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16- Juli 1897.
Alts der Hinterlassenschaft des LxsreitugHätieus.
(Nach Vortragen in der Anthropologischen Gesellschaftund im Historischen Verein von Oberbayern zu München .)
In der gegenwärtigen Zeit ist der „Militarismus "ein politisches Schlagwort geworden; man klagt darüber,das; er unsere ganze Zeit beherrsche und ihr seinen Stempelaufpräge. Spätere Geschlechter, deren Gunst und Haßnicht mehr vom Standpunkte der Parteien beeinflußt sind,werden darüber ruhiger urtheilen, als die eigenen Zeit-genossen, und mehr als die Kosten und die Lasten desMilitarismus werden ihnen vor Augen stehen die ganzaußerordentlichen Leistungen unseres Heeres in Friedenund Krieg, als Träger einer erhabenen kulturellen Mis-sion für die Erziehung des Volkes (in diesem Punktewird wohl auch die Zukunft andrer Meinung sein. D. R.),als Pfeiler und Schirmer der staatlichen Ordnung, alsdas scharfe Werkzeug der Politik, als Schild und Hortdes köstlichsten Gutes, des Weltfriedens.
Von diesen Gedanken geleitet, bitte ich Sie, IhreBlicke rückwärts zu lenken, in eine feruentlegene Zeit,da der „Militarismus " ebenfalls schwer auf unser engeresHeimathland drückte, da die römischen Adler ihre Fittigedarüber breiteten. Damals gehörte ganz Südbayern,nämlich die Kreise Ober- und Niederbayern fast total,der Kreis Schwaben insgesammt und außerdem ansehn-liche Striche von Mittelfranken, zur Provinz Rätien .Dieselbe besaß eine außerordentliche militärische Wichtig-keit für das römische Reich, denn Rätien diente seinemHerzen, Italien , zum Schilde; eS lag wie ein Glacisvor dein mächtigen Alpenwalle, und durch dasselbe hin-durch führten die Einbruchsstraßen der germanischenVölker zu den lockenden hesperischen Gefilden. Dem ent-sprechend war die ganze Verwaltung der Provinz, warenihre sämmtlichen Einrichtungen vom militärischen Gesichts-punkte aus getroffen und den militärischen Forderungenanbequemt. Ihre Belegung mit Truppen ist niemalsgering zu nennen, wiewohl sie im Laufe der vier Jahr-hunderte römischer Herrschaft je nach den Zeitverhältnissenauch dem Wechsel unterworfen war. Diese Truppen garni-souirtcn, mit Ausnahme einer Besatzung zu Augsburg uiü)kleineren Detachements an einigen Etappenplätzen, aus-schließlich an der Nordgrenze Rätiens gegen die Ger-manen. Ein derartiger Sachverhalt entsprach einemrömischen Grundsätze, welcher theils auf Motiven derinneren Politik, theils auf der Nothwendigkeit beruhte,den Grenzsaum des Imperiums von den Gestaden dersturmgepeitschten Nordsee bis zum glühenden Wüstensandder Sahara und den schwülen Enphratniederungen gegendie „Barbaren" zu schützen.
Nun standen aber die Marksteine dieser MischenNordgrcnze nicht für alle Zeiten unverrückbar fest. Un-mittelbar nach der Eroberung des Landes durch Drusus und Tiberius im Jahre 15 v. Chr. bildete der Wasser-graben der Donau die Grenze; kürze Zeit darauf erfolgteaus militärischen Rücksichten ihre Vorschiebung über denStrom hinüber, und vom Ausgange des ersten bis zumEnde des dritten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnungläuft die Grenze von Passau (La.ta.vi8) die Donau herauf bis Haderflcck oberhalb Kelheim , dann von dalängs der Teufelsmauer bis an die Württembergischen
Greuzsäulen bei Möuchsroth unweit Dinkelsbühl und aufdem Boden unseres Nachbarkönigrciches bis zum Nord-abfall der Alb. Als die Alamauuen mit dem Ausgangsdes 8. Jahrhunderts den Greuzwall durchbrachen, dasDekumateulaud in Besitz nahmen und bis zum Bodcnseevordrangen, wichen die römischen Truppen wieder hinterdie Donau zurück, und in den letzten 120 Jahren derrömischen Herrschaft hielten sie die Wacht an der Nord-grenze abermals dem Laufe des Stromes von der Jnn-bis zur Jllermündung entlang, wie in der ersten Periode,indessen im Westen ihre Posten an der Jllcrlinie standen.Abgesehen von der Blüthczeit der römischen Herrschaftstehen also die Grenzsäulen Rätiens acgcn das germanischeAusland nur auf bayerischem Boden, und ich will deß-halb mit meiner Schilderung über die weißblauen Pfählenur dann hinüberstreifen, wenn es das Gesammtbildoder eine kleine Zeichnung der Einzelheiten erheischt.
Nach der Provinz hießen die Besatznugstruppenkixaraitug Lätiorw, wofür wir am besten die Ueber-setzung „Rätisches Armeekorps" gebrauchen. Dieser Namefindet sich aus Inschriften und auf Münzen, die zu Ehrendes Kaisers Hadrian (117—138 n. Chr.) mit Angabeder von ihm inspicirten Truppenkörper geschlagen wurden.So anziehend die Betrachtung der Organisation des rät-ischen Armeecorps oder der von ihm gespielte» krieger-ischen Rolle auch wäre, muß ich hier doch darauf einzu-gehen verzichten. Ich will nur erwähnen, daß die Stärkedesselben bis zum Markomauueukriege (166—180 n. Chr.)ungefähr 9000 Kombattanten betrug. Damals bestandes nur aus Truppen zweiter Klasse, Hilfstruppcn(anxilia). In Folge dieses Krieges wurde nun aberauch eine Abtheilung der römischen Kerntruppen, eineLegion, die IwZio III Italien, nach Rätien verlegt,und zwar in den Hauptwaffenplatz der Provinz, Castro,LeZma (d. i. Rcgensburg). Dafür wurden einige Ab-theilungen Hilfstruppcn zurückgezogen, so daß die Be-satzuugsstärke ungefähr die gleiche blieb. Um die Wendedes 3. zum 4. Jahrhundert hat das Mische Armeccorpseine vollständige Umwälzung erfahren und besitzt eineStärke von 3000 Reitern und 10 — 12000 MannInfanterie; eine Ziffer, die für sich allein schon ver-kündet, daß die Kriegsläufte der Völkerwanderung an-gebrochen sind.
Außer diesen Truppen des stehenden Heeres hattennoch die verschiedenen Städte Mnnicipalmilizen, betreffsderen wir vermuthen dürfen, daß ihre Organisation inallen oivitatao, d. h. in allen sclbststäudigen städtischenVerwaltungsbezirken, bestand, in Rätien also in Brcgenz,Kcmpteu, Epfach und Augsburg, ebenso wie Rätien selbsteine reguläre Proviuzialmiliz besaß. Hierüber meldet uusz. B. Tacitus, daß die ganze jugendliche BevölkerungRätiens abexerciert war, sowie über iloriauw, daß dessenLandesaufgcbot im Kampfe der Throuprätcndeuteu Othound Vitellius zur Besetzung der Wcstgrenze der Provinzam Jnn verwendet wurde. Es sind das Einrichtungen,welche ungefähr den modernen entsprechen, der Landsturmwenigstens dem uusrigen, die städtischen Milizen abernicht etwa unserer selig entschlafenen Bürgerwchr, sondernder goicia modile und Aareio s-'Oentair« des zweiienfranzösischen Kaiserreichs.
Kaiser Alexander Scvcrus (222—235) endlich be-gann mit der Errichtung einer besonderen Grenzniiliz;das waren die militzss oewlMam, Unütnusi und