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Die St. Michaels-Hofkirche in München .
Eine Studie zur 3. Säcularfeier der Ein-weihung der Kirche vom 27.—29. Juni 1697.
Von J. M. Förster.
(Fortsetzung.)
Dci der Bau der Kirche seit 1583 mit geringenUnterbrechungen fortgeführt worden war, konnte mandarauf rechnen, dieselbe schon 1589 zu weihen. Undwirklich war im September genannten Jahres der Bau ")so weit vorgeschritten, daß die Weihe auf den 21. Ok-tober festgesetzt werden konnte, der Herzog bereits Ein-ladungen hinausschickte und sogar Auftrag gab, die Küchegut zu versorgen. Da ward auf einmal — aus welchemGrunde, ist unerfindlich — die Feier verschoben, und nochehe der Sommer des Jahres 1590 herangekommen war,trat ein Ereigniß ein, welches für den Kirchenbau dietiefgehendsten Folgen nach sich zog?'-')
Schon Ende April machte man nämlich die Wahr-nehmung, das; sich der Thurm bedenklich zur Seite neige,weßhalb der Herzog bereits am 2. Mai 1590 eine Com-mission zur Untersuchung etwaiger Fährlichkeiten berief,welche auch am 7. Mai zusammentrat, aber mit ihremGutachten, wie mit verschiedenen Anordnungen auf theil-weises Abtragen des Thurmes, Ausfüllen des unterenTheiles, Stützen der gefährdeten Theile rc. rc. zu spätkam, denn ani 10. Mai 1590 Abends 2 °) stürzte derThurm ein, glücklicherweise ohne ein Menschenleben zugefährden. Die eingeleitete Untersuchung bürdete demMaurermeister Müller die Hauptschuld auf, „der zuwenig (nach)sah und ein nnfleißiger Mann war", weß-halb ihn der Herzog bei Wasser und Brod acht Tagelang im „Fronhaus" einsperren und dann in den Falken-thurm 2') schaffen ließ.
Der Einsturz des Thurmes führte natürlich zunächsteine große Stockung im Fortgange des Baues herbei,da, wenn auch weder das Gewölbe noch der Dachstuhl,so doch der damalige Chor der Kirche Schaden ge-nommen hatte und der völlige Abbruch des Thnrmrestes,sowie die Hinwcgränmung des Schuttes nahezu zweiMonate beanspruchte.
Der Herzog, welcher in dem Zwischenfalle eineFügung Gottes erblickte, „weil die Kirche für die Majestätdes hl. Michael zu klein sei," beauftragte nunmehr denHofmaler und Architekten Friedrich Snstris, „zur Ver-längerung der Kirchen oder Langhaus unddes neuen Chores zu machen," zu welchem Zweckedie „alte Schule" 22 ) abgebrochen werden mußte. — Gleich-wohl führte der Herzog sein Vorhaben, die Kirche bald-möglichst ihrem Zwecke zu übergeben, durch, indem die-selbe, nachdem in ihr sechs Altäre aufgestellt und dasLanghaus gegen Nordosten, wo der verlängerte Chor an-gefügt werden sollte, durch eine Fehlmauer abgeschlossenworden war, am 29. Sept. 1590 von dem FreisingerWeihbischof Bartholomäns Scholl benedicirt wurde.
In der Kirche standen folgende (provisorische) Altare:
Die Kirche erstreckte sich damals nicht weiter, alsbis zu den heutigen Chorstnsen, wobei das östliche Oluer-schiff gleichzeitig die Basis für den Thurm bildete.
'°) Vgl. Gmelin a. a. O. S. 22.
Nach anderen Berichten erfolgte der Einsturz Vor-mittags 8 Uhr.
Der Falkenthurm war daS damalige Criminal-gefängniß, und ist die Falkenthnrmstraße, wo er stand,nach ihm benannt.
'0 Das ist das oben erwähnte Gymnasium
des hl. Erzengels Michael, vom englischen Gruße, derhl. Apostel Petrus und Paulus, sowie Andreas, der hl.Magdalena und der hl. Ursula.
Am Tage vor der Bencdiction der Kirche weihteWcihbischof Bartholomäns die bereits im Jahre 1585von Herzog Ferdinand gestifteten vier Glocken,^) dereneherner Mund das Volk zu der seltenen Feier rief. Zuderselben hatten sich eingefundcn: der Stifter der Kircheund seine Gemahlin, Erbprinz Max und dessen BruderPhilipp, erwählter Bischof von Regensbnrg, deren SchwesterMaria Anna, des Herzogs Bruder Ferdinand, außerdemder Hofstaat und viel Volks aus allen Ständen, das dieprächtige Ausstattung der noch nicht einmal vollendetenKirche bewunderte: denn Herzog Wilhelm selbst hatteeinen vom Goldarbeiter Hans Schleich zu München ausGold gebildeten Erzengel Michael, köstlich mit Diamantenund Rubinen besetzt, geschenkt, seine Gemahlin Renatazwei silberne Crucifixe und sechs silberne Armleuchter(von dem AngSburgcr Silberarbeiter Andrä Amstctt),der Erbprinz Maximilian einen goldenen, mit Perlen be-setzten Kelch des Nürnberger Goldarbeiters MathiasStiber und der herzogl. Kämmerer und Rath Hortensiusvon Tyriach ein silbernes Crucifix mit vergoldetem Posta-ment und Kreuzesstamm, nebst zwei silbernen und ver-
2 °) Dieselben scheinen auch im früheren Thurm ziem-lich tief gehangen zu sein. Die größte Glocke, in derMitte von zwei anderen hängend, ist dem hl. Michael geweiht, mit dessen Bildniß aus der einen und jenem desherzoglichen Stifters, das sich auch auf den drei andernwiederholt, geziert. Ober dem bayerischen Wappen be-findet sich der rechts und links von anbetenden Engelnumgebene Namenszug Christi, unter dem Bilde des hl.Michael die Inschrift: 8t. Uiobaslis 1833, unter jenemdes Herzogs steht: Dorck. D. (1. II. Dav. I). 1583. Denobern Kranz nimmt die Inschrift ein: In oouspsotu an-Zelornw psallam tibi, aäorabo ack sanotum templuinturnn. Im untern Kranze steht: Dum osi-usrst llosnnsssaermn U.vstorium Uiokaolis ^rokanA'elus tuba osoinit.(Im Angesichte der Engel will ich Dich lobpreisen und inDeinem hl. Tempel anbeten. — Während Johannes dashl. Geheimniß schaute, blies der Erzengel Michael aufder Posaune.) — Eine deutsche Inschrift besagt: In GottesHaus gib ich ein lieblich Getön — Hans Frey von Kempten goß mich allste so schön. — Wiegt die Michaelsgtocke56 Ctr., so ist die Frauenalocke um 25 Ctr. geringer: die-selbe trägt das Bild der Muttergottes mit dein Jesukinde,darunter steht: 8. Naria. ora pro nobis 1585. Im obernKranze steht: Hvs Us»ino Ooelorum, Domino rlnAslornm,8olv6 liackix sanota; im untern: 8alvs RsZIna, UnterUiserieorckme, Vita, Dulosäo et 8ps8 nostra salve. (Ge-grüßt seist Du, Himmelskönigin, der Engel Herrscherin,Heil Dir, hl. Wurzel — Sei gegrüßt, 0 Königin. Mutterder Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Süßigkeit undHoffnung, sei gegrüßt. — Der deutsche Vers läutet: ZuGottes Lob bat mich hie gössen — Hans Frei vonKempten unverdrossen. — Die dritte Glocke ist die Apostel-glocke (18 Ctr.) mit den Bildern der Apostelfürsten Petrusund Paulus , darunter: Orats pro nobis. 1585. Im obernKranze steht: In omnom tsrram exivit soims eormn et intlnes orbis terrae vorba eormn; im unteren: DetrusLpostolus et kaulus ckoetor Oentium ckoouerunt lsAointuam. (In alle Welt ging ihre Sprache und bis an dieGrenzen oes Erdballs ihre Worte: — Der Apostel Petrus und der Völkerlehrer Paulus verkündeten dein Gesetz.) —Teutsch: Auf meinen Klang kommt All' herbei — Undpreiset Gott mit Meister Hansen Frey. — Die 4. Glocke(9 Ctr.) „Fg'nus Doi " zeigt Christum am Kreuze, darunterdie Wdrte: 8alvo nos 1585. Oberer Kranz: Iloo siAmnnOrneis vrit in Ooslo; unten: Dielte in nationibus UoAllavita 8i»',m Oraeis Dons. (Dieses Zeichen des Kreuzes wirdam Himmel stehen: lehret unter den Völkern: es herrschteGott vom Kreuze herab.) — Deutsch : Hans Frey nahm! Sleast Metall — Und macht aus mir einen eng-' tischen Schall.