Ausgabe 
(14.7.1897) 40
 
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14. Itlli 1897.

Wage M Aligsßmgkl

Kaspar Aquila , Pfarrer von Jeugen, undBischof Christoph von Augsburg.

Das; auch in der protestantischen Geschichtschreibungder mittelalterliche Hang zur Legendcnbildung nachwirkte,ist eine hinlänglich bekannte Thatsache. Nicht erst dieszu beweisen oder auch nur die Beweise hiefür durch einenneuen Beleg zu vermehren, sondern lediglich zur Steuerder Wahrheit soll im Folgenden derFall Aquila" einerkritischen Würdigung unterzogen werden.

Ueber Kaspar Adler , oder, wie er sich mit latini-sirtcm Namen nannte, Aquila, welcher i. I. 1560 alsSuperintendent zu Saalfeld in Thüringen starb, nachdemer der Sache des Protestantismus durch UnterstützungLuthers in der Bibelübersetzung, durch zahlreiche Schriftenund durch mannhaftes Auftreten gegen das Interimwesentliche Dienste erwiesen hatte, sind mehrere Mono-graphien geschrieben worden. Dem Umfange nach diebedeutendste und durch Heranziehung reichen Quellen-materials die gehaltvollste ist die von ChristianSchlegel verfaßte Lebensbeschreibung, betitelt:Aus-führlicher Bericht von dem Leben und Tod Caspar!^uilae", Leipzig und Frankfurt 1737. Diese Bio-graphie dient bis heute als vorzüglichste Quelle für dieAquila-Artikel in den großen Sammelwerken.

Allein die Arbeit Schlegels läßt vielfach die nöthigeKritik der Quellen vermissen. Da nun seither außerJoh. Voigt (Briefwechsel der berühmtesten Gelehrtenmit Herzog Albrecht von Preußen, S. 1840) kaumjemand neues Quellenmaterial, in größerem Umfang überAquila beigebracht hat, so erklärt es sich leicht, daß dieDarstellung Schlegels bisher in keinem wesentlichen Punkteals kritiklos erwiesen worden ist, wenn sie auch neuestens,wie die vielen Fragezeichen in der Abhandlung Kawerau's(3. Aufl. der Nealencykl. f. prot. Theol.) beweisen, alssehr revisionsbedürftig anerkannt wurde.

Im Folgenden beschäftigen uns nur die BeziehungenAquila's zum Bisthnm Augsburg und zu Bischof Christophvon Stadion bis zum Jahre 1523, insbesondere dasVorgehen des Bischofs gegen Aquila wegen Häresie.

Aquila war einer angesehenen Augsburgcr Bürgers-familie entsprossen und wandte sich dem geistlichen Staudezu. Angeblich i. I. 1516 erhielt er von Bischof Hein-rich von Lichtenau die Pfarrei Jengen . Daß ihm Franzvon. Sickiugen hiezn verholfen habe (Plitt in HerzogsNcalenc. 1. Auflage), ist nicht nachweisbar. Was denZeitpunkt seiner Anstellung in Jeugen betrifft, so ist sicher,daß er im Mai 1517 dort in; Amte war; denn einevon seinem Sohne David aufgezeichnete kalendarischeNotiz, an deren Glaubwürdigkeit zu zweifeln kein Grundvorliegt, läßt ihm am 20. Mai 1517 zu Jengen einenSohn geboren werden (Schlegel 68 A. 61). Daß mauihn auf Grund dieses Ereignissesdie Ehre der Clero-gamic" allen übrigen, Luther anhängenden Priesternstreitig machen" lasse (Schlegel 66), ist in keiner Weise an-gängig, da die Voraussetzungen einer auch nur subjektivrechtmäßigen ehelichen Verbindung für die in Fragestehende Zeit völlig mangeln.

Hier ist noch ein anderer Irrthum festzustellen. Schonder Lokalhistoriker Liebe, auf den wir noch zurückzu-kommen haben, spricht in seiner LalkelcloArapkia vonder Pfarrpfründe Zeugen als einem perpingue sacer-äotium (Schlegel 65 Anm. 56); Schlegel macht aus dem

dermalen 370 Einwohner zählenden Dorfe einStäbtgcu"(auch Kawcrau:die gute Pfarrei Zeugen"). Die Ab-sicht ist ja sehr klar; allein die Sache verhält sich dochwesentlich anders. Es ist zwar gewiß, daß die Pfarr-pfründe Jengen zu den einträglichen Pfründen zählte»bevor deren Einkünfte dem bischöflichen Stuhle einver-leibt wurden, was i. I. 1454 geschah; daher finden wirauch in einem auf ältere Vorlagen zurückgehenden, nachdem Ertrage der Pfründen klassifizirten Verzeichnis; derPfarreien des Landkapitels Kaufbeuren v. Jahre 1510die Pfarrei Zeugen unter den maioros aufgeführt. Aberzu jener Zeit, als Aquila die Pfründe erhielt, warendie diesbezüglichen Verhältnisse in Folge der erwähntenJncorporation völlig verändert. Die vorwiegend imGroßzehnt bestehenden Einkünfte der Pfarrei flössen zurbischöflichen Hofkammer, welche daraus dem als vioariusperpstuus angestellten Seelsorger eine Competenz reichte.Die früheste Aufzeichnung über diese Competenz stammtaus dem Jahre 1623. Für unsern Zweck können wiruns sehr wohl an diese Aufzeichnung halten; denn keincn-falls war die Comvetenz i. I. 1520 höher als hundertJahre später; vielmehr ist nach anderwärts zu machendenBeobachtungen das Gegentheil in hohem Grade wahr-scheinlich. Im Jahre 1623 nun wurde das Gcsammt-cinkommen der Pfarrpfründe Zeugen im Durchschnitt auf270 Gulden jährlich gcwcrthct. Zur Vergleich;;»» stehteine Reihe von Einkünfteschätzuugcn umliegender Pfarreienaus demselben Jahre zur Verfügung. Die niedrigsteSchätzung schwankt zwischen 150 und 200 fl. Eine gutePfarrei jedoch, wie es z. B. damals vor der Ein-verleibung in die bischöfliche Kammer das benachbarteAufkirch noch war, wurde auf jährlich 900 fl. geschätzt.Zeugen erhob sich demnach zu Anfang des 16. Jahrhundertskaum über das Niveau einer geringen Pfründe, konntejedenfalls nicht einmal den mittelguten Pfarrpfründe»beigezählt, geschweige denn ein porpinZue saeerciotiumgenannt werden.

Seine Pfarrei hätte sonach Aquila kaum die Mittelzur Fortsetzung seiner Studien verschafft. Wenn er gleich-wohl sich um die Wende des Jahres 1520 in Witten -berg aufhalten und dort am 24. Januar 1521 denMagistergrad erwerben konnte, so hatte er dies der frei-gebigen Unterstützung des im nahegelegenen Emmenhausenbegüterten und sehr frühzeitig für Luther sich iuteressirendenAugsburgcr Patriciers Hans Houold zu verdanken.

Die allgemeine Annahme geht dahin, daß dieserzweite Besuch der Universität Witteuberg schon 1513war Aquila daselbst immatrikulirt (Kawerau) nachder Gefangenschaft im Thurm zu Dilliugen und nachEntsetzung vom Pfarramts zn Zeugen einzureihen sei.Schlegel, der Urheber dieser Chronologie, mochte betsolcher Anordnung der Daten von der stillschweigendenVoraussetzung ausgegangen sein, daß Aquila durch dasPfarramt am Besuch der Universität behindert wordenwäre. Wie wenig eine solche Voraussetzung zutreffendist, weiß jeder Kenner damaliger Mißstände auf scelsorg-lichein Gebiete. Im Gegentheile erweisen die Sicgelamts-rcchnnngen im Ordinariatsarchiv bis zur Evidenz, daßAquila noch Ende 1521 zu Zeugen im Amte war; sieführen nämlich unter den Rückständen für 1521 unterandern; auf: Caspar LcUer, Investitur; all perpetuawvioariam iu ckeuZo, teuetur aclliuo, d. h. er hattedie Jnstitntionskosten noch nicht bezahlt (nach 5 Jahren!);