Ausgabe 
(1.7.1897) 36
 
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Schatten auf das Leben des Künstlers, und das nm somehr, als in seinem Testament von der angetrautenGattin und seinen Kindern mit keiner Silbe Erwähnunggeschieht, während darin von zwei andern Kindern dieRede ist, welche mir außerehelich in England erzeugt seinkönnen. Es scheint, Holbein war fern vorn heimathlichenBoden ein gelehriger Schüler seines königlichen Brod-herrn, des Wüstlings Heinrich VIII. , geworden. Fernermüssen wir dem Testamente entnehmen, daß er ein sehrschlechter Hanshaltcr gewesen sein muß, da er trotz seinerguten Stellung nur Schulden hinterließ, so daß er selbstletztwillig verfügte, man solle sein Pferd und andere ge-ringe Habseligkciten verkaufen, um Defizits damit zirbereinigen.

Was seine Malerei im Dienste des englischenTyrannen betrifft, so befaßte sich dieselbe nicht mehr mitgrößeren historischen und erhaben religiösen Arbeiten,sondern blieb fast ausschließlich auf das Porträtfach, aufBildnisse des Königs, dessen Höflinge und dessen Kebs-wciber, beschränkt. Eine große Anzahl dieser oft ausge-zeichneten Porträts findet sich zerstreut an den ver-schiedensten Orten, theils in Privatbcsitz, theils in öffent-lichen Galerien; die meisten in England und Deutsch-land . Daneben beschäftigte er sich mit Holzschnittzcich-nungcn für Bücher (Bibclillnstrationen n. dgl.) und mit.allerlei Vorlagen für die Kleinkunst: Tafelaufsätze, Uhren,Becher, Schmuckgegenstäiide, Dolchscheiden n. A., welcheder mit sprudelndem Humor ausgestatteten, unerschöpf-lichen Erfindungsgabe des schwäbischen Meisters ein reichesArbeitsfeld boten. Doch war es ihm nicht sehr langegegönnt, sich als berühmter und gesuchter Künstler imGlänze des königlichen Hofes zu sonnen. Sein nochnicht sehr lange aufgefundenes Testament ist datirt vom7. Oktober 1543, und weil demselben von der Handeines Testamentsexecutors eine Legalisation vom 29. No-vember beigefügt ist, in welcher von den Habseligkcitendes neulich verstorbenen (nupor äokunoti")Hans Holbein gesprochen wird, so muß der MalerZwilchen diesen beiden Daten aus dem Leben geschiedensein, und zwar vermuthlich an der Pest; denn eine eng-lische Chronik berichtet zum Jahre 1543:Jmä a Avantclentb ok xestilance va>8 in Iwnclon. . ." (und eingroßes Pestilenz-Sterben herrschte in London) .

Wir können diese Skizze passend abschließen mit denzusammenfassenden, im Ganzen genommen treffendenWorten Sigharts:

Hans Holbein war eine kräftige, frische, lebens-frohe Schwabennatnr, wie schon sein Bild zeigt. . '. .Er lebte mit den gebildetsten und gelehrtesten Männernder Zeit in freundschaftlichem Verkehr, wie Erasinntz,Amorbach, Frobenins und Thomas Morns, muß alsoauf höherer Stufe der Geistesbildung gestanden haben.Schon dadurch unterscheidet er sich wesentlich von denbeschränkteren Handwerksmeistern der früheren Zeit. Auchist seine Universalität in der Knnstiibung zu bewundern.Er malt in Oel, Fresko und in Leimfarben, machtMiniaturen, Kupferstiche und Holzschnitte, er schafftHeiligeugestalten und Scenen der Bibel, Genrebilder,humoristisch-satirische Bilder, Thatsachen der römischenund griechischen Geschichte, allegorisch-symbolische Gemäldeund endlich Porträts mit gleicher Virtuosität. Er wares, der deutschen Ernst und deutsche Wahrheit mit italien-ischer Formenschönheit zu verbinden gewußt hat, er huldigte

den Grazien der Renaissance und blieb doch frei unddeutsch, während die Nachfolger bald zu Sklaven derFremde herabsankeu."

Necensionen und Notizen.

-s- Die St. Michaels - Hofkirche, nächst derFrauenkirche Münchens monumentalstes altes Banwerkund von Lübke alsdie gewaltigste kirchlicheSchöpfung der deutschen Renaissance" gepriesen,hat zur Feier ihres in den Tagen vom 27.-29. Jumstattfindenden dreihnndertjährigen Jubiläums aus derHand des kgl. Hofpriesters und Subdiakons AdalbertSchulz ein würdiges. Angebinde erhalten, eine 133 S.starke und vom Verlage I. I. Lentner (E. Stahl jun.)gediegen und geschmackvoll ausgestattete, illustrirte Fest-schrift. Seine kgl. Hoheit der Prinzregent geruhtedie Widmung des Buches anzunehmen, welches die Ge-schichte und Beschreibung des durch frommen und kunst-begeisterten Sinn eines edelen Wittelsbacher-Fürstcn ge-stifteten Gotteshauses weiteren Kreisen zugänglich machenwill. In Ergänzung zu Gmelins 1890 als 16. Bandder Bäuerischen Bibliothek erschienener Monographie legtSchulz den Nachdruck auf die Darstellung des kirchlichenLebens. Bezüglich der Bangeschichte sucht er mit annehm-baren Gründen in Friedrich Sustris den Baumeisterder Kirche, nicht in Wendel Dietrich , dem AngsbnrgcrKunstschreiner, hauptsächlich wegen des unverkennbarenEinflusses italienischer Renaissance. Ausführlich verweiltSchulz ,bei der Beschreibung des verlorenen Kirchenschaßesbei dem Abschnitte über die Kirchenmusik, welche jabis heute in St. Michael eine hervorragende Pstcgestättegefunden hat. Die Geschichte der Kirche ist chronikalischerzählt und sehr detaillirt von 1583 bis 1897. Ueber dieDisposition der ganzen Schrift (Baugcschichte und Be-schreibung der Kirche: das kirchliche Leben bezw. Gottes-dienstordnnng, Bruderschaften und Kirchenmusik: Chronikder Kirche: Anhang: die Sargiuschriften der Fürsten-gruft; Quellennachweise) rann man wohl anderer Meinungsein als der Verfasser: speciell wird man es nicht ange-nehm empfinden, daß die Quellennachweise oder An-merkungen: sämmtlich erst am Schluß des Buchesaufgereiht sind, so daß man bei der Lektüre desTextes immer hin- und Herblättern muß, lind ebensohätten naturgemäßer die Sargiuschriften in dem vor-handenen AbschnittDie Fürstengrnft" untergebrachtwerden sollen. Allein das sind nur äußerliche Bemängel-ungen, die Solidität der populär-wissenschaftlichen, aufurkundlichem und handschriftlichem Quellenboden vieler-orts beruhenden Schrift wird dadurch nicht geschmälert,und alle Verehrer des herrlichen Tempels, welchen einstdie Dichter als achtes Weltwunder priesen, sollten sichdiese treffliche Jubiläumsgabe zu eigen machen!

Messer, Dr. August, Lehrer am Großherzogl. Gym-nasium zu Gießen. Die Reform des Schul-wesens im Kurfürstenthum Mains unterEmmerich Joseph (17631774). Nach unge-druckten amtlichen Akten dargestellt, gr. 8". (XIIund 173 Seiten.) Preis M. 2,50. Mainz , FranzKirchheim.

Die Reform des gesammten Schulwesens von derDorfschule bis zur Universität, die unter Emmerich Joseph im Kurfürstenthum Mainz angebahnt wurde, wird hieraus reichfließenden handschriftlichen Quellen dargestellt.Diese Reformen haben weit über die Grenzen des Mainzer Knrstaates hinaus gewirkt und beanspruchten daher für dieGeschichte des Unterrichts eine mehr als lokal-historische Bedeutung. Ueberdies sind manche der hierauftauchenden Fragen von aktuellem Interesse,z. B. Hebung des Lehrerstandes und ihrer Ausbildung,Herstellung einer Einheitsschule in Verbindung mit derZurückdrängung der klassischen Sprachen, der Kampf umden Einfluß auf die Schule zwischen den staatlichen undkirchlichen Behörden sowie zwischen der christlichen Tra-dition und den Forderungen der neuen Aufklärung rc.Auch das Schulsystem der Jesuiten wird sins ira et stuckioerörtert.

Eerantw. Redacteur: Ad. Haas in Augsburg. Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg .