Ausgabe 
(1.7.1897) 36
 
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Geltung kommen" so ist wohl dieser Fingerzeig zubegrüßen. Aber wir fügen hinzu, daß der ehrliche Prote-stant wohl auch durch die Macht des vollkommenenTraditlousbeweises gewonnen wird.

Mauuiug warnt endlich auch vor der starken Her-vorkehrung des Unterscheidenden in der religiösen Praxis.Er bringt hier Fragen und Gedanken, die eine kom-petentere und eingehendere Besprechung erfordern, alshier unternommen werden kaun. Die Thatsachenfrage,ob irgendwo in der genannten Richtung zu viel geschehe,und die principielle Frage, welches hierin das richtigeMaß sei, müssen in theologische Fachzeitschriften verwiesenwerden.

Man könnte die Mahnungen Mauning-Schells indie Worte zusammfasseu: Wahrheit, Gerechtigkeit, Mäßig-ung, Klugheit, Liebe, diese müssen all unser Wirken be-herrschen und durchdringen: unsere Scelsorge, unserLehren, unsere Literatur, unsere Publicistik (Presse). Ja,der Geist der göttlichen Wahrheit ist es, in demivir jeden Irrthum überwinden können unter uns undaußer uns, und in dessen Licht unser Wirken eine Leuchtefür die Welt sein muß; und der Geist der gött-lichen Liebe ist es, der alles besiegt, der keine Hinder-nisse kennt und in dessen Feuer durch uns die Welt ent-zündet werden kaun. Wahrheit und Liebe besiegen allesFalsche, alles Schädliche, alles Kleinliche, sie führen dieKirche, die Menschheit, jeden Einzelnen zum rechten Ziele.

Durch sie ist auch der Katholicismus daswahre Princip des Fortschritts im Menschen-geschlecht. Er birgt in der hinterlegten gött-lichen Wahrheit den Wegweiser für jedenwahren Fortschritt, für jede Vervollkomm-nung des menschlichen Geistes nnd Lebens.Er besitzt in der göttlichen Gnade, derenBrennpunkt die göttliche Liebe ist, auch dieunerschöpfliche Kraft, welche jeden Fortschrittim Guten zu bewirken vermag. An uns istes nur, diese unschätzbaren Güter zu entfaltenund zu gebrauchen, uns völlig dem Geiste derWahrheit und der Liebe zur Verfügung zuitcllen.

Wir haben hier vielfach und entschieden mit demVerfasser einer Schrift polcmisirt, die gerade diesesThema zu behandeln versprach. Doch wir hoffen, derganze Tenor unserer Worte werde gezeigt haben, daßivir seine edle Absicht und im Grunde berechtigte Ten-denz nicht verkannt und noch weniger verdächtigt wissenwollen. Aber gerade weil wir alle für die gute Sachekämpfen, hielten wir es für nothwendig, das Unrichtigein Schelfs Schrift zurückzuweisen, damit ihr wahrer undguter Inhalt und ihre aufrichtige Absicht der guten Sachedienlich und wirksam werden kann.

Dr. Otto Sickcnberger,

Docent im erzbisch. Klerikalseminar in Freising .

Hans Holbein der Innrere.

Ein Gcdenkblatt zu dessen 400jährigemG e b u r t s t a g s j u b i l ä n mvon A. Zottmann.

(Schluß.)

Auch zu den tendenziösen Reformationsbildern, diesich von ihm vorfinden, mag er in dieser Zeit, in welcherin Basel die Reformation Oberhand gewann, sich haben

verleiten lassen.*) Aber trotzdem war für ihn kein Platzdes Schaffens mehr hier; ward doch der Bildersturm soradical betrieben, daß Erasmus schreibt:Nichts blieban Bildwerken übrig, weder in den Kirchen, noch in denKreuzgängen, an den Portalen oder in den Klöstern.Was an gemalten Bildern da war, wurde mit Tüncheüberschmiert, was brennbar war, auf den Scheiterhaufengeworfen, was nicht, in Stücke geschlagen," und wurdedoch bezüglich der Bilder der Erlaß ausgegeben:Wirhaben in unsern Kirchen zu Stadt nnd Land keine, weilsie vormals viele Anreizung znr Abgötterei gegeben,darum sie auch Gott so hoch verboten und alle die ver-flucht hat, so Bilder machen. Deshalbcn wir künftighinmit Gottes Hilfe keine Bilder aufrichten lassen. .Unter solchen Umständen, und da auch die Frau unddie Kinder keine sonderliche Anziehungskraft zu habenschienen, hielt es der Maler für das Ersprießlichste, smJahre 1531 wieder nach England zurückzukehren undhier die ganze übrige Zeit seines Lebens zuzubringen;nur einmal noch, 1538, muß er nochmal einen kurzenBesuch in Basel gemacht haben.

Leider hatte Thomas Morus seit seinem Rücktrittallen Einfluß am .Hofe verloren, und Holbein sah sichdeßhalb zunächst auf seine Laudslcute in London , dieHanseaten des Stahlhofcs, angewiesen, malte für die-selben prächtige Bildnisse und für den Saal der Gold-halle dieses Hofes auch zwei große Tempcragemälde» denTriumph der Armuth" undTriumph des Reichthums"darstellend,nach Urtheilen von Augenzeugen nnd denerhaltenen Zeichnungen eines Fragmentes ein Werk vollGeist, Leben und Kraft, würdig selbst eines RaphaclischciiPinsels".

Solche Werke mußten ihm auch den Weg an denHof bahnen, nnd von 1538 an finden wir ihn auch alsköniglichen Hofmaler mit fixem Jahreseinkommen ange-stellt, ein Grnnd mehr für ihn, von Basel nichts mehrwissen zu wollen, obwohl der dortige Rath das Aner-bieten machte, inskünftig werde er besser für ihn sorgen.Mit der Stadt Basel hat der Künstler Weib und Kinderebenfalls im Stiche gelassen. W. A. Becker sucht daszwar folgendermaßen zu entschuldigen:Wenn man dasBild derselben, welches er von Frau und Kindern malte(die reizlose und verdrießliche Frau mit geratheten Augen,das unschöne Mädchen und den verkümmerten Knaben),betrachtet, so läßt es sich denken, daß es ihm unthunlichschien, diese Fran in die Cirkcl einzuführen, in denen ersich in London bewegte, abgesehen davon, daß er es gernvermeiden mochte, die neue Lebenssphäre, in welcher ersich'bewegte, von ehelichen Gewittern trüben zu küssen;"aber immerhin wirft dieses Verfahren einen stark dunkle»

*) Daß Holbein sich dem Protestantismus um dieseZeit förmlich angeschlossen, ist nicht anzunehmen, da sonstein Mann wie der bckenntnißtrene, katholische Bürger-meister Meyer nicht das herrliche Madonnenbild, dassicherlich ein Ausdruck fest katholischer Gesinnung seinsollte, bei demselben bestellt, Holbein selbst aber auch nichtdas Bild mit solcher Liebe und Hingebung ausgeführthaben würde. Auch würde in diesem Falle Erasmus eswohl nicht gewagt haben, den Künstler bei dem edlen,frommen Thomas Morus in England einzuführen. Da-gegen liegt die Annahme sehr nahe, daß Holbein bei seinemzweiten Aufenthalte in England voll und ganz dem eng-lischen Protestantismus sich anschloß, denn sonst würdeer es nicht dahin gebracht haben, von Heinrich VIA.,welcher damals die Verfolgung der Katholiken mit Hoch-druck betrieb, als r. Hofmaler mit sirem Jahreseinkommenangestellt zu werden. Auch sein doppelter Hausstand weistauf diese Annahme hin.