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Sichanklammern an Goethe, mit der wachsenden Verätz-ung des „Dichtcrgcnies" Goethe, daß sie auch ihrenwirklichen Beruf zu vergessen im Begriffe sind. Unddas ist der: dem hochmodernen, sich überstürzenden Zeit-drängen das nützliche und notwendige Gegengewicht inder entsprechend reaktionären Selbstbesinnung zu stellen,in den grellenden Dythyramben-Tänzen einer gewalt-thätigen Jnsichselbstherrlichkeit einerseits und eines charakter-losen Kosmopolitismus andererseits umsomehr nach denalten unvergänglichen Idealbildern aus dem Wandel derZeiten zu suchen und die Resultate aus diesem tiefinnerlich gesammelten Sichselbstbesinnen als neue Weg-weiser und Leuchttürme in die noch dunklen Zeitläuftehinanszustellen. Je elementarer und zügelloser dasSuchen und Tasten nach der Zukunft im Zeitwandelauftritt, mit je tieferen und kräftigeren Mitteln die Zeitnach neuen, souveränen Entwicklungen strebt: um so weiter»universeller ausholend mutz die ideale Reaktion, um sograndioser müssen die Idealbilder sein, die da noch wirk-sam sein können sollen!
Damit wäre ich ungefähr wieder zum Anfang zu-rückgekommen. Gewiß: Shakespeare , eines der ewiggiltigen ErdengenieS, hat ernsteste oder auch temperament-voll hitzigste (vgl. den Shakespeare-Bacon-Streit) Pflegeund Erforschung gefunden. Dante , das Genie des infeiner Universalität aufblühenden Nomanismus (Cervantesist die Genialität des ideal sinkenden Romanismus), hatlängst eine ernste» andächtige Gemeinde von Forschernund Genießenden um sich gesammelt. Aber es sind ebennur, soweit sich nicht doch manch kleinliche Eitelkeit odergar Charlatanerie eingeschlichen hat, nur stille, weltverloreneZirkel. Goethe aber ist und wird thatsächlich immermehr der herrschende Olympier, der dichterische Gnadeverleiht, Befähigungsnachweise vertheilt: und vielleicht inden nächsten Zeiten noch mehr privilegiertes Monopolhaben wird. Die christlich-germanische Romantik aber istversandet: und mit ihr die innerlich verwandte Homer-forschung, zu der Wolf so glühende Anregung, die be-wußten oder unbewußten Halbromantiker Hermann undLachmann so schöne Anfänge gegeben hatten. Wilamowitzaber ist nochimmer eine angewunderte und mehr gescheuteals geliebte und beachtete Kassandra . Und, soweit wirheute wirklich Romantik haben, wie bei Knötel und beidem Indogermanisten Elard Meyer , der am liebsten dieganze Jlias in ein indogermanisches mythologischesHandbuch auflösen möchte, ist es brutales Pleiuair odergroteske Nacht- und Nebelromantik.
Und doch müssen wir, um die Zukunft, wenigstenszunächst die Ideale der Zukunft, zu finden, gerade dahinaus, gerade in jene Landschaft zurück, die uns einst-weilen der goethische Hain mit dahinter sich anstürmenderPagode versperrt: müssen wir trotz Goethe über Shake-speare und Dante zurück zu dem Griechen Homeros , demVielgeprüften, Vielgeliebten und Vielmißhandelten. WennShakespeare die oben angegebene Synthese darstellt, sogibt Dante ein Weltbild, dessen tragende Säule, mitAusscheiden des tragischen Humors, das sowohl dergoethischen Synthese als dem großen Shakespeare fremdeund dabei mit der Phantasie wunderbar vermählte christ-liche Ethos bildet. Homer aber vereinigt die goethischeSynthese mit dem tragischen Humor Shakespears sowohlals mit einem vielfach christlich anklingenden, jedenfallserhabenen Ethos: und steht sonach immer noch auf derhöchsten Stufe der Kunst!
Daß dieser Rückschlag trotz alles Trachtens und Sinnens
noch lange nicht oder wenigstens bei Weitem noch nichtin der entsprechenden Weise eingetreten und im Uebrigenvielleicht sehr schwierig ist, können uns unter Anderemauch gerade die weit voraus- und rückschauenden Geniali-täten Shakespeare und Goethe selbst zeigen. Denn, wennbei Dante von einer Anknüpfung an Homer selbstver-ständlich keine Rede sein kann, so konnte und hat Shake-speare wenigstens auf die troische Sage, Goethe aberdirekt auf die wiedererweckten homerischen Dichtungenzurückgeschlagen. Was aber Shakespeare in einzelnenseiner Historien aus der troischen Sage bietet, das ge-hört nicht gerade zu den besseren Auswüchsen derselben:und Goethe ist es da, wo er sich mit Homer direkt inVerbindung zu setzen suchte, fast ergangen wie dem un-geschickten Zauberlehrling. Wenn er je Fiasko gemachthat, so hat er Fiasko gemacht mit der Fortsetzung dermit einer Achilleis verwechselten Jlias und mit dem Ver-such zu der Dramatisirung der Nausikaa -Märe aus derOdyssee! Uebrigens kein Wunder: unsere große, kosmo-politisch ideal fühlende Musik hat auch bis jetzt, soweit sieAehnliches gewagt hat, noch viel mehr daneben gefühlt.Das haben, wenigstens für die Jlias, die „Trojaner inKarthago" von Berlioz bewiesen und scheint auch dieDilogie: Achill-Klytaimestra des neuen Dresdener HerosBungert beweisen zu wollen. Der geniale Tragöde Kleist gar, eine der Leuchten vöni beginnenden Jahrhundert,hat in seiner „Penthesilea " auch von der Achillsage ein fastabschreckendes Zerrbild geboten. Da sind wir mit Hebbels„Nibelungen " und mit verschiedenen der R. Wagncr'schenMnsikdramen doch immerhin noch bedeutend weiter insGermanische znrückgedrnngen. Wann diese beiden in-des endlich einmal auch ernst und wahrhaft auf unsereTalent-Cultur wirken oder gar zu Rückahnnngen desdeutschen VoWbewnßtscins führen werden und können,ist eine andere Frage, die, glaube ich, vielfach noch zusehr optimistisch angeschaut wird. In der wiedererwecktenHonierfrage selber aber schwankte Goethe, so rühmlich ervortrat, samt Schiller wie Pinien im Sturm.
Doch für eine wahre altgriechische Reaktion fehlt esvor Allem von Seiten des Volkes und der Gebildetenvorläufig noch an allen Bedingungen. Nur in den höchsten,vielfach Volks- und auch bildnngsgetrennten (ich meinedie Durchschnittsbildung) Regionen, wo man aus kräftigringender Individualität heraus zu ahnen, sowohl die Ver-gangenheit als aus ihr die Möglichkeiten und Not-wendigkeiten der Zukunft zu ahnen begonnen hat, voll-ziehen sich in aller Stille manche Vorbedingungen fürkünftige heilsame Einflüsse aus der Vergangenheit. Undmanches, was man vielfach noch als gar nicht oder nurhalb verstandene Modesache und Tändelei oder auch, vonmodernen Alfgespenstern geschreckt, betreibt, könnte,richtig gefaßt und entwickelt, dazu führen, auch einmalbreitere, gesündere Fundamente für die notwendigenEntwicklungsgänge zu finden. Und fast glaube ich, daßes einstmals zwei durchaus extreme Erscheinungen seinkönnten: das elementare Volkserwachen, das durch diesocialistische Massenentwiülnng und -Organisation immermehr herausgetrieben wird, und die hohe Jndividnalitäts-knltnr, die durch Verseichinng der Dnrchschnittsbildnngimmer tiefer und zugleich mehr verbreitet werden muß,die den Hemmstein jeder größeren Entwicklung, unserebreite, verflachte Durchschnittsbildnng, entweder zerreibenoder die notwendigen, guten Elemente assimilierend insich aufnehmen und so zu den neuen Entwicklungen mit-sortreißcn würden. Thatsächlich liegt hier eine Ent-