Ausgabe 
(10.7.1897) 39
 
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möglich ist es daher, daß die erste Heiliggeist-Kirche inHeidelberg , nebst zugehörigem Hospital, bereits durch denersten Pfalzgrafen bei Rhein, Konrad von Hohenstanfen(1155 1195), den Bruder Kaiser Friedrichs I. , der aufder Stelle des jetzigen alten Schlosses seine Burg hatte,erbaut worden ist. Im Jahre 1386, zur Zeit KaiserKarls IV., ward unter Pfalzgraf und Kurfürst Ruprecht I. (13531390) die Universität in Heidelberg gestiftet, undes fand die kirchliche Eröffnungsfeier am 18. Oktober inder vormaligen Heiliggeist-Kirche durch den Magisterund Doctor der Theologie Reginaldus, Cisterzieusermönchaus der Abtei Alva im Bisthum Lüttich, statt. Dieunter Anrufung des göttlichen Segens eröffnete Hoch-schule erfreute sich während der trefflichen Leitung ihresersten Rectors» Magister und Dr. tüaol. Marsilins abJnghem, bald eines solchen Zulaufes, daß man schonnach wenigen Jahren mehr als 500 Studenten zählte.Die Stiftungsurkunde von 1386 ertheilte auch den Buch-händlern, Bücherabschreibern, Pergamentbereitem undIlluminatoren große Freiheiten und nahm sie mit indie Privilegien der Universität auf. Kurfürst Ruprecht II. (13901398), der Neffe Ruprechts I., ließ 1390 dieJuden vertreiben, welche durch Wucher den Haß derBevölkerung anf sich geladen hatten, schenkte ihre Häuserder Universität, ihre Schule wurde zu einem Auditoriumgemacht und ihre zum Theil sehr kostbaren orientalischenCodices der Universität gleichfalls als Eigenthum über-geben. Pfalzgraf Rnpprecht III. kam 1398 zur kur-fürstlichen Regierung (von 14001410 war er deutscherKaiser); alsbald faßte er den Entschluß, zum Besten derneugegründeten Hochschule ein Collegiatstift in der be-stehenden Kirche zum heiligen Geiste zu errichten, undauf seinen Antrag willigte Papst Bonifacius IX. ein, daß imJahre 1399 zu diesem Zwecke zwölf ansehnliche Pfründenvon den Stiften zu Worms, Speyer , Neuhausen beiWorms, Mosbach und Wimpfen im Thale genommenund der Heiliggeist-Stiftskirche einverleibt wurden. Dergenannte Papst hob auch durch eine besondere Bulle diebisherige Verbindung der Heiliggeist-Kirche mit der Heidel-berger Sanct Peters-Pfarrkirche auf und erlaubte, daßvon den 16 Präbeneu, womit der Kurfürst Ruprecht I.von der Pfalz das von ihm errichtete Collegiatstift zuSanct Aegidius in Neustadt an der Haardt versehen,noch vier genommen und damit die Einkünfte des neuenStiftes zum heiligen Geiste gebessert würden. Ru-precht III. starb 1410, sein Nachfolger in der Kur,Ludwig III. , führte des Vaters Lieblingsidee vollerPietät weiter und war im Jahre 1413 mit der Ein-richtung des Stiftes fertig, was er durch eine feierlicherlassene Urkunde bekannt machte. Der Kurfürst ernanntedazu von den Mitgliedern der Universität 12 Canouikenund ebensoviele Vicarien; davon wurden den ersteren ob-genannte Pfründen und letzteren die Einkünfte besondererAltäre ertheilt. Nunmehr sprach man nur noch vomKöniglichen Stifte, znr Ehre seines fürstlichen Gründers,Ruprechts von der Pfalz, welchen man auch mit seinerGemahlin Elisabeth, Bnrggräfin von Nürnberg , im Chöredes Kirchen-Neubaues beisetzte. Leider ist von demSandstein-Denkmal nur der Deckel mit den beiden Fi-guren im Hochrelief erhalten und heute im Chorumgangeder Heiliggeist-Kirche eingemauert. Die historischen Nach-richten über diesen Neubau sind leider überaus spärlich,und dadurch ergibt sich die nothwendige Folge, aus demBaudenkmale selbst, dessen Geschichte zu entziffern.

Im jetzt existircnden Kircheuban zum heiligen Geist

ist von dem älteren Baue nichts mehr erhalten; dochläßt sich annehmen, daß dies eine kleine romanische Kirchevom Ende des 12. Jahrhunderts gewesen sein mag,welche mit der Benediktiner -Klosterkirche zu St. Michaelauf dem nahen Heiligcnberge wohl die dreischiffigeBasilikenform dürfte gemein gehabt haben. Der imStile der Gothik erfolgte Neubau der HeidelbergerHeiliggeist-Kirche steht in baulichem Zusammenhange niitder ehemaligen Liebfrauen-Stiftskirche in Worms undmit der ehemaligen St. Aegidien-Stiftskirche in Neu-stadt an der Haardt. Die Dompröpste von Worms waren gleichsam eo ipso Kanzler der UniversitätRupertina" in Heidelberg ; so hat denn bereits 1396,also 10 Jahre nach Gründung der Universität, Conradvon Gelnhausen, Dompropst zu Worms , seine Bibliothekder Hochschule vermacht. Schon im Jahre 1298 wurdean der Liebfrauen-Kirche zu Worms ein Collegiatstiftgegründet; eine Inschrift im nördlichen Seitenschiffe gibt1468 als das Jahr der Weihe an, doch bezieht sich diesoffenbar auf die gänzliche Vollendung der heute nochexistirenden dreischiffigen, kreuzförmigen, gewölbten Basilika,der zwei mit Hausteinhelmen versehenen Westthürme undvorgelegter, nach drei Seiten offener, gewölbter Vorhalle,des dreischiffigen Chores nebst Chorumganges . DieserWormser Liebfranen-Chor hat genau dieselbe Grundriß«'form, wie die Heiliggeist-Kirche in Heidelberg , einena/g geschlossenen Umgang um den ^ geschlossenen innerenChorranm. Wohl sind uns historische Daten überliefert,wonach der alljährliche Zusammenfluß von Wallfahrendenso zugenommen habe, daß die Wormser Bürgerschaftund namentlich die Zünfte 1467 beschlossen hätten, einenoch größere Kirche beim Liebfraueu-Stifte zu erbauen;doch darf man wohl annehmen, daß sich dies nur aufLanghaus und Querschiff bezogen hat, nicht aber auchauf den Chor, der sicherlich bald nach der 1298 er-folgten Errichtung des Collegiat-Stiftes seine heute noch vor-handene Disposition erhalten haben wird. So erklärtes sich denn auch sehr leicht, daß der Wormser Dom-propst, welcher zugleich Propst beiin dortigen Liebfrauen-Stiste war, als Kanzler der Universität Heidelberg demKurfürsten von der Pfalz für den Neubau der eben ge-gründeten Collegiat-Stiftskirche zum heiligen Geiste diein Worms bereits existirende Anlage, welche sich bewährthatte, zur Nachahmung empfahl.

Da das Collegiatstift zu St. Aegidien in Neustadt a. d. Haardt bereits 1354 gegründet wurde, so fandhier die Bauthätigkeit für die Stiftskirche früher als inHeidelberg statt, und dies beweisen denn auch die Bau-formen beider Anlagen. Neustadt lieferte die Baumotivefür die Behandlung der Architektur; das Langhaus isthier als dreischiffige, gewölbte Sänlen-Bastlika angelegt,die Kapitäle haben runde Form, wie in der Liebftauen-Kirche zu Trier , doch fehlt der hier angebrachte Blättcr-kranz, so daß nur glatte Plättchcn mit Nnndstäbchcnund Hohlkehlen abwechseln. Ganz die gleichen ornament-losen Kapitälkämpfer, wie St. Aegidien in Neustadt ,zeigt der Chor der Heiliggeist-Kirche zu Heidelberg beider Gestaltung in Hallenform. Der Chor der Wormser Liebfrauen-Kirche hatte die Basilikenform erhalten, derüber gleichem Grundrisse errichtete Chor der .HeidelbergerHeiliggeist-Kirche hat die Hallenform, und zwar um deß-willen, weil das Langhaus behufs Aufnahme der Uni-versitäts-Bibliothck drei gleich hohe Schiffe mit ein-gebauten gewölbten Emporen erhalten mußte. Wie dieAusführung beweist, ist dies Bauprogramm ursprünglich