257
stimmen, daß die katholische Wissenschaft auch die modernePhilosophie nicht rundweg ablehnen darf. Dies wäregegen ihre Natur als Sucherin der Wahrheit, gegen ihreAufgabe als Lehrerin der Klugheit, und gegen ihreEigenschaft als katholische Wissenschaft; es wäre auchgewiß gar nicht thomistisch. Der wahre Weise nimmt dasWahre, wo er es findet, der Kluge verschmäht auchdas Kleine in der Wahrheit nicht, der Katholik kommtAnderen mit Liebe, nicht mit Stolz entgegen; Thomasvon Aquin hat es nicht verschmäht, von Griechen»Arabern und Juden zu lernen. Der Heilige Vater Leo XIII. hat uns, hat den Katholiken, welche Theologie undPhilosophie lernen oder lehren, befohlen, den hl. Thomasvon Aquin vor Allem zum Lehrmeister und Vorbild zuwählen. Aber er hat uns, was selbstverständlich ist,weder das Studium anderer großer Meister der Wissen-schaft vor und nach Thomas, noch den Gebrauch dessenverboten, was in der modernen Philosophie Wahres undNützliches zu finden ist. Und solches ist darin zu finden,wenn anders es wahr ist, daß kein Mensch in allen >Dingen irrt, daß jede Hauptrichtung des Denkens undForschens uns die Dinge von einer äscheren, neuen Seiteansehen und erkennen läßt. Man muß auch hier dierechte Mitte wahren zwischen Verachtung des Alten undAblehnung des Neuen, zwischen principiellem Traditio-nalisinus und eitler Neuerungssucht. Aber gewiß istjene Strömung des exklusiven Festhaltcns am Alten inDeutschland weder so stark noch so verbreitet, wie Schells.Darstellung meinen lassen könnte.
6. Sehr weit über das Maß gehen die Wortevr. Schells, so oft er auf die „geistige Hegemonie desOrdensklerus gegenüber dem Weltklerus" und die darausdem letzteren drohende Gefahr „der geistigen Unfähigkeit,Unselbstständigkeit und Knechtung" zu sprechen kommt.Die meisten katholischen Leser haben solches sicherlich mitder größten Verwunderung gelesen, an die Stirne ge-fühlt und sich gefragt: Wo habe ich dergleichen je be-obachtet? Schell beruft sich auf Manning; warum nichtauf eigene Erfahrung, auf die allgemeine Erfahrung?Es ist möglich, daß der katholische Weltklerus Englands zu Manuings Zeit einigermaßen zur Selbstthätigkeit er-wachen mutzte, weil er in anderen Verhältnissen war;aber es ist auch möglich, daß Manning sich getäuschthat. Aber man beobachte doch die Dinge, wie sie fürden deutschen Klerus liegen. Wie weit gibt sich denndieser der geistigen Leitung der Orden, des Capuciner-,Franziskaner-, Benediktiner-, Jesuiten - Ordens hin?Findet Schell das, was er so nennt, in dem Aufsuchender geistlichen Exercitien bei Ordensmünuern? in derBerufung von Ordensvätern für die Exercitien inPriesterseminarien? zur Abhaltung von Volksmissionen?in dem Gebrauch von wissenschaftlichen Werken, die vonOrdensmännern verfaßt sind? Soll darin die geistigeHegemonie bestehend Da scheint doch Schell Gespenstergesehen zu haben.
In Mannings Ausführungen, denen sich Schell an-schließt, liegt der Fehler einer principiellen Gegenüber-stellung von Welt- und Ordensklerns. Der Fehler liegtdarin, daß Manning das Mißberständniß einstießen Läßt,als komme das Priesterthum dem Weltklcrus insbesonderezu. In der That nehmen beide Stände in gleicherWeise am Priesierthnme theil. Wenn man Weltpricsterund Ordensmann verglichen und ersteren der Würdenach dem letzteren, den letzteren in Bezug auf den Lebens-paud dem ersteren vorgesetzt hat, so kann man bestreiken,
daß die Vergleichnng glücklich gewesen; auf leinen Fallhat der Wcltklerus es verschuldet, daß Gnry sagt ^Üts,tu8 vaaorclotrrlw, liaot rliAnitats praestantissimris8it, rations kamen poiksotionio vita religioniv lonASceäit. Gnry fehlt dadurch, daß er vitao religionisund 8acmräotirmr in gleicher Weise als 8taku8 neben-einanderstellt. Dies ist unrichtig. Man kann dem 8tatusreli^ionm nur den 8trr.tu8 saooulario, und andererseitsden Priester dem Nichtpricster vergleichend gegenüber-stellen; ersteres ist ein Vergleich der religiösen Lebensart,letzteres ein Vergleich der Wirksamkeit im Reiche Christi.Wenn dann nicht erst Gnry, sondern schon Theologendes Mittelaltcrs lehrten, daß zwischen 8trrkn8 reliZionmund 8Mouinri8 ein Unterschied in der Vollkommenheitder Lebensart bestehe, der selbst dadurch nicht aufgehobenwird, daß ein vir aaeoniarip zugleich das Priesterthumbesitzt, so sind das grundsätzliche Ansichten, welche vondem faktischen Verhalten des Wcltklerus ganz unabhängigsind. Wenn aber Manning-Schell die Theilnahme amPriesterthume so darstellen, als habe der Ordensklerusdas Priesterthum des Geistes und der persönlichen Voll-kommenheit am sich gerissen, dagegen der Wcltklerus sichmit dem Priesterthttm der Sakramente und der amt-lichen Regierung zufrieden erklärt, so ist das eine maß-lose Uebertreibung der Thatsache, daß der Ordensmanninfolge seiner völligen Entsagung, seiner Regel undAscesc in der Regel persönlich vollkommener lebenund darum in der Christenheit besonderes Ansehen ge-nießen, dem Weltpricster aber als Vorbild dienen wird.Das wünscht Niemand von uns zu ändern» es sei denndadurch, daß wir Weltpriester auch ohne völlige Entsag-ung, ohne Regel und Gelübde uns eines möglichst voll-kommenen Lebens befleißen.
Unter den Orden bezeichnen Manning-Schell be-sonders den der Jesuiten als eine Gefahr für die geistigeHöhe des Weltklerus! Und wodurch soll er dies sein?Schell spricht von exklusiver Intoleranz der Ordensmit-glieder, mit der sie alles verdächtigen, was nicht mit derjesuitischen Theologie übereinstimmt! Was soll manhierauf sagen? Daß bei den Jesuiten viel weniger alsbei anderen Orden von einer Ordenstheologie die Redesein kann, daß gerade dieser Orden der individuellenPflege der Wissenschaft den weitesten Spielraum laßt,daß gerade in ihm die profanen Wissenschaften sehr um-fangreiche Pflege finden; daß Jeder, der sich über denVorwurf Schells bezüglich der deutschen Jesuiten ver-gewissern will, die Abhandlungen und Recensionen ihrerbeiden Zeitschriften „Stimmen von Maria-Laach " und„Junsbrucker theologische Zeitschrift" von Jahrgang zuJahrgang prüfen möge; daß wir nie bemerkten, es seienWerke von Jesuiten ihrerseits in der Welt marktschreierischoder anmaßlich verkündet, Werke anderen Ursprungsherabgesetzt worden.
7. Im Anschluß an Manning zählt Schell e<mReihe von Erfordernissen für erfolgreiches Wirken derKirche, für den Fortschritt des Katholicismus in dermodernen Gesellschaft auf, dadurch vor Fehlern warnend,welche dies vereiteln würden. Sie betreffen namentlichdie Pastorat. Kostbare Mahnungen, nützliche Winke,was gethan, was vermieden werden soll, aber immerverbunden mir einer Darstellung, als ob in jenen Be-ziehungen das Fehlerhafte und Schädliche durchausherrschend oder doch weit Verbreiter wäre. Wir prote-stiren gegen die Mißverständnisse, weiche durch die un-glückliche Darstelluugsweise herbeigeführt werden müssen