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aufgestellt und auch ganz logisch und consequent zurDurchführung gekommen. Hatte man aber ein Langhausmit drei gleich hohen Kirchenschiffen unter einem gemein-samen Satteldache, so konnte man unmöglich, beimFehlen eines Querschiffes, den Chor anders wie alsHallenkirche bilden. Wenn man das Innere der Heidel-berger Hciliggeist-Kirche besichtigt, so erscheint uns dasLanghaus mit drei Schiffen von gleicher Breite, was nurgeschah, um den auf den zwei Emporen angelegtenBibliothek-Räumen eine möglichst große Grundfläche zubieten. Da aber der Gottesdienst des Collegiat-Stiftesein derart gewonnenes schmales Mittelschiff als unzweck-mäßig nicht gebrauchen konnte, so hat man vom Triumph-bogen an das Hauptschiff deS Chores entsprechend ver-breitert, dort hat es 6 Meter und hier 8 Meter 50 Centi-meter zur lichten Weite. Ein unten viereckiger Thurmvon der Mittelschiffbreite schließt das Langhaus nachWesten ab; ehedem spannte sich eine äußere, auf zier-lichen Hausteinrippen gewölbte Vorhalle zwischen den zweiwestlichen Thurmstreben ein und bildete vor dem Haupt-ortale der Kirche eine offene Laube nach Art der-euigen, welche wir heute noch an St. Sobald in Nürn-berg als sogenannte Brautthür bewundern. Auch anoer Nordseite war eine ähnliche offene Laube vor einemder Seitenportale, angelegt; die Ansätze der Sandstein-rippen des Gewölbes sind an den betreffenden zweiStrebepfeilern heute noch zu sehen, das Portal selbstist aber verschwunden, wie denn jetzt das ganze Bauwerkkein einziges Portal gothischen Stiles mehr besitzt; dieheutigen gehören sämmtlich einer späteren Zeit an undsind in schlicht klassischen Formen hergestellt.
(Schluß folgt.)
Die Bildung der Theologen.
-s- Aus Bayern . Professor Dr. Schell sprichtsich an mehreren Stellen seiner vielgenannten Broschürewegwerfend über die Seminarien und Lyceen aus, nimmtdie Wissenschaftlichkeit und Gründlichkeit des Unterrichtsfür die theologischen Universitätsfacultäten allein in An-spruch und sieht offenbar die an solchen „weltabgeschiedenen"Anstalten gebildeten Theologen als solche zweiten und drittenRanges an. Die „Mediocrits seminaristischer Systematik",von welcher S. 20 die Rede ist, kann wohl nicht andersverstanden werden. Seite 24 wird von Theologen ge-sprochen, die sich in „soliden Lehrseminarien ihre correcteGlaubenswissenschaft nach ganz bewährten Lehrbüchernund approbirten Collegheften tüchtig einprägen müssen".Auch sonst wird mit einer sehr vernehmlichen Anspielungvon einer „herrschenden Schultheologie, von bestgemeinterAscese" gesprochen (S. 52) und werden die Seminarienmit „geistiger Genügsamkeit" in Verbindung gebracht(S. 73). Die Universitäten allein sind erfüllt mit demgermanischen Nationalgeist gegenüber „der roman-ischen Rlchtmm, welche seit Jahrzehnten in der Anreolaechtester Kirchlichkeit unserem deutschen Klerus vom Seminaraus empfohlen und gepriesen wird". „Glaubt man etwa,die weltlichen Fakultäten hielten die Lehrseminarien sowiedie Lyceen für wissenschaftlich sich und auch den Uni-versitätsfacultäten gleich- oderuahestehende (!) Hochschulen Z" '; (Seite 21.)
i Schell schreibt für Deutsche und über deutsche
i Verhältnisse. Wir wissen wohl, daß die Auffassung z. B.
) französischer Bischöfe über die theologische Bildung des
^ Klerus nicht alleweg auf der Höhe sichi, obwohl auch
hier bei uns sehr gerne dort beobachtete Uebelstände ver-allgemeinert werden; aber wir glauben, es sei für diedeutschen Bischöfe, welche mit so vielen Opfern undSorgen sich Seminarien eingerichtet haben und dieselbenvon Jahr zu Jahr nach Möglichkeit zu heben und zu ver-vollkommnen sich bemühen, der Vorwurf unberechtigt»sie wollten ihren Klerus in „geistiger Genügsamkeit" ab-sichtlich erhalten. Schell nenne doch Namen oder That-sachen! Es ist ja richtig, daß diese Anstalten (Semi-narien und Lyceen) Mängel haben, aber die theologischenUniversitätsfacultäten haben sie auch. Schell sieht dieSplitter im Auge Anderer — er möge nur die Balkenim eigenen Auge nicht übersehen, sonst müßten ihn Anderedarauf aufmerksam machen. Es kommen von den Uni-versitäten Theologen an die Lyceen und Seminarien, undvon diesen solche an die Universitäten. Es werden vonihnen Vergleiche gemacht über die hier und dort ge-hörten Collegien, und diese fallen nicht immer zu Un-gunsten der „abgeschiedenen" Anstalten aus. Seminar-und Universitätstheologen machen vielerorts gemeinsamdieselben Prüfungen — können die Ersteren nicht con-curriren, oder sind sie immer die letzten?
Schell docirt an einer bayerischen Universität undsieht auch mit mitleidigem Blick auf die bayerischen Lyceenherab. Es darf jedoch sehr bezweifelt werden, ob Schellje sich davon überzeugt hat, welcher StudienLetrieb dortherrscht, denn sonst könnte er wohl nicht das Monopolder Wissenschaftlichkeit und der „tieferen Ausbildung" fürdie theologischen Universitätsfacultäten allein in Anspruchnehmen. Wir wollen im Nachfolgenden hiervon eineSkizze geben und weisen noch besonders auf die philo-sophischen und naturwissenschaftlichen Fächer hiu,bemerken auch, daß vor ein paar Jahren Schell's Naine' auf dem Neclamezettel für naturwissenschaftliche Ex-kurse eines Dilettanten stand, dessen Leistungen uns inFachkreisen nur compromittiren konnten. Der Theologeeines Lyceums macht folgenden Bildungsgang:
I. Philosophischer Curs.
1 . Philosophie (Logik, Noötik, allgemeine Metaphysik,Naturphilosophie, Psychologie, Theodicee) in wöchent-lich 8 Stunden.
2. Experimentalphysik in wöchentlich 6 Stunden.
3. Chemie (anorganische) wöchentlich 4 Stunden.(I. Sem.)
4. Botanik wöchentlich 4 Stunden. (II. Sem.)
5. Profangeschichte wöchentlich 4 Stunden.
6. Philologie (Lectüre eines heidnischen oder christ-lichen Klassikers) wöchentlich 2 Stunden.
I. Theologischer Curs.
1. Dogmatik wöchentlich 6 Stunden.
2. Kirchengeschichte wöchentlich 3 Stunden.
3. Biblische Hermeneutik wöchentl. 2 Stunden. (I.Sem.)
4. Biblische Archäologie wöchentl. 2 Stunden. (II. Sem.)
5. Hebräisch (Grammatik u. Lectüre) wöchentl. 2 Stund.
6. Geschichte der Philosophie wöchentlich 2 Stunden.
7. Moral- und Socialphilosophie wöchentl. 2 Stunden.
8. Geologie wöchentlich 3 Stunden. (II. Sem.)
9. Zoologie und physische Anthropologie wöchentlich3 Stunden. (I. Sein.)
10. Kunstgeschichte wöchentlich 2 Stunde».
11. Patrologie wöchentlich 2 Stunden.
II. Theologischer Curs.
1 . Dogmatik wöchentlich 6 Stunden