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für die Kunst, der harmonischen Vollendung und des.tragischen.Heroismus. Den Schlüssel zu dem Geheimnis;dieser Synthese gibt Scrvacs nicht mehr: ich möchteihn darin sehen, daß bei dem nordgermanischen, vielleichteinzig germanischen Genie Sheakspeare das als lösenderMittelpunkt in den Kraftkreis tritt, ivas bei Goethe nur inseinen besten Jngcndjahren leise anklingt, um bald von welt-fremd antikem Sinnen und von der Resignation derThat abgelöst zu werden: in dem großen tragischenHumor.
Wenn bei Emerson dem Amerikaner der Erklärungs-grund dafür, warum er nicht über Sheakspeare hinaus-gekommen ist, vorläufig am besten in der angelsächsischenEigenart und Nationalitätsabgeschlossenheit gefundenwerden kann, die auch den tumultuarischen UrhomerikerWood (Ueber das Originalgenie des Homer 1789) be-herrscht und ebenso den bedeutendsten englischen Homerikcrder Jetztzeit, Jebb (Einführung in den Homer ), nichtaus dem Bannkreis der Vergleichung zwischen dem Ur-fänger und national-angelsächsischer Poesie hat heraus-kommen lassen: so ist dies bei dem mitten in der mo-dernen Literaturbewegnng stehenden Servaes wohl nochleichter erklärlich, da er sich ja, als Nichthomeriker, aufdie Resultate der Homerforschnng verlassen mußte.Nebrigens ist ebenso richtig als bezeichnend, daß Emer-son als Typus des Philosophen den Platon aufstellt.Wollte Gott , man wurde, mit oder trotz dem neu-platonischen Kantianer und Spiritisten Karl du Prel ,allmählich auch thatsächlich immer mehr vom Standpunktund mit den Mitteln des fiammeugleich zum Himmelzurücklohenden Platon als nsit denen des großen Stagiriten,der trotz Metaphysik und Ethik doch ewig irdische Bau-steine wägt und richtet, fassen und betreiben! AberPlaton war auch der einzige, der sich dessen untersingund unterfangen durste, die festgefügte große Welt desHomer für die Menschen aus den Angeln heben zuwollen: und wenn man richtig zusieht, ist Platon das,was er geworden ist und vielleicht für die Zukunft erstrecht werden kann, geworden, indem er nicht mehr Homersein konnte. Und so rückt nui^ Emerson allerdings bisvor die Thore des homerischen Tempels heran, um dessenPortale sich seit Platon für die Menschen aller Zeitenschreckende Drachen mit bezauberndem und verwirrendem,niit verheißendem und vernichtendem Sphinggenblick winden.Warum auch der wirklich große Philosoph Emerson dieThore nicht hat durchschreiten können? Warum er vonHomer , dem thatsächlich größten Dichter aller Zeiten,schweigt? Ich weiß es nicht. Wohl aber denke ich mir,daß er es gethan und nicht gethan, weil er eine demPlaton vielleicht kongeniale Natur war, und weil füruns vielleicht erst die Zeit kommt, den Platon zu er-reichen: noch nicht den Homer. Vielleicht auch, weil derganze angelsächsische Stamm, vielleicht auch der ganzedeutsche Norden, nicht dazu berufen ist, bald oder einstden Homer zu fassen und als neuen, endgiltigcn Weg-weiser in die reinen Gänge der arischen Zeitgeschichte zustellen: ihn, den höchsten Seher der Dinge — und denersten arischen Besieger sowohl des.drückenden Elemente-glaubens als der grübelnd niederziehenden Spekulationdes semitischen Orients.
Es wäre ungerecht und sinnlos, dem deutschenNorden seine Verdienste um die Homerforschnng, dieZierde und den Stolz der deutschen Gelehrsamkeit undder deutschen Kritik, abzusprechen. Der deutsche Nordenhat nicht nur die glühendsten, kritiklosesten Schwärmer
für Homer gehabt: von Nitzsch bis zu Herm. Grimmund Knötcl: er hat auch die konsequentesten Analytikerund Evolutioustheoretiker, von G. A. Wolf bis Hermannund Lachmann, auszuweisen, die mit glühendem Tem-perament die einzig mögliche Erklärung alles Genialischenund Genialen, die evolutionistisch-genetische, aufgestellt undverfochten haben, er hat auch einen Wilamowitz auszu-weisen, der über die nur halb poetisch-sachliche Kritik vonChrist und Cauer hinaus den Satz aufgestellt hat, dieHomerforschnng muß durch Wolf und Lachmann über diesebeiden hinaus, und zunächst muß die Philologie überhaupt,soll sie für die Zukunft noch Lcbensberechtigung haben,direkt Kunst werden.
Dieses schöne und große Wort des onsimt tsrridlsder Philologen ist aber ein ebenso uugehörter oder un-geglaubter Kassandraruf geblieben, wie die optimistischenErwartungen und Hoffnungen, die Simrock unmittelbarvor dem deutsch -französischen Krieg» in seiner 3. Aus-gabe der germanischen Mythologie, von dem Wiederauf-leben deutschen VolksbcwußtseinS und. deutscher Volks-poesie gemeint hat aussprcchen zu können, in der Zeiten-wende spurlos verhallt und verschwunden sind. Ueberdas deutsche Volksthnm. und über . die deutsche Poesie hates sich seit jener Wende hcrcingcwälzt wie trübende,stickende Schlammflnthen, aus deuen man erst jetzt all-mählich wie aus schweren Alfenträumen nufzuathmen undauszuschauen beginnt. Die Homersorschung aber ver-breitert sich je länger, je mehr in das ausgesuchtesteSpccialistenthum oder in enthusiastische Kritiklosigkeithinein. Seit Wilamowitz jenen Ruf erhoben, hat sichnur ein Nachhall hören lassen: und das war in demBuche Caucrs, in dem wenigstens manches redlich ein-gestanden und aufgedeckt und in ernster Weise auf höhereHomerkritik hingewiesen wird. Seitdem sind aber auchdie Bücher von H. Grimm, Knötcl und Erhard er-schienen. Von ihnen nimmt der gefeierte H. Grimm denStandpunkt des homerlcseuden Webers aus dem 18. Jahr-hundert, von dem er in der Vorrede mit launiger Be-ziehung auf sich selber spricht, auch thatsächlich ein. Er-hard hat den Homer ini Gegentheil wieder einmal inSplitter und Scherben sogenannter poetischer Volks-tradition zerdrückt, so daß eigentlich die ganze Homer-geschichte, um die sich nun schon ganze Reihen vonGenerationen der alten und der neuen Zeiten mit hohem,sittlichem Ernst bemüht haben, zu einer schönen heroischenStaffage für die, immerhin auch zopfige, Gclehrtcn-commission des Athener Tyrannen Peisistratos werdenwürde. Knötel aber wiederum bewegt sich auf denblauesten Gewässern eines künstlerische Kritik und sichselbst preisgebenden Enthusiasmus, der nicht nur überallin Jlias und Odyssee wirklich homerische Kunst zu sehenvermag, sondern auch das persönliche Leben des Homermit breitester, schönster Romanmänier in das Ungefähreines Variötä- und Sängcrgesellschaftsdirectors mit durch-aus offenen und durchsichtigen Lebensverhältnisscn ver-aoandelt. Und über all das hinweg fluthen die öden»flachen Schlammuferwellen eines zünftigen Specialisten-thums, das sich allerdings gerne exakte Forschung undphilologische Akribie benennt. Eine bedeutungsvolle Zeit-signatur!
(Fortsetzung folgt.)