Ausgabe 
(10.7.1897) 39
 
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10. Juli 1897.

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Aus Zeitwinkel und Perspektive.

Von Cölest. Schmid.

(Fortsehrrng.)

Wer aus der laugenHomerforschung" thatsächlichbis jetzt rühmlichen Nutzen gezogen und wirkliche, greif-bare Ehrenrettung geerntet hat: das ist bezeichnender-weise statt des göttlichen Sängers der große alexan-driuische Universitäts-Schulmeistcr Aristarch. Wie nochder Schatten des gefallenen Achill den Griechen erfolg-reich gegen die Troer kämpfen half, so hat Aristarch,kann man fast sagen, sogar einen unserer modernstenund echtesten Universitätsphilologen gemacht eben weildieser, manchmal mit mehr Geschrei als Geist, die Homer-forschnng zur aristarchischen Ehrenrettung umzustempelngewußt hat.

Und doch hatte dieser Philologe, dessen Blüte indas Ende der 70er und dann in die 80 er Jahre fällt,für seine Zeit einen nicht so ganz unrichtigen Instinkt.Wer allenfalls auf den Gedanken kommen sollte, dieBlütezeit des modernen, liberalen ProfessorentumS,hauptsächlich philologischer Richtung, zu vergleichen mitder Blütezeit des wissenschaftlichen Alcxandrinertums,wie sie im 3. Jahrhundert vor Christus einsetzte, derkönnte da die schönsten Parallelen finden und schließlichentdecken, daß auch die scheinbar originalste Zeit, wennman genauer zusieht, doch nur eine vermehrte Auflagevon irgend etwas schon einmal Dagewesenem bedeutet.Nur daß jenes hochgelehrte Alexaudrincrthum, dessenwahre Verdienste durchaus nicht geschmälert werdensollen, denn doch wenigstens bedeutend temperamentvollerund offener war, als unser heutiges: fast könnte manzu dem hinkenden Vergleich mit Jsar und Würm ver-sucht sein. War es doch, trotz aller neuläudischen Kultur,wie sie Wilamowitz so treffend gezeichnet hat, wenigstensmit einem vollen Tropfen echt griechischen Oeles gesalbt.Aber auch um so glatter und selbstherrlicher glaubte mandie so durch und durch intime Homerfrage aus der Zeitheraus anfassen zu dürfen, nnd wenn wir, die Götterseien gelobt, einen rechten und echten Wildcnbruch haben,so genierte man sich damals auch nicht, aus dem Homerso eine Art ptolemäischen Wildenbruch machen zu wollen:auch nicht davor, gelegentlich daraufhin, wenn es nichtklappen wollte, Verse umzusetzen oder auch, wie esZeuodot noch viel skrupelloser als Aristarch that, die be-rühmte und gepriesene Athetcse anzuwenden: d. h. Versoder Verse einfach für unecht zu erklären. Und daswar das große und berühmte Gesetz der Analogie!

Ich kenne in der inneren Weltgeschichte keine größereIronie und Komödie, als wenn in den sogen. Schotten,den aus encyklopädischen Sammlungen der Philosophen-schulen, hauptsächlich der Stoa, redigierten und dannimmer wieder mit neuen Zuthaten versehenen Schul-erläuterungen zu Homer , auch so ziemlich die ganze Eti-quette des ausgeprägten alexandrinischen Hoflebens alsKriterium an die alten homerischen Nationalgesänge an-gelegt wird, um sie je nachdem rühmlich bestätigt zufinden oder auch dem alten, blinden Sänger aus derachäischen Urzeit den entsprechenden Tadel nicht zu er-sparen. Daß man nicht doch auch schon bei uns,wenigstens in dem slavistischen Nordosten, trotz allerschlagenden Paralellcn, auf so etwas gekommen ist?

Nun da fehlt es, abgesehen von Anderem, doch amTemperament: und dann an aller lebendigen Verbindung

mit Homer selber. Homer ist tot, konnte Milamoivitzmeinen, nur die Homerforschuug ist modern und viel-leicht sogar populär. Unterdessen scheint übrigens auchdie Homerforschung nicht nur ganz unpopulär, sondernauch unmodern geworden zu sein.

Nirgends vielleicht kann man den Entwicklungsgangder deutschen Gelehrsamkeit in so interessanter, intensiverBeleuchtung verfolgen, als gerade hier. Als man am Endedes 18. Jahrhunderts, durch Rousseau angeregt, durchdie Engländer, vor allem Wood, aufgerufen, auch tuDeutschland die Homerforschung aufgriff, da war nochheißblütiges Leben darin. Es waren aber auch Dichterwie Goethe nnd Schiller, dichterische Naturen wie Wiuckel-mann, Herder nnd vielleicht insgeheim sogar Wolf, dieim Vordergrund standen. Der letztere griff, an demantiquirten Zünftler Heyne vorüber, als der einzigedeutsche Philologe ein: für die Homerscholicn ebenso wiefür die Homerkritik. Sein Räsonncment war glänzend,aber hitzig »erstürmt und lief in zwei große, eigentlichseitab liegende, Aenßerlichkeiten aus, die allerdings seit-dem zäh auf dem Plan geblieben sind: das Alter derSchrift und die Frage vom rhapsodischen Vortrag. Inden Schotten aber bannte er alles, was über den Horizontphilologischer Akribie damals hinausging und auch jetztnoch hinausgeht, alles unmittelbar Suchende, alles philo-sophisch und künstlerisch zu fassen Suchende mit demebenfalls bis heute noch ungezählte Male nachgclalltenAnathem: oomnia armAOgiea ot allaZorioa. Gewiß:die drei Schottensammlungen nnd L in Venedig, stin Oxford), in ihrem Kern auf gemeinsame Urquellenzurückgehend, enthalten nicht nur interessante Zeitrcflexeaus der alexandrinischen Gelehrsamkeit und aus ptole-mäischem Hofleben, sondern bieten neben sehr viel Guten«auch ein geradezu monströses Beispiel dafür, in welcherWeise sich eine alte sinkende Kultur in ihrem Niedergängean die traumhaft schön und kräftig gewordene Jugend-zeit anklammert und an deren kräftigste oder auchkräftigsten Vertreter wie an einen rettenden Balken,der vor dein Ertrinken retten soll. So wird denn auchder verschollene alte Sänger aus der Wende der Zeit,da sich im Kreise des ägäischen Meeres Europa mitAsien um die künftige Herrschaft stritt, nicht nur zumallverehrten idealen Uebermenschcu, sondern auch zumAllmenscheu der gesainten griechischen Kultur: vomhieratischen Tempelvers der ältesten Zeit bis herab zudem blasierten, sportssüchtigen und doch wieder manchmalin den tiefsten Herzensgedanken hochreaktionären Spät-hellenismus.

Als wenn ungefähr, um abermals einen starkhinkenden Vergleich zu gebrauchen, das heutige Parkssich iin Rolandslied wieder finden und dessen gewaltsamaus dem Dunkel gezerrtem Säuger einen Tempel er-richten wollte: als dem ersten Heros der französischen Nation. Solche Ideen liegen freilich den Franzosenhimmelweit ab nebenbei doch immerhin ein Zeichen,daß dieselben trotz aller Reaktion wenigstens wirklich undehrlich modern, nicht in wahnwitzigen Hallucinationen be-fangen sind. Wohl aber haben wir Deutsche so manches»was uns eigentlich als recht temperamentlos unmodernerscheinen lassen könnte. Doch dafür sind auch, kannman sagen, die Deutschen, das Volk der Mitte, dieideale Nation x. L., nicht da, gottlob nicht berufen. Gewiß.

1 Aber dafür beweisen sie mit ihren« immer dringlicheren