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und im Geiste der nicht sachkundigen Leser ein ganzunrichtiges Bild der gegenwärtigen Pastorellen Wirksam-keit der katholischen Kirche entstehen lassen; aber wirnehmen freudig die Lehren und Mahnungen an, welchedarin enthalten sind. Gerade diese aber hätten gewißnicht in eine solche Broschüre, sondern besser in einetheologische Zeitschrift gebracht werden dürfen.
Unser Klerus muß „wissenschaftlich und bürgerlichvorgebildet" sein. Wissenschaftlich nicht durch „schüler-hafte" Aneignung des Inhalts der Theologie und derallgemeinen Fächer, sondern durch möglichst eindringendesVerständniß und Beherrschung des Wissensstoffes. DasWissen des Priesters im Allgemeinen braucht nicht eingelehrtes zu sein, aber es muß solid, gründlich, um-fassend und lebenskräftig sein. „Bürgerlich vollgebildet"muß der Klerus sein, d. h. fähig, alle Erscheinungendes öffciülichen Lebens, soweit sie in das Bereich seinesWirkens fallen, richtig zu verstehen, zu beurtheilen undzu behandeln.
Unsere Predigt darf nicht seicht sein, sondern er-füllt von der Größe, Tiefe und Kraft der geoffenbartengöttlichen Wahrheiten, und auch von dem Ernst der reinmenschlichen Wahrheiten.
Unser Klerus muß beständig frische geistige Nahrungschöpfen aus der Heiligen Schrift, dem erstenLebensquell des übernatürlichen Glaubens und Lichtes.
Das Wirken des Priesters darf nicht in jeneFehler verfallen, welche Manuing mit den Worten„Sakramcutalismns" und „Offictalismus" bezeichnenwill. Sie stammen aus einer gewissen Bequemlichkeitund Selbstbcruhigung, und bestehen darin, daß derPriester sich rein auf die Kraft der Gnadenschätze, dieer ausspendet, verläßt und nur die Würde seines Amtesden Gläubigen gegenüber geltend macht, während er„das Priesterthum jener Gedanken, jenes Geistes, jenerGesinnungen, die aus der Offenbarung Gottes stammen",kurz, die Wirksamkeit der persönlichen Heiligkeit und Er-leuchtung vernachlässigt.
Zu allen hier angedeuteten Fehlern liegen Anlässeund Gefahren vor. Der in den 70er Jahren ein-getretene Kulturkampf hat den großen Priestermangelgebracht. Und dieser hatte seinerseits viele schädlicheFolgen oder Gefahren.
Er hat, wie die Seelsorgspriestcr, so auch diekatholischen Lehrkräfte vermindert. Darunter konnteleicht der Unterricht und die Heranbildung des Klerusleiden. Was ist in dieser Beziehung zu thun? Das,was vielfach schon geschieht: man muß jene jüngerenPriester, welche für ein theologisches Fach geeignet er-scheinen, systematisch heranziehen, man darf nicht warten,daß solche kommen und sich melden, sondern muß a prioridafür sorgen, daß sie kommen.
Indem der Priestermangel lins zwang, nach Ersatzzu suchen, ist die Gefahr entstanden, daß man allzu ge-nügsam in den Anforderungen an Jene werde, welchesich zu diesem Berufe melden. Es ist wahr, daß einer,der das Gymnasium mit Note III absolvirt hat, wie einguter Beamter und Officier, so auch ein guter Geistlicherwerden kaun. Aber Mittelmäßigkeit und Schwäche derBegabung kann nur dann kein Hinderniß für die Zu-lassung zum theologischen Studium sein, wenn nebenihr große Frömmigkeit und ein entschiedener Beruf vor-handen sind. Moralische Fehler müssen natürlich o. priorivon den Seminarien ausschließen. Auch sind dieSeminarien (der Kleriker) nicht Warteanstalten für solche,
die sich noch nicht im Berufe entschieden haben, es seidenn in Ansnahmcfällen. Dies ist auch für alle jenezu bedenken, welche junge Leute zum Studium führenoder vorbereiten. Kurz, wir müssen in jeder Beziehungdas Beste suchen und immer uns selbst und Andere zumBesseren drängen.
Der Priestermangel hat es auch zum guten Theilverschuldet, daß sich vielfach die anderen Fehler einstellten.Schon das theologische Studium ist für Viele eine Artgeistiger Jagd und Hetze. Wie kann z. B. von einer Ver-tiefung in Schrift und Dogma, einer solchen, sagen wir,die tief und inhaltsvoll genug ist, um für die Zu-kunft zu wirken, die Rede sein, wenn man nach einemSchluck Philosophie in zwei Jahren die ganze theoretischeTheologie vollenden muß! Und auf die Hetze des theo-logischen Studiums folgt dann die Seelsorge, die denjungen Priester so viel in Anspruch nimmt (wir redens xarto xokiorl), daß ihm für Fortsetzung der Studienund Vertiefung in Schrift und Betrachtung nicht jeneauSgibiege Zeit übrig bleibt, die wnnschenswerth wäre.
So bleibt auch dem Seelsorger nicht immer jeneZeit, jene Ruhe, welche zur inneren, religiösen Vervoll-kommnung wünschenswerth ist, er geht mehr auf imWirken nach außen. Da entsteht leicht jener Fehler,auf den Manuing an 5. und 6. Stelle aufmerksammacht.
8. Andere Winke Manning-Schells sind veranlaßtdurch die Aufgabe, die der deutsche Katholicismus gegen-über den protestantischen Landsleuten hat. Da ist esvor Allem der „Commnnionismus", den uns Manningempfiehlt. Wir sollen den Protestanten gegenüber dasgemeinsame Christenthum betonen, sollen all' unsere Po-lemik auf Schrift und Vernunft stützen, da diese Prin-cipien uns und den Protestanten gemeinsam sind. Wirsollen das Gute, das auf ihrer Seite gethan wird, an-erkennen, es nicht heruntersetzen, sollen nicht wähnen,daß die Gnade Gottes nur bei uns wirksam sei, daßdort kein göttlicher Glaube, keine göttliche Liebe, keineübernatürlichen Werke seien. Gut, dies Alles kann fürdas Zusammenleben der Andersgläubigen und für dieRückkehr der Irrenden nur förderlich sein. Und „Com-munionismus" in diesem Sinne ist nicht identisch mitSchwäche, nur könnte er in einer Form betrieben werden,welche den Eindruck der Schwäche machen würde.
Aber gerade wer den „Commnnionismus" übt, istes der Reinheit der Lehre schuldig, dasjenige, was dieProtestanten vom wahren Christenthum und der wahrenKirche Christi theils principiell verleugnen, theils still-schweigend verloren haben, klar und fest hinzustellen undkeimn Schritt davon zu weichen. In der Vollziehungdieser Pflicht warnt nun Manning-Schell mit Recht vorUebertreibung. In der Controverse kann es uns be-gegnen, daß wir die Unterschcidungslehren innerlich über-treiben, oder ihre Wichtigkeit im Organismus der Re-ligion hinaufschrauben, oder sie äußerlich allzuviel her-vorkehren, statt sie klug zu insinuiren. Dies allesmüssen wir in Buch und Predigt vermeiden. Und wennManning sagt, „weil in der germanischen Welt (sollteheißen: in der protestantischen) zwar Jesus Christus mitBereitwilligkeit und Liebe aufgenommen werde, nichtaber Kirche und Papstthum, weil dort die hl. Schriftverehrt werde, die Hierarchie aber kein Vertrauen ge-nieße, darum solle man besonders zu zeigen suchen, daßgerade in der katholischen Kirche Christus und die heiligeSchrift wie alles Göttliche viel inniger und stärker zur