Ausgabe 
(14.7.1897) 40
 
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Heidelberger Schlosse behalte». Seine Nachfolger Kur-fürst Philipp, dann Ludwig V. (1508 1544) undFriedrich II. (1544 1556) theilten diese edle und kost-spielige Liebhaberei, wie später auch Otto Heinrich (1556bis 1559). In Italien liest Kurfürst Philipp durch dengelehrten Agricola (1485 -j) Handschriften griechischer undrömischer Autoren ankaufen und einverleibte dem Stifteauch die Bibliothek des Pfalzgrafcu Johann (1486 f)von der Mosbacher Linie, gewesenen Dompropsts zuAugsburg , sowie die von Agricola vermachte Prtvat-bibliothck. Der Wormscr Bischof und kurfürstlicheKämmerer Dalberg half treulich die Schätze mehren,besonders geschah dies durch die Büchcrsammlnng deruralten Abtei Lorsch. Kurfürst Ludwig V. sammeltevornehmlich medicinische Bücher, Friedrich II. liebte wiederbesonders Werke deutscher Dichtkunst, daneben wurde inFrankreich, Italien und Griechenland Neues angekauft.Schon war die Sammlung der Palatiua so bedeiltendangewachsen, daß Friedrich II. eigens dafür den rundenBibliotheks-Thurm auf dem Schlosse errichten ließ. Nunkam Otto Heinrich , welcher den edlen Hang seiner Vor-fahren theilte; auf seinen Reisen im Oriente hatte sichder nachmalige Kurfürst sehr werthvolle Werke gesammelt,deren Derzeichniß noch erhalten ist. Als Otto Heinrich im Jahre 1556 die Regierung antrat, brauchte er denin der Nähe des von ihm errichteten Schloßtheiles be-stehenden Bibliotheks-Thurm für seine Nechnungskammerund ließ die gesammte Libliotsiooa krüatiua zu derfürstlichen Stifts-Bibliothck in dieHeiliggeist-Kirche bringen,freilich nur interim, bis er auf dem Jettenbühl einenbequemen Neubau aufgeführt haben würde, welchen derettvas wohlbeleibte Regent leicht in seinem Wagen er-reichen konnte. Allein der Tod rief schon im Jahre 1559Otto Heinrich ab, ehe der Neubau auch nur begonnenwar, nie kam derselbe zur Ausführung, und so blieb dieLidliotlioou Lalatina in der Heiliggeist-Kirche bis zurZeit geborgen, wo sie nach Rom wandern mußte. (SieheGeschichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung deralten Heidelberger Büchersammluugen von Hofrath Fried-rich Willen zu Heidelberg » 1817.)

Unter Kurfürst Otto Heinrich wurde in der Stifts-kirche zum heiligen Geiste der protestantische Gottesdiensteingeführt, entfernt wurden die Altäre, Bildwerke undGemälde, wodurch denn natürlich das Stift den größtenTheil seiner Einkünfte verlor, weil in Folge dieser Ver-änderung die von Papst Bouifacius IX. damit vereinigtenPräbcndeu zu Worms, Speyer , Neustadt, Nenhausen undWimpfen im Thale von den Kirchen stiften, welche dieselbenzu entrichten hatten, entweder ganz zurückbehalten oderaber nur zwangsweise und spärlich bezahlt wurden. Dienoch übrigen drei Präbenden überließ Otto Heinrich imJahre 1557 der hohen Schule zu Heidelberg , die all-eren Gefalle der Stiftskirche zum heiligen Geiste wurden^er geistlichen Güter-Verwaltnng übergeben und so dasganz Collegiat-Stift völlig aufgehoben. Nach der Schlachtbei Wimpfen ain 6. Mai 1622 und der Eroberung.Heidelbergs durch die Bayern unter Tilly, im September1622, wurde die Heiliggeist-Kirche sammt allen anderen.Kirchen der ganzen Pfalz , bei der Wiedereinführung deskatholischen Glaubens von 1622 1632, dem protestant-ischen Gottesdienst entzogen und dabei die ganze überauswcrthvolle Bibliothek nach Rom verschenkt. Der päpst-liche Legat Leo Alacci ließ dieselbe in 184 Kisten von

100 Manlthieren über die Alpen und in den Vaticanverbringen, von wo im Jahre 1815 Einiges, so nament-lich 890 Handschriften, Heidelberg zurückgegeben wurden.Bald nach der Wegführung der berühmten Büchersamm-lung hielt Professor Dr. Schmidt eine Predigt in Heidel-berg, welche 1640 in Straßburg im Drucke erschienenist. Klagend ruft der Professor, welcher die Verschleppungselbst mit angesehen hatte, in jener Predigt aus:Soist sie denn dahin» die weltberühmte Bibliothek, welcheeinst ini obern Theile der Kirche zum heiligen Geistestand." Hierdurch haben wir eines Zeitgenossen authentischeBestätigung über den Aufstellungsort der Libliotllooakalatina, auf den Emporen über den gewölbten Seiten-schiffen des Langhauses der Heiliggeist-Kirche . Man be-klagt es, daß Herzog Maximilian von Bayern eine sogroßartige, werthvolle Sammlung an Urban VIII. ver-schenkte und diese Deutschland für alle Zeiten entführtwurde, um fortan den Glanz und Reichthum der vati-kanischen Bibliothek erhöhen zu helfen: was für Deutsch-land ein Verlust schien, das war für die Sammlung alssolche ein Glück. Ohne Frage wäre sie bei der Zer-störung der Stadt Heidelberg durch die französischen Mordbrenner in Asche verwandelt worden. In Heidelberg blieben nach dem Unglückstage, dem 23. Mai 1693, nureinige wenige Häuser und die Heiliggeist-Kirche übrig;auch sie war im Innern verwüstet, der schieferbedecktehölzerne Helm des Glockenthnrmes und alle Dachungeuder Kirche abgebrannt, nicht einmal die Gräber der vier-zehn im Chöre beigesetzten Kurfürsten waren von Melac'sHorden verschont worden. Nach den durch BaurathBehage! gemachten Untersuchungen sind die heutigen Ge-wölbe des Chores der Heiliggeist-Kirche nicht die ur-sprünglichen, woraus wir auf deren Einsturz in Folgtder Verwüstung vom Jahre 1693 schließen dürfen; beider Erneuerung wurden sonderbarer Weise die Kämpferder Rippengewölbe des Chorumgangcs in die Kämpfer-Höhe der da befindlichen Maßwerks-Fenstcr gerückt, undes liegen diese nun hier weit über einen Meter höher,als bei den freistehenden Säulen. Die Gewölbe desdreischiffigen Langhauses einschließlich der beiden Biblio-theks-EmPoren sind noch die ursprünglichen, was durchdie sknlptirten Gewölbe-Schlußsteine bewiesen wird. AnStelle des ehemaligen Satteldaches, welches sich noch betalten Darstellungen in Heidelberger Stadtansichten vor1693 zeigt, erhielt die Heiliggeist-Kirche nun einMansardendach und das Achtort des Glockenthurmesein zopfiges Schieferdach. Zu allen Unbilden, welcheder Kirche zum heiligen Geiste im Laufe der Jahr-hunderte zugefügt wurden, gehört auch die 1705 er-folgte Errichtung einer Scheidemauer zwischen Chorund Langhaus, um zwei verschiedenen Religions-Genosseu-schaften die Vornahme des Gottesdienstes getrennt zu er-möglichen. Im Jahre 1886 bei der fünfhundertjährigenJubelfeier der Heidelberger Universität, dem Zeitpunkteder letzten Restauration der Kirche zum heiligen Geiste,wo der feierliche Festakt darin abgehalten werden sollte,konnte mit freiwilliger Zustimmung der verschiedenenchristlichen Konfessionen die entstellende Mauer nieder-gelegt werden, und es vermochte nun das ehrwürdigeGotteshaus die große Zahl der aus Fern und Nah er-schienenen Festtheiluchmer aufzunehmen.

Peranlw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. Druckn. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg .