282
rr war also sicher seiner Pfründe Ende 1521 noch nichtentsetzt.
Demnach kaun der Zusammenstoß zwischen Aquilaund der bischöflichen Behörde vor 1522 nicht stattgefundenhaben. Derselbe wird aber auch nicht später anzusetzensein. Freilich nennt sich Aquila in zwei im Sommer1523 gehaltenen und durch Druck veröffentlichten Pre-digten noch „Pfarrer zu Jhengen"; allein das erklärtsich hinlänglich als eine zu dem Charakter des Mannessehr wohl stimmende Mißachtung der bischöflichen Anfüg-ung seiner Absetzung. Dazu kommt, daß Bischof Christophgerade im Sommer 1522 gegen mehrere neugläubigePriester seines Bisthums einschritt. Und mit Aquilahatte er in der That bis dahin Nachsicht genug geübt.Uebrigens bezeichnet dieser selbst das Jahr 1522 als dasseiner Gefangensetzung (Schlegel 81).
Nun erzählt die Legende, Aquila fei „auf einemKarren gefänglich nach Dillingen" gebracht und „daselbstin ein hartes, unsauberes und tiefes Gefängniß gelegtworden, worin er den ganzen Winter hindurch, über einhalbes Jahr, habe liegen müssen, ohne einen warmenBissen oder eine Suppe zu bekommen" (Schlegel 74 f.;genau so auch Jocher im Gelchrtenlexikon und Zapf,Christoph von Stadion l6. Allg. d. Biogr.: „unter-irdisches Gefängniß; viel Jammer und Elend"; Plitt:„hartes Gefängniß").
Ehe wir zur kritischen Würdigung dieses stimmungs-vollen Bildes übergehen, müssen wir noch daran erinnern,daß das Mittelaltcr gegen die Gefangenen, welche sichin Untersuchungshaft befanden, ganz allgemein roh undnach unsern Begriffen grausam vorging. Sofern alsoobige Schilderung des Gefängnisses den Schein besondersheftiger und mit besonderer Standhaftigkeit ertragenerVerfolgungen um des Glaubens willen erwecken soll, istdieselbe tendenziös gefärbt. Alles oben Erzählte konntejedem Untcrsuchnngsgefangencn in jener Zeit zustoßen,gleichviel weßhalb er in Untersuchung gezogen war.
Was an der Schilderung gewiß als richtig ange-nommen werden darf, ist die zwangsweise Ueberführungnach Dillingen. Denn nach dem ganzen CharakterAqnila's ist es zuin vorhinein zu erwarten, daß er einerbischöflichen Vorladung nicht Folge leistete und deßhalbzwangsweise nach Dillingen verbracht werden mußte.Aber doch wohl kaum auf einem Karren. Auf solch ent-ehrende Weise wurden gemeine Verbrecher an den Sitzdes Gerichtshofes verbracht, wie man sich aus der ChronikClcm. Senders (Chroniken d. deutschen Städte 23, 160)überzeugen kann.
Thatsache ist ferner Aqnila's Haft in Dillingcn.Eine solche mutz schon um der Untersuchung willen an-genommen werden. Zudem spricht er selbst davon, daßer im Thurm zu Dillingen gelegen sei (Schlegel 81).Die Angabe über die Haftdauer dürfte eine Uebertreibungsein, wie sich noch zeigen wird. Die Möglichkeit, daßdie Haft in den Winter 1522/23 fiel, ist nicht auszu-schließen.
Ganz ablehnend müssen wir uns aber weiterhin ver-halten hinsichtlich der Schilderung, wie die Haft ihr rühmlichesEnde fand. Darüber weiß Schlegel (S. 75 f.) folgendeszu berichten: Es hätten sich unterschiedliche Patricier inAugsburg beim Kaiser für Aquila verwendet; dieserhabe seine Schwester Maria (Jsabella) nach Dillingengeschickt (I). Der Bischof habe sie da mit allen Ehrenempfangen, sie aber habe sich geweigert, vom Wagen ab-zusteigen, bis er ihr nicht eine Bitte gewähren wolle;
nach erhaltener Zusage habe sie Aquila freigebeten,„worauf zwar der Bischof in etwas gestntzet und sich ent-färbet hätte, denn er bereits beschlossen gehabt, dentlguilum des andern Tages hinrichten (i) zu lassen,solches jedannoch ihr als einer sehr großen Dame purironour nicht abschlagen können".
Für diese Mittheilungen bezieht sich Schlegel aus„unterschiedliche geschriebene Nachrichten"; aus den Ci-taten ergibt sich näherhin, daß hiefür frühester Gewährs-mann Silvester Liebe ist» ein geborner Saalfelder, Bürgermeister zn Naumbnrg, in seiner nur handschrift-lich vorhandenen, im Jahre 1625, also 65 Jahre nachAqnila's Tode, verfaßten 8a.1k6läoZrLxftia., derselbe»welcher auch in einer Anwandlung von lokalpatriotischerSchwäche für seinen Helden aus der Pfarrpfründe Zeugenein parpinZua sacorckotiuin gemacht hat. Zwar be-richtet Liebe noch nichts von einer Verwendung Augs-bnrgischer Patricier beim Kaiser — dieser Zug der Legendegeht auf andere handschriftliche Nachrichten zurück, derenGlaubwürdigkeit dadurch eine bedenkliche Beleuchtung er-hält, daß einige von ihnen die selbst von Schlegel abge-wiesene Märe enthalten, der Bischof habe den hart-näckigen Pfarrer in einen großen Fenermörser laden undüber die Mauer hinausschießen lassen wollen —, aberdie Erzählung von dem im äußersten Moment erfolgen-den rettenden Eingreifen der Schwester des Kaisers mitall den oben erwähnten Umständen geht auf diese trübeQuelle zurück (Schlegel 76 Anm. n.).
Soviel ich übersehen kann, ist der Bericht Liebe's in dem Punkte, daß der Bischof Aquila habe hinrichtenlassen wollen, ganz allgemein preisgegeben. Nirgends inden Darstellungen aus neuerer Zeit, wenn wir vomFreiburger Kirchenlcxikon 1. Anst. (10, 326) absehen,wurde dieser, mit dem sonstigen Auftreten und dem Cha-rakter Stadions ganz unvereinbaren Absicht Erwähnunggethan. Dagegen halten auch die Neueren unbedenklichan der Verwendung der Schwester des Kaisers fest;Kaweran ist der erste, der auch hier durch ein Frage-zeichen Bedenke» erhebt.
Und mit Recht, wenn nämlich ein Brief des RittersHans von der Planttz an Kurfürst Friedrich vonSachsen vom 28. Februar 1523 auf den Fall Aquilazu beziehen ist. Durch eine Anfrage des mit Heraus-gabe des Briefwechsels zwischen dem Ritter und demKurfürsten beschäftigten Herrn vr. Virek in Weimar habe ich von dem Briefe Kenntniß erhalten, und der ge-nannte Gelehrte gestattete nur in entgegenkommendsterWeise, von seiner Mittheilung, Gebrauch zn machen.Planitz schreibt: „Eyn brister ym stift Angspnrgk hatauch das ewangelium geprediget und also, das es dembischoff nicht gefallen. Darnmb der prister ist ange-nomen (— gefänglich eingezogen) worden; hat man ymzn seyner erledigung eynen urfrid oder eydt vorgehalten.
. . . Als nun der arm brister auf den morgen hett deneydt thun sollen, yst er den abent zuvor darvon kamen,sich under die grasten von Ottyngen gewant, die »einensich seyn an und dem bischoff ist nicht woll darbey."Daß hier von einem von Erfolg begleiteten Flucht-ausbruch die Rede ist, bedarf nicht erst des Beweises.
Verschiedene Umstände legen die Beziehung diesesBerichtes auf Aquila nahe. Vor allem paßt derselbeaußer auf Aquila auf keinen jener Priester, von welchenbisher bekannt geworden ist, daß Bischof Christoph imJahre 1522 oder Anfang 1523 wegen Häresieverdachtesgegen sie einschritt. Es kommen hier in Betracht Kaspar