach der sehr schönen und alten s. Em-meramer Ausgabe des Eugippius , welche wirdem um die bayerische Geschichte hochver-dienten Augsburger Patricier MarkusWeiser verdanken?) die Bürger der Junstadt denseligen Mann inständig gebeten, er möge nach I'avianazurückkehren (und) ihnen (vom) Rugenkönige die Erlanb-
oivitate opxrsss» käme et mulisro oeonltante kru-menta st äe aäventn navium. Ebenso HermannSanppe ülou. Oerm. llistorios. Berlin 1877 xaK. 4.
°) Vita 8. 8everini nach Pius Knüll, Wien 1886pa^. 7. tznock baditatoribus oinitatulas kauianiscli» käme laborantibus miro moäo cksns ssus orationssubveuerit.
0 Römer und Romanen. Innsbruck 1877 S. 150.
°) I. o. S. 85. Die oivitas mird nicht kavianas, son-oren kaviana (as) geheißen haben. Das von Eugippius fast ausschließlich gebrauchte kaviauis ist der Vocativvon oastra kaviana. Ob man bei der Leseart kabianisan das alte. berühmte Römergeschlecht der Fabier oderan die milites I'adiani Komas des Oornslius Xspos(Ipkioratss oap. 1) denken darf, steht dahin. Zu kabianisdes Textes bei 8urius und Ivaruus hat schon Weiser dieBemerkung gemacht: tzusm ckitkersntiam tanti nouaestimem, not um g nippe L et V vioissim vom-wutari. Opera omnia 1682 p. 667.
°) I. Ausgabe Augsburg 1595; II. Nürnberg 1682.In der letzteren heißt es: intsrsa beatmn virum eivssoppicki memorati snpplioitsr aäiernnt, ut per^oret aäkauianam, kuAorum prinoipem, meroanäi eis liosntiampostularst (p. 681 e. XXII der Opera omnia). Geradeso liest die älteste Münchener Handschrift (Fragment) inoap. 22, Oock. bav. 44, Oock. lat. 1044, bei Sanppe mit Obezeichnet. Vcrgl. LLirchengeschichte Deutschlands vonDr. I. Friedrich. Baniberg 1867. S. 433.
niß erwirken, Handel treiben zu dürfen. Hält man dieOrtsbezeichnung aä ^avianam fest, so müssenalle einheimischen älteren Texte als defekt und die italien-ischen jüngeren Interpretationen mit aä b'odanum undaä I'sdansm als Fälschungen erklärt werden.
Daß der Emmeramer Codex defekt war bezw. anseinem schon defekten Codex abgeschrieben hat, sieht auchein Nichtphilologe auf den ersten Blick ein, weil denPrädikaten psrgsrst und postularst die Verbindungs-partikel st oder Hus mangelt. Die Handschrift ausdem Lateran suchte nach Kerschbanmer "y diesem Mangeldadurch abzuhelfen, daß sie statt por§srot „xorZsnsaä Fadian am" schrieb, RuZorum prinvipsm aberstehen ließ, da doch postulars niit aliyuiä ab aliqnoconstruirt wird, mithin a HuZorum prinoips hättegesagt werden sollen. Die Melker Handschrift und dieitalienischen Abschreiber, welche die fehlerhafte Construktionbemerkten, machten frischweg aus kaviana einenPersonennamen kadanus, kodanss und I'sdanus,erklärten Kugorum prinoipsm als Apposition, welcheneuere Jnterpretatoren schulgemäß zwischen zwei' Komma stellten, und der neue Rugenkönig labanus undI'sdanss war fertig, den schon Kerschbaumer und nachihm Sanppe für b'ava und I'sva ausgegeben haben,ohne Welsers zu gedenken, welcher ihnen dieses Kunst-stück schon vor 300 Jahren vorgemacht hatte.") DerBuchstabe i, sagt Kerschbanmer,'^) ist bei aä I'akianamdes 6oäsx I-atsransnsis ausradirt und unter k'adiana(kadana) vielleicht die nämliche Persönlichkeit zu ver-stehen, welche sonst mit bava und I'sva bezeichnetworden ist.
Sehr fein hat sich I. Heinrich v. Falkenstein umseinen lateinischen Text (nach Pez in Melk ) herumgedrückt,wenn er „ab psrZsrst aä ksdanum kugorumprinoipsm sto." verdolmetscht niit"): „Severin mögenach k'abiana sich begeben und allda bei dem Königeder Rugier anhalten um Freiheit dorthin zu handeln."
Wir sehen, die Lesarten sind sehr verschieden undist vielleicht keine der Abschriften richtig genommen undhinterlegt worden, weil wir wohl annehmen dürfen, daßim Originale des Eugippius ursprünglich in oap. 22 nurdie Ortsbezeichnung I'avianam oder aä kavianamvorgekommen ist, etwa analog wie in oap. XXXI aäI-auriaoum.") Der ursprüngliche Text dürfte dem-nach wahrscheinlich gelautet haben:
„Intsrsa bsatum virum oivss oppiäi memorati
'") I. o. (A. 5) o. XXII p. 47. Oock. ist. Llonaoeusis12104 aus «. Veit in Prül bei Regensburg hat: „at per-Aerst ack kavians ru^oram prinoips meroanäigus eisliosntiam postnlarst." Ebenso Oim. 18512/2. Nach prin-oips ist mit rother Tinte ein Punkt und bei meroanckiüber dem i ein g (roth) d. h. gus angebracht worden.(Textcorrecturen der Benediktiner .)
") Zu der Stelle „acl kavianam kuKorsm prin-oipsm" hat derselbe die Aufforderung: Ksstitus kavämkuAornm! Opera omnia p. 671.
'-) I. o. A. 7. Vergl. Sauppe S. 19, welcher ver^ensack ksbansm gibt, die verschiedenen Lesarten anführt unddie Bemerkung hat: vickstur ksnam sivs ksbam soridsnckumesse. K n ö l l hat ebenfalls kebanem angenommen, Weiserund die Münchener Handschriften, welche aä kaui-anam haben, werden ignorirt.
") Geschichte des Herzogthnms Bauern I, 102. Dr.Sebastian Brunner in Wien hat den Rngierfürsten eben-falls kedanus (o. 23), 1)r. Rodenberg in Berlin k'ebagenannt (oap. 22).
") Vergl. Sanppe Oapitula XXXI pa». 6. Xnöll1. o. p. 10. (jaomoäo kevas, reZi kuAorum, aä I-au-riaonm oum exsreitu voutsutt ooonrrortt.