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aus Bremen wieder eine wesentliche Bereicherung erfuhr.Diese Reliquien wurden in einem kunstvollen Schrein")auf dem hl. Kreuzaltar aufgestellt und bei dessen Ent-fernung auf den St. Peter- und Pauls-Altar trans-ferirt, wo sich dieselben auch jetzt noch befinden.
In der Oktave vom 7. mit 14. Juli 1697 be-gingen Kirche und Kollegium ihr hundertjährigesJubiläum (vergl. unten) — aber zu einer zweitenJubelfeier sollte es nicht mehr kommen. Denn wennauch seit dem Ausgange des 16. Jahrhunderts die Jesuiten speciell in München die Kanzel der Pfarrkirche zu U. L.Frau innehatten, 1607 die noch heute beliebten Krippeneinführten und namentlich in Zeiten der Bedrängniß jedesUngemach mit der ihnen lieben Umgebung theilten; wenn-gleich Kurfürst Ferdinand Maria noch Jesuiten zu Beicht-vatern hatte und seine Gemahlin Adelheid dem Kol-legium einen werthvollen Ornat aus Goldftoff widmete,wie das auch des Kurfürsten Max Emanuel zweiteGemahlin Therese Kunigunde that; wenngleich die Kur-fürstin Maria Anna, Gemahlin des Kurfürsten Max III.Joseph, einen goldenen Kelch zur Kirche stiftete, inwelcher ihr Bruder, Prinz Clemens Wenzeslans vonSachsen,^ am 1. Mai 1764 seine Primiz hielt; wenn-gleich im Jahre 1770 auf besonderen Wunsch des Kur-fürsten eine besondere bayerische Provinz errichtet wurdeund der Kurfürst 1771 den Jesuiten zn München, Jugol-stadt, Landsberg, Landshut, Altötting, Amberg, Burg-hausen, Neuburg 7c. rc. für ihre während des Hunger-jahres 1770 der Bevölkerung erwiesenen Wohlthaten")ein eigenhändiges Dankschreiben widmete — so wurde ihnendoch nicht mehr jene Hochachtung und Verehrung zuTheil, die Ihnen früher vom Hofe entgegengebrachtworden war.
Da erschien plötzlich und unerwartet am 21. Juli1773 die Bulle Dominua ue koäomtor nostsr, durchwelche der Jesuitenorden") aufgehoben wurde. Dadurch
«°) Der Schrein stammt aus dem Jahre 1400 undwurde auf Anordnung der (Bremer) Domstrukturei an-gefertigt. Er besteht aus Eichenholz, das mit getriebenenund vergoldeten Silberplatten belegt ist: er ist 1,04 mlang» 0,40 m breit und ohne die Firstbekröuung 0,66 whoch. Der Schrein öffnet sich jetzt von vorne durch zweiFlügel; früher bildeten die Giebelwände die Thürchen.Die Innenseiten der Flügel enthalten farbige Darstell-ungen aus der ärztlichen Thätigkeit der Märtyrer, derenGebeine nochmals durch Thürchen verschlossen sind. durchderen gläserne Wandung man die Häupter, von prächt-igen Hauben bedeckt, aus Kissen ruhen sieht, begleitet vonkleinen Bleitäfelchen mit den Namen der Heiligen. (NachGmelin a. a. O. S. 79—81.)
") Clemens Wenzeslans, königl. Prinz von Polenund Lithauen, Herzog von Sachsen rc. rc., war als Sohndes Friedrich August, Königs von Polen und Kurfürstenvon Sachsen, und dessen Gemahlin Maria Josepha, Tochterdes Kaisers Joseph I. am 28. Sept. 1739 geboren, widmetesich anfänglich dem Militärdienste, wandte sich 1761 demgeistlichen Stande zu. ward 1763 Bischof von Freising undRegensburg, erhielt 1764 die hl. Priesterweihe, ward imselben Jahre Coadjntor des Bischofs Joseph von Augs-burg, empfing 1766 die Bischofsweihe, ward 1768 Erz-bischof und Kurfürst von Trier, mußte in Folge der po-litischen Complicationen 1801 dem Erzstifte entsagen, 1802auch als Fürst des Hochstiftes Augsburg resigmren, zogsich später nach Oberdorf im Algüu zurück und starbdaselbst am 27. Juli 1812, wo er an der Kirche be-graben ist.
") Von ihrer Wirksamkeit für die Wissenschaften undden Volksunterricht zu sprechen, ist hier nicht der Platz.^ *°) Schon im Jahre 1761 waren die Jesuiten ausFrankreich. 1767 aus Portugal. 1768 aus Neapel. Parmaund anderen italienischen Kleinstaaten vertrieben.
wurden auch die Schankungsurkunden des Herzogs Wil«Helm V. vom 19. Januar 1592 und 26. Juni 159?hinfällig, und Kirche und Kollegium zu München kamenwieder an die Nachkommen des frommen Herzogs zurück,welche das Kollegium den verschiedensten Zwecken widmeten(so ward es zunächst Sitz des kurfürstlichen Naths-collcgiums, nahm 1782 den Malteserorden, 1783 diefnoch dort befindliches Akademie der Wissenschaften aufund diente in einzelnen Theilen 1774—1843 der Staats-bibliothek, dem Kadettencorps s1775 —1803s, dem Landes-sjetzt Reichs-s Archiv 1784 - 1844. der Maler- undBildhauerschule 1784 — 1809, der Akademie der bilden-den Künste 1809—1885, der Universität 1826—18^0,verschiedenen Staatsministerien 1842—1866, dem Land-tagsarchiv 1845 — 1868, dem Schwurgerichte 1848 bis1850), während die Kirche wenigstens ihrem erhabenenZwecke erhalten blieb; zunächst wurde sie mit Rücksichtdarauf, daß in ihrer Gruft die Leichname zahlreicherMitglieder des Regentenhauses ruhen, zur kurfürst-lichen Hofkirche und der Exjesuit Anton Krämer zumersten „Propste" bestimmt, dann am Sonntag Judica
1780 die sogen. Militä'rpfarrei eingeführt und in Gemäß-heit dieser Bestimmung die Kirche zu allen gottesdienst-lichen Verrichtungen des Militärs benutzt. (So fandenam 23. November 1806, 20. Juni 1807, 13. Septbr.1812 und 27. Mai 1813 in der „Hof- und Militär-pfarrkirche" St. Michael je ein solennes Bittamt um denSieg für die Waffen Napoleons I. statt, dagegen ertöntedieselbe Kirche von den Klängen des Ps voum und derfeierlichen Hochämter, welche am 10. April 1814 undam 25. Juni 1815 zum Danke für die „Befreiung vomfranzösischen Joche" gehalten wurden. So ändern sichAnsichten und Verhältnisse.)
Durch Verfügung vom 5. August, vollzogen am10. Dezember 1782, wurde die St. Michaelskirche demvon dem Kurfürsten Karl Theodor unterm 14. Dezbr.
1781 gestifteten bayerischen Großpriorate desJohanniter-(Malteser-)Ordens übergeben, dessenRitter am 19. Januar 1783 ihren feierlichen Einzug indie Kirche hielten, in welcher hieran eine zwischen demSakristei-Eingang und dem St. Jgnatins-Altar befindlicheMarmortafel mit folgender Inschrift erinnert: OaroloDkovävro Lleotori xio kolioi xmtri putriae cuzugliberalitats et inäulgsutia Orclo l>. llcmnnig Liero»solxmitani krovinoia Luvaris, auotus 68t beiwöoüs,ckouis so privileZüs oumulatus. Oxtivav xriveipiao xatrono msranti Zrati anirni mouumonturn orckoeyuitosguö univörsi v. N. L. anno UVOdibl-VIL saora institutionö IV.") — Doch dauerte diesesGroßpriorat nicht lange, denn obwohl im Jahre 179?der russische Kaiser Paul gleichfalls ein Großpriorat er-richtet, welches 1798 mit Genehmigung des KurfürstenKarl Theodor dem bayerischen aggregirt wurde, hobKurfürst Max IV. Joseph dasselbe 1799 provisorisch,1808 aber definitiv auf.
Ein in der Geschichte der St. Michaelskirche hoch-wichtiger Tag war der 29. April 1782, an welchem sie
*°) Zu deutsch: „Den, Kurfürsten Karl Theodor , demedlen und glücklichen Vater des Vaterlandes, durch dessenFreigebigkeit und Gnade der Orden vom hl. Johannesvon Jerusalem um die bayerische Provinz vermehrt undmit Wohlthaten, Geschenken und Privilegien überhäuftwurde, dem besten Fürsten und verdienten Förderer habendankbaren Sinnes der Orden und alle Ritter diesesMonument errichtet im Jahre 1786, nach der Institutiondes yl. Ordens im 4. Jahre."