Ausgabe 
(1.7.1897) 36
 
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vou den Universitäten nicht fernhält um der Universitätenwillen, sondern um der Seminarien willen; nicht um sieder Universität zu entziehen, sondern um ihnen imSeminar die geistliche Heranbildung zum pricsterlichenLeben zu geben; wäre es möglich, so viele Seminarienin den zwei Universitätsstädten zu unterhalten als die8 Diöcesen Bayerns bedürfen, so hätte man kein Be-dürfniß nach Lyzeen. Schell erhebt hier sehr unbegründeteVorwürfe gegen die deutschen Bischöfe und Ordinariate.Wenn dieselben ihre Theologenfast ausnahmslos vonden Universitäten fernhalten", woher kommt es dann, daßz. B. das Gcorgianum in München immer gefüllt ist?Treten die Candidaten dort mit oder ohne Erlaubnißihres Bischofs ein? Woher kommt es dann, daß anden theologischen Fakultäten in München und Würzburg z. B. außer den Seminaristen noch je 4060 Studentensind? Und glaubt nicht Herr Rector Schell selbst, daßdas Gcorgianum, wenn es statt 90 etwa 180 Theologenbeherbergen könnte, dennoch immer vollbesetzt wäre?Schreiber dieses weiß Candidaten, welche ihre Theologieam Lyzeum vollenden wollten und von Vorgesetzten andie Universität gesandt wurden. Uebrigens weiß mannicht, was Dr, Schell eigentlich an den Seminarientadeln will: daß sie sind, oder daß sie nicht inden Universitätsstädten sind? Tadelt er dieTrennung der Theologen voni Studenten- und weltlichenVerkehr durch die Aufnahme in Seminarien überhaupt,oder tadelt er die Trennung der Seminarien selbst vonden Universitäten? Uns scheint, er tadle Beides. Aber,dies vorausgesetzt, ist zu fragen: hält Professor Schelldie Zurückgezogenheit der Theologen für nothwendig zurgeistlichen Heranbildung? Hat das Tridentinum nichtgerade deßhalb die Seminarien vorgeschrieben? Und hältdie Kirche jetzt die Seminarien nicht aus den nämlichenMotiven fest, aus denen das Concil sie vorgeschriebenhat? Wir dürfen ja von der Vorschrift des Concilsgar nicht abgehen, so lange nicht die allgemeineKirche diese Vorschrift aufhebt! Und nicht etwa, weilwir fürchten, die Candidaten könnten am Glauben Schiff-bruch leiden, entziehen wir sie derWelt", sondern weilwir überzeugt sind, daß sie sich in derWelt" jene sitt-liche nnd priesterliche Bildung nicht aneignen können, dieihr Beruf erfordert. Wir wissen sehr wohl, daß freieGedanken nnd Anwandlungen an den Mauern desSeminars nicht zurückprallen. Wenn sich Schell aufHettingers Schrift überDeutsche Universitäten nndfranzösische Seminarien" beruft, so muß er doch bedenken,welch wesentlicher Unterschied zwischen deutschen undfranzösischen Seminarien besteht. Ich erlaube mir, den-selben durch einen kurzen Zug anzudeuten. Als uns imSeminar zu München eine Beschreibung des Lebens ineinem französischen Seminar vorgelesen ward (in derBiographie von Albert Hetsch), war der Eindruck aufuns großentheils der, daß wir sagten:Dort hättenwir's alle nicht ausgehalten."

Wenn aber Nector Schell nicht die Seminarien ansich, sondern die Thatsache bedauert, daß deren Mehrzahlnicht au Univcrsitätsorten ist, so übertreibt er einerseitsdie Bedeutung des Verkehrs der Theologen mit denStudenten der anderen Fakultäten; andererseits aber ver-dächtigt er die Lyzeen bezw. Semiuarlchrkräfte einerwissenschaftlichen Jnferiorität, die er nicht begründet.Seine Worte von derMediocrita seminaristischerSystematik" sind schon, wie viele andere AeußerungenSchells, von Pxof. vr. Haas in der Beilage zurAugsb.

Postztg." richtig beleuchtet worden. Wir fügen nur hin-zu: Entweder beweise Herr Rector Schell dieseMedio-critö" der Seminarien, oder er nehme die Beleidigung,die er in die Welt geschleudert, zurück! Die Vertreterder Seminarien haben das Recht zu dieser Forderung.

8. Wir kommen auf die heiklen Anklagen Schellsgegen denRing" der streng-kirchlichen Theologen, bezw.Schriftsteller und Gelehrten überhaupt. Man muß viel-leicht Herrn Rector zugestehen, daß es manchen von unsergeht, wie den Pharisäern, welche, um ja das Gesetzsicher zu hüten, einen Zaun um das Gesetz machten; daßsie in ähnlicher Weise, um ja nicht in irrthümlicheLehren und unkirchliche Gesinnungen zu gerathen, hyper-kirchlich, um so zu sagen, in Lehre und Denkweisewerden, darum mißtrauisch sind gegen Alles, was ihnendem Anßerkirchlichen näher zu stehen scheint, daher ge-neigt, manches als häretisch oder unkirchlich oder bedenk-lich hinzustellen, was dies in der That nicht ist. Wirgestehen auch, daß sich manchmal katholische Schriftsteller,minder im Stande, ihre Thesen sachlich innerlich zu be-gründen, allzuviel und für oft zweifelhafte Dinge auf diekirchliche Auktorität berufen, ja zuweilen in der Hitze desStreites sich zu Verdächtigung des Glaubens und derGesinnung des katholischen Gegners hinreißen lassen.Wir gestehen auch, daß die katholischen Schriftsteller, fort-während bedrängt durch die Schmähungen und Ver-leumdungen der Gegner gegen alles Katholische, zuweilenin der Vertheidigung und im Lobe desselben des Gutenzu viel thun; daß sie in der Absicht, Gesinnungsgenossenzu ermuntern und zu empfehlen, manchmal zu viel lobenund zu wenig kritisiren; wird man doch des ewigenKampfes herzlich müde, den man mit den Nichtkatholikenzu führen hat, mit Lüge, Entstellung und Haß, so daßman sich gerne der Polemik und Kritik gegen Leute ausden eigenen Reihen einschlägt. Wir schließen uns voll-ständig der Warnung Schells vor derartigen Fehlern an;wenige Fehler erscheinen uns so gehässig und schlimm inihren Folgen, als Engherzigkeit und Mißtrauen und Ver-dächtigung gegen Glaubens-, Gesinnungs- und Standes-genossen; übertriebenes Lob aber und Mangel an Kritikunter uns ist ein Schaden für die katholische Wissenschaft.Aber welche Thatsachen berechtigen Herrn Schell, voneinemRing" der kirchlichen Theologen zusprechen? Istetwa ihm dergleichen widerfahren? Ist seine Dogmatik,wenn auch scharf, nicht dennoch überall maßvoll uild reinsachlich recensirt worden? Es ist rwtorisch, daß diekatholische Gelehrtenwelt überhaupt, wie speciell die ka-tholische Theologie und Philosophie, eine Vielheit vonNuancen in Lehre und Richtung umfaßt. So muß esselbstverständlich sein. Die Nüancen betreffen theils dietheoretische, theils die praktische Seite der Lebens- undWeltauffassung. Hier erhebt nun Schell den Vorwarfder Einseitigkeit gegen eine Gruppe, eine Richtung vonTheologen, welche völlig an der altüberlieferten Theologieund Philosophie festhalten, von den modernen Gelehrtenaber nur soviel annehmen wollen, als ehrenhalber un-vermeidlich ist. Er meint im Besonderen, wie es scheint,jene Aristoteliker bezw. Thomisten, welche sich gegenmoderne Richtungen ablehnend verhalten. Wir wollendavon absehen, daß Herr Nector Schell die Behandlung,welche Thomas von Aguin der Theologie augedeihen ließ,ganz irreführend eineformal-juristische" nennt, daß erdie Aristotelik 12 Jahrhunderte laug um ihre Anerkenn-ung in den katholischen Schulen kämpfen läßt» washistorisch völlig unrichtig ist. Aber darin ist ihm beizn-