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7 '" o zm Sligskurgel Weitung.
3. Mt 1897.
Aus Zeitwinkel und Perspektive.
Von Cölest. Schmid.
Man könnte die verschiedensten Signataren unsererschillernden Zeit aufstellen. Soll ich es von« humanist-ischen Standpunkt aus thun, so möchte ich die Haupt-signatur sehen in der götzenähnlichen Allmächtigkeit Goetheseinerseits, in der vollständigen Versandung der Homer-forschung andererseits.
Vielleicht würden manchem diese zwei Erscheinungenkeinen genügenden innerlichen Zusammenhang zu habenscheinen. Ich für meine Person möchte dieselben geradezuin das Verhältniß von Ursache und Wirkung zu ein-ander stellen.
Während sich für Dante und Sheakspeare trotzmanchem und trotz allem doch nur erst die Bibliothekfächervon auserlesenen Naturen und wohl auch von manchenSpecialliebhabern zu füllen beginnen, wächst der Dichter-Geheimrath als allgegenwärtige Macht, fast möchte ichsagen in den Dimensionen eines altmexikanischen Götzen,in den weiten Kreis der modernen Bildung herein. Undan ihn klammert sich thatsächlich immer mehr, fast wie.an einen rettenden Balken, unsere gesammte literarische'und zwar nicht nur die durchschnittliche Talentkultur,sondern auch vielfach die prätensiöse Originalität undGenialität unserer Hochmodernen oder wenn man willHochdekadence von den zärtlichen und überzärtltchenPriestern der wahren Symbolisten bis zu den Männernmit socialistischen Allüren oder socialem Ernst, die ebennur leider in der „olympischen Aristokratcnnatur"Goethes vielfach nicht mehr das finden können, was siedoch wohl so gerne finden würden.
Je mehr wir uns dem Ende des Jahrhundertsgenähert haben, je mehr ist Goethe zu einer Art Ueber-und Allmensch geworden. Einzelne sind es ja schonlänger, die zweifelnd und fragend aufschauen oder auchgar besorgt werden, als wenn sie schlimme Witterunghätten. Aber so etwas auch am Ende gar öffentlichund mit Ernst ausznsprechcn, darüber schwebt noch immerdas heiligste Anathem von Priestern und Gemeinde.Und der schwäbische Professor Weitbrecht, der da neulichin seiner Schrift „Diesseits von Weimar" meinte, Goethehätte das jenseits Weimar auch bleiben lassen können,um sich selbst und der germanischen Poesie nicht ab-trünnig zu werden, ist eben ein temperamentsvoll poltern-der Schwabe.
Einer freilich hat es gewagt und durfte es wagen,bei aller Verehrung für den Altmeister ein scharfes, vor-witziges Schlagwort von nicht ganz hochheiligem Klangin die Dithyramben zu schleudern. Aber er braucht jain Deutschland nicht bekannt zu sein — und kann esauch zunächst vor lauter Nietzsche und Düring nicht sein.Und doch meine ich keinen Geringeren als den nord-amerikanischen Philosophen Emerson, augenblicklich viel-leicht der einzige, dessen Werke die Kräfte der wild undzügellos gewordenen absoluten Vernunft- und Natur-philosophie einigermaßen lösen und positiv einheitlich re-orgauisiren könnten. Schon allein seine „Repräsentantendes Menschentums" geben eine prächtige Geschichte derphilosophischen und künstlerischen Hochkultur: und dies istdie einzige mögliche und unumgänglich nothwendige Basiseiner einheitlich sammelnden und positiv lösenden Philo-
sophie der Zukunft. Und eben da nun hat Emersonunter den Repräsentanten des großen MenschenthumSnicht allenfalls Goethe als Typus des Dichters auf-gestellt, sondern Sheakspeare, während er bald daraufvon dem Dichterforscher von Weimar den Typus desgenialisch großen Schriftstellers aufzeigt.
Ich möchte nun durchaus nicht sagen, daß ich lnSheakspeare den höchsten Typus des Dichters erkennenwürde. Dante kann sich mit ihm streiten, Homer, inrichtiger Weise erkannt, seinerzeit noch vor ihn treten.Aber Goethe als Typus des genialischen Schriftstellers:dies befreiende Schlagwort allein ist ein untilgbares Ver-dienst des großen, auf Ausgleichungen sinnenden Nord-amerikaners, der in nicht gar zu langer Zeit wohl auchdoch für uns vor der Thüre steht.
Das 19. Jahrhundert trotz manchem und trotzallem, am durchgreifendsten gerade seit dem Eintreten derentscheidenden Wende, eine Aera der in die Breite»gewiß auch in die Tiefe und Höhe wachsenden Schrift-stellcrei und Goethe als sein sich immer monströser heraus-wachsendes Idol: das läßt gar manches scheinbar Un-entwirrbare durchschauen. Und nun ist gar auch nocheiner der Hochmodernen gekommen und hat in einerkleinen Schrift, die von den sichersten Recensenten undLiteratnrprotcktoren anscheinend mit verlegenen Augengelesen und mit schwankendem Griffel kritisirt wird, indem Essay „Goethe am AuSgang des Jahrhunderts",das alles, was der Jesuit Baumgartner vorbereitet, wasich manchmal bei dem immer noch totgeschwiegenen PaulGarin zwischen den Zeilen lesen zu müssen glaubte, mitWorten bestätigt und herausgesagt, die wie einzelneRosen in einer Stachelhecke anmnthen. Goethe nach derAnschauung des Verfassers, des Herrn Servaes, Idoldes ausgehenden Jahrhunderts und zugleich Asyl undPalladium der flachsten, seichtesten Bildungsmittelmäßig-keit: und dazu ist Servaes selbst einer der glühendsten Ver-ehrer Goethes, der mit fast Boecklin'schcn Farben dieseligen Jnselgefilde weit draußen im blauen Ozean zuschildern weiß, wo die durch Schopenhauer und RichardWagner zerschlagene menschliche Glückseligkeitsharmonie,wie sie sich zum letzten Mal in Gothischer Dichtkunstund in Gothischem Menschentum gezeigt hat, vielleichtfür lange, vielleicht für immer verschwunden sein soll.
Emerson sieht in Sheakspeare den Dichter x. Z.Auch Servaes scheint da hinauskommen zu wollen, aller-dings nur in einer weite Perspektiven eröffnenden An-deutung. Er betrachtet Goethe als die letzte glücklicheSynthese im Kampfe des großen Mcnschenthums mitdem Dämonischen, in welchem Kampfe er auch mit Rechtden springenden und zugleich wundesten Punkt der unend-lichen Goethe-Forschung und den eigentlichen Schlüsselzur Lösung des Räthsels erblickt. Und nachdem er dannals typische Gegenkämpfer des 19. Jahrhunderts vanBeethoven, Kleist, Schopenhauer und Nietzsche auf-geführt, in denen die von Goethe in sich selbst über-wundene Wcrtherei in größerer Form Ivieder aufgelebtsei, um immer mehr in das Jahrhundert als Wahr-zeichen hineinzuwachsen, meint er dann, eine weitere,noch höhere Synthese bedeute Sheakspeare. DieseSynthese müßte nach den Ausführungen von Servaes folgerichtig gemeint sein von den sich paralysirenden Er-scheinnngsthpen der Weltbespiegelnng und der Selbst-enthüllung des Lebens für die Kunst und des Sterbens.